„Die ultimative Verknüpfung von Forschung und Lehre“

Experteninterview zum Thema „Scholarship of Teaching and Learning"

Der Ansatz „Scholarship of Teaching and Learning“ (SoTL) unterstützt Lehrende dabei, die eigene Lehre zu untersuchen und zu reflektieren. Wie das Konzept zum Gelingen guter Lehre beiträgt, erklärt Professor Robert Kordts-Freudinger im Interview. Beim Tag der Lehre 2017 vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) am 8. Dezember wird der Paderborner Experte an der CAU zu Gast sein.

Herr Kordts-Freudinger, zu welchem Anlass haben Sie damit begonnen, sich mit „Scholarship of Teaching und Learning“ (SoTL) auseinanderzusetzen? Und was am Thema hat Sie so sehr gepackt, dass Sie heute sogar Workshops dazu anbieten?

Professor Robert Kordts-Freudinger: Das erste Mal habe ich bei einem Austausch an einer kanadischen Universität von „Scholarship of Teaching and Learning“ gehört und war von Anfang an fasziniert. Die Idee, dass Hochschullehrende ihre eigene Lehre mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen und das Ganze dann auch noch veröffentlichen, finde ich immer noch großartig. Damit nutzen wir als Lehrende die Methoden, die wir aus der Forschung kennen mit dem Ziel, die Lehre zu verbessern. Für mich ist das die ultimative Verknüpfung von Forschung und Lehre in einem speziellen Fach, auch im Sinne Humboldts. Und nebenbei entstehen noch wissenschaftliche Artikel, die zitiert werden können und zur fachinternen Diskussion über Lehre auf hohem Niveau anregen sollten.

 

Haben Sie ein konkretes Beispiel parat, um das Konzept SoTL und  die sich daraus ergebenden Chancen für Hochschullehrende kurz zu veranschaulichen?

Ein Beispiel, das ich immer gern zitiere, ist ein Projekt einer Kollegin aus der Literaturwissenschaft. Sie hatte überlegt, in einem Seminar zum ersten Mal einen Blog einzusetzen, auf dem die Studierenden Begriffe definieren und andere Texte erstellen sollten. Es war aber unklar, wie die Studierenden den Blog überhaupt nutzen würden. Nach längerem Überlegen hat sie dann unter anderem die Texte, die die Studierenden im Blog erstellt haben, qualitativ-interpretativ ausgewertet und Schlussfolgerungen daraus für die folgenden Seminardurchgänge gezogen. Das Beispiel zeigt für mich sehr gut, wie man als Geisteswissenschaftlerin mit Methoden, die man bereits aus der eigenen Forschung kennt, eine E-Learning-Fragestellung empirisch untersuchen kann. Nachzulesen übrigens in der Zeitschrift „die hochschullehre“ in der Kategorie Praxisforschung.

 

Wo liegen die Grenzen? Was kann und will SoTL nicht leisten?

Definitiv bedeutet SoTL durchzuführen, sich auf eine längere, teilweise auch beschwerliche Reise zu begeben. Den Aufwand sollte man nicht unterschätzen; die Paderborner Kolleginnen und Kollegen benötigen üblicherweise ein Jahr für die Fertigstellung des Projekts. Außerdem wichtig ist eine gute Betreuung durch Kolleginnen und Kollegen, die sich mit empirischen Forschungsmethoden gut auskennen. Da SoTL als Projekt durchgeführt wird, geht man für ein Thema sehr in die Tiefe. Das heißt, man erhält weniger einen Überblick über zum Beispiel den aktuellen Forschungsstand in der Hochschuldidaktik allgemein, sondern man wird Expertin oder Experte auf einem Gebiet. Ansonsten braucht man Neugier auf neue Einsichten über die eigene Praxis, Offenheit, sich mit auch fachfremden Themen und Forschungsmethoden zu beschäftigen, und generell die Motivation, die eigene Lehre wissenschaftlich zu reflektieren.

 

Die eigene Lehre zu untersuchen und kritisch zu hinterfragen, fällt sicher nicht immer leicht. Können Sie einige Punkte nennen, die dabei helfen, im Laufe eines SoTL-Prozesses einen offenen Blick zu behalten und die richtigen Fragen zu stellen?

Definitiv der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls ein SoTL-Projekt durchführen. Deshalb arbeiten wir in Paderborn mit einer Gruppe von Lehrenden, die dies gleichzeitig tun. Darüber und über den Austausch mit den betreuenden Kolleginnen und Kollegen erhält man immer wieder den Blick von außen und damit auch aus anderen Fachdisziplinen, also Hinweise auf Literaturquellen, auf Forschungsmethoden, auf Auswertungsmethoden, Tipps beim Schreiben des Berichts und so weiter. Im Übrigen gibt es im SoTL-Prozess vermutlich keine Person an der eigenen Hochschule, die sich so gut mit diesem Thema auskennt wie man selbst!

 

Herr Kordts-Freudinger, wir freuen uns sehr, Sie am 8. Dezember beim Tag der Lehre von PerLe an der Kieler Universität begrüßen zu dürfen! Was genau erwartet denn die Teilnehmenden Ihres anderthalbstündigen Workshops mit dem Titel „Die eigene Lehre systematisch untersuchen – Einführung in Scholarship of Teaching and Learning“?

Vielen Dank für die Einladung! Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer werden mit einer Vorstellung von Scholarship of Teaching and Learning und der eigenen Einschätzung, ob und wie das Konzept für sie selbst geeignet sein kann, aus dem Workshop herauskommen. Außerdem geht es darum, eine erste Fragestellung für ein mögliches SoTL-Projekt zu finden, die man eventuell später untersuchen könnte. Und da wir so viel über den Austausch sprachen: Dort lernen Sie Kolleginnen und Kollegen aus Ihrer Hochschule kennen, mit denen zusammen man eventuell SoTL beginnen kann!

 

Haben Sie Tipps für Lehrende, die nicht an Ihrem Workshop teilnehmen können? Welche ersten Schritte in Richtung SOTL bieten sich an?

Es gibt eine ganze Menge Literatur, die die Umsetzung Schritt für Schritt sehr anschaulich beschreibt, bisher allerdings meines Wissens auf Englisch. Die Website „Doing SoTL“ der Vanderbilt University, verschiedene Bücher unter anderem von Kathleen McKinney oder Berichte von SoTL-Konferenzen wie der EuroSoTL sind hierfür gute Startpunkte. Weitere Beispiele für SoTL-Projekte finden sich unter anderem bei der „hochschullehre“ oder in den deutsch- oder englischsprachigen Zeitschriften zur Lehre in einem Fachgebiet, die man im Netz oder über Datenbanken findet. Beispiele hierfür sind die Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft, Psychology Learning and Teaching oder das Journal of Engineering Education. Ansonsten würde ich Mitstreiterinnen und Mitstreiter suchen, aus dem eigenen Fach oder aus anderen Fächern. Die Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen mit Expertise in empirischen, psychologischen oder pädagogischen Forschungsmethoden, haben wir schon angesprochen. Lehrende der Universität Zürich haben sich zum Beispiel mit SoTL „einfach so“ beschäftigt und beginnen nun ihre SoTL-Projekte.

 

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

 

Mehr über den Tag der Lehre 2017, Programm und Anmeldung erfahren Sie hier:
www.perle.uni-kiel.de/de/tag-der-lehre-2017.

 

Informationen und Unterstützung an der CAU zum Thema SoTL erhalten Sie durch Sabine Reisas (PerLe): 0431/880-5941, sreisas@uv.uni-kiel.de.

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