Geschichte schreiben lernen

Schreibwerkstatt für Historiker_innen

Fachliche Schreibkompetenzen individuell fördern – das hat sich der Kieler Geschichtsdozent Moritz Glaser zur Aufgabe gemacht. In seiner Schreibwerkstatt übten Studierende Schreibformen ein, die speziell für Historiker_innen zum Kerngeschäft gehören. Doch worin bestehen eigentlich die größten Herausforderungen für Studierende im Schreibprozess? Und welche methodischen Hilfestellungen bringen sie wirklich voran?

Dieses Lehrprojekt wurde mit dem PerLe Fonds für Lehrinnovation gefördert.

Poster_Schreibwerkstatt

 

Text: Moritz Glaser, Projektinitiator

Verständlich wissenschaftlich schreiben zu können, gehört zum Handwerkszeug von Wissenschaftler_innen. Gerade für Historiker_innen ist eine hohe Schreibfertigkeit auch über die Universität und die wissenschaftliche Karriere hinaus von großer Wichtigkeit. Tatsächlich findet während des Geschichtsstudiums eine gezielte Förderung der Schlüsselkompetenz Schreiben nur bedingt statt. Im Fokus der angebotenen Schreibwerkstatt stand deshalb die gezielte Förderung des individuellen Schreibprozesses der Studierenden durch methodische Hilfestellungen.

Ausgangspunkt

 „Mein größtes Problem beim Schreiben von Hausarbeiten ist die Entwicklung einer Fragestellung. Auch wenn ich mich sehr gut in das Thema eingearbeitet habe, weiß ich manchmal nicht, wie ich dazu spannende Fragen formulieren kann und diese dann auch noch in der Hausarbeit beantworten soll.“

Dieses und viele weitere Probleme beschäftigten die Studierenden, die die Schreibwerkstatt Geschichte im letzten Semester besuchten. Schwierigkeiten, die nicht selten unter Studierenden der Geschichtswissenschaft sind. „Wir erleben es im Fach Geschichte häufig, dass Studierende eine Hausarbeit oder einen Essay abgeben, die zwar eine Fülle von Informationen und historischen Details enthalten, aber über eine Aneinanderreihung von Fakten und historischen Details nicht hinausgehen. Oft fehlt einfach der analytische Zugriff auf das Material, der ja eigentlich der Kern des Schreibprozesses sein sollte,“ meint Moritz Glaser, der die Schreibwerkstatt Geschichte im Rahmen des PERLE-Fonds für Lehrinnovationen initiierte. Der Ausgangspunkt der Schreibwerkstatt lag also bei konkreten Problemen und Schwierigkeiten der Studierenden, denen im Rahmen der Veranstaltung Gelegenheit gegeben werden sollte, ihre persönliche Schreibkompetenz im Fach Geschichte zu verbessern und ein Repertoire an Methoden kennenzulernen, wie sich Schwierigkeiten beim Schreiben überwinden lassen.

Konzeption

Methodische Hilfestellungen ermöglichten den Studierenden, in einem geschützten Raum ihre individuellen Schreibfertigkeiten zu verbessern. Die Studierenden hatten innerhalb der Schreibwerksatt die Möglichkeit, entstandene Probleme zu thematisieren und über ihre eigenen Schreibprozesse zu reflektieren. Dabei kamen Methoden zum Einsatz, die zum „Schreibdenken“ (Ulrike Scheuermann) anregten und damit die Studierenden in die Lage versetzen sollten, Schreiben nicht nur als Verschriftlichen von Gedanken zu begreifen, sondern auch als Weg, das eigene Denken zu ordnen und auf neue Ideen zu kommen.

Die Schreibwerkstatt förderte so nicht nur die wissenschaftliche Schreibkompetenz, sondern auch Arbeits- und Zeitmanagement, Ideenfindung, Kreativität und Organisation. Im Fokus standen dabei die Arbeit an eigenen Texten und die praktische Umsetzung von vorgestellten Methoden. Besonders wichtig waren hier, der Austausch und die Zusammenarbeit mit Kommiliton_innen. Insgesamt war die Schreibwerkstatt darauf ausgelegt, die Spezifika des geschichtswissenschaftlichen Schreibens, das insbesondere das Entwickeln einer selbstständigen Argumentation auf der Grundlage historischer Quellen beinhaltet, den Studierenden näherzubringen.

Den Studierenden wurden in jeder Sitzung eine oder mehrere Methoden vorgestellt, die dabei helfen sollen, klassische Probleme des Schreibprozesses konstruktiv zu lösen: die Themenfindung, die Fragestellung, die Gliederung, die Argumentation auf der Basis historischer Quellen oder das Schreiben eines Fazits. Meist setzten die Studierenden die Methode direkt im Anschluss in die Praxis um. Häufig arbeiteten die Studierenden dabei in Gruppen, um sich mit ihren Kommoliton_innen auszutauschen und gemeinsam auf neue Ideen zu kommen. Im Anschluss daran wurden die Ergebnisse dieser Arbeit in der Seminardiskussion besprochen.

Methodisches Beispiel

Wie eingangs erwähnt, gaben viele Studierende im Rahmen der Evaluation an, Probleme bei der Themenfindung oder der Entwicklung einer Fragestellung zu haben. So widmeten sich die ersten Sitzungen diesem Themengebiet.

Zuerst lernten die Studierende die Methode der „Denkskizze“ (Scheuermann) kennen. Hierzu wurde ihnen ein Bild vom Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz vorgelegt, daraufhin hielten die Studierenden ihre Assoziationen zu dem Bild fest. Diese Assoziationen wurden danach in einer Mind-Map konkretisiert und geordnet. Zur weiteren Eingrenzung der Themas fanden sich die Studierenden in Gruppen zusammen. Alle notierten auf einem Zettel drei konkrete Themen aus ihrer Mind-Map. Diese Zettel rotierten in der Gruppe und jeder konnte in einem begrenzten Zeitrahmen seine Assoziationen oder Ideen zu dem übergeordneten Thema verschriftlichen.

In der folgenden Sitzung, die die Gastdozentin Fridrun Freise vom Universitätskolleg Hamburg leitete, wurde anhand der zuvor erarbeiteten Ergebnisse eine konkrete Fragestellung entwickelt. Unter Beachtung der zuvor gelernten Eingrenzungsaspekte wandten die Studierenden die Methode des Dreischritts zur Themenfokussierung an:

  1. Thema benennen ⇒ Worüber schreibe ich?
  2. Fragestellung einarbeiten ⇒ Was will ich wissen?
  3. Untersuchungsziel definieren ⇒ Warum will ich das wissen?

 

Das Ausfüllen des Rasters für den Dreischritt ist eine Methodenidee aus der Schreibberatungspraxis (vgl. Grieshammer u.a. 2012, S. 178f). Für Fridrun Freise stellt dieses Vorgehen für viele Studierende einen echten Mehrwert dar:

„Erfahrungsgemäß überlegen sich viele Studierende beim Ausfüllen des dritten Schritts ‚Untersuchungsziel definieren‘ zum ersten Mal, warum sie überhaupt eine bestimmte Fragestellung auswählen – und zwar obwohl sie z.B. in Ratgebern zur Erstellung von Einleitungen häufig schon gelesen haben, dass Hausarbeiten eine ‚Zielsetzung‘ haben sollten. Aus einer solchen Situation heraus kann man sehr gut thematisieren, wie Zielsetzungen bei der eigenen Arbeitsplanung sinnvoll helfen, oder diskutieren, welchen Einfluss unterschiedliche Untersuchungsziele auf den argumentativen Verlauf einer Hausarbeit haben können. Und schon ist man mitten in einer Fachdiskussion!“

Schlussendlich konnten die Studierenden auf Grundlage der verschiedenen Methoden erfolgreich eine interessante und präzise Fragestellung formulieren. Bei den Studierenden stieß diese Methode auf großen Anklang. So äußerte eine Studentin nach der Sitzung:

„Endlich habe ich etwas in der Hand, um mich auf das Schreiben einer Hausarbeit vorzubereiten. Sonst habe ich immer einfach planlos drauflosgeschrieben. Das nächste Mal werde ich mir mit dem Dreischritt zur Themenfokussierung erst einmal genau überlegen, was ich eigentlich mit meiner Hausarbeit sagen will.“

Weitere Methoden

 

0001(11) 0002(4) 0003
0004 0005 0006

 

Schreibwerkstatt als Zukunftsprojekt?

Insgesamt verdeutlichten sowohl die Evaluation als auch die Zusammenarbeit von Dozent_innen und Studierenden im Seminar, dass ein Projekt wie die Schreibwerkstatt bei den Studierenden durchaus auf großes Interesse stieß und eine willkommene Hilfestellung auch in Zukunft sein könnte.

Viele der Studierenden, die an der Schreibwerkstatt teilnahmen, waren bereits im fortgeschrittenen Bachelorstudium und hatten schon mindestens eine Hausarbeit verfasst. Das war zum einen vorteilhaft, da die Studierenden konkrete Probleme formulieren konnten, die in ihrem bisherigen Schreibprozess aufgetreten waren. Zum anderen hätten sich viele der Studierenden vorstellen können, ein Seminar wie die Schreibwerksatt früher im Studium zu besuchen, um Problemen vorzubeugen.

Aufgrund der positiven Resonanz der Schreibwerkstatt bei den Studierenden veranstaltet das Historischen Seminar im April und Juni 2016 einen zweitätigen Workshop zu Ansätzen schreibintensiver Lehre und hofft so, die in der Schreibwerkstatt vermittelten und erprobten Methoden und Konzepte in die Breite des Lehrangebots am Historischen Seminar zu integrieren.

 

Literatur

  • Frank, Andrea: Schlüsselkompetenzen. Schreiben im Studium und Beruf, Stuttgart 2013.
  • Grieshammer, Ella u.a.: Zukunftsmodell Schreibberatung. Eine Anleitung zur Begleitung von Schreibenden im Studium. Baltmannsweiler 2012.
  • Groebner, Valentin: Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung, Konstanz 2012.
  • Kruse, Otto: Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium, Konstanz 2015.
  • Reinhardt, Klaus: Vom Wissen zum Buch. Fach- und Sachbücher schreiben, Bern 2011.
  • Scheuermann, Ulrike: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln, Stuttgart, Opladen 2013.

 

Mehr zum Thema

„Leinen los – gemeinsam schreiben!“: Unter diesem Motto fanden Studierende Anfang März auch bei der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ in der Unibibliothek  Unterstützung im Kampf gegen ihre Schreibprobleme. Hier haben wir einige Tipps der Referent_innen des Abends für Sie zusammengetragen.

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