Projektorientiertes Lernen im Nachhaltigkeitskontext

Ein Beitrag von Mandy Singer-Brodowski

"Bildung für Nachhaltige Entwicklung trifft Service Learning": Diesem Thema widmete sich Mandy Singer-Brodowski vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie auf der Kieler Tagung "Nachhaltigkeit im Service Learning". Auszüge aus ihren inspirierenden "Reflexionen über eine zukunftsfähige Transformation der deutschen Hochschullandschaft" hat Frau Singer-Brodowski dem CAU Lehre-Blog zur Verfügung gestellt:

Service Learning als Methode der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

…Projektorientiertes Lernen stellt insgesamt im Kontext der Nachhaltigkeitsdiskussion eine wichtige Methode dar. Und da die Konzeption des Service Learnings durch die Methode der Projektarbeit Schlüsselkompetenzen fördern kann, ist sie auch für die Kompetenzentwicklung in der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zentral. Umgedreht betonen einige WissenschaftlerInnen (vgl. Adomssent und andere 2013), dass durch die Anlehnung von Service Learning Konzepten an die Idee der Transdisziplinarität oder die Nachhaltigkeitsidee allgemein die Kompetenzentwicklung der Studierenden entscheidend befördert wird, u.a. weil die BNE auch ein experimentelles Lernen erfordert und befördert.

Ingesamt kann man im projektorientierten Lernen eine  Richtung des Forschungsbasiertes Lernen, in der ein tieferes Verständnis über ein Phänomen und Generierung neuen Wissens im Mittelpunkt steht, unterscheiden von einem stärker praktisch ausgerichteten Projektorientierten Lernen. Hier geht es um ein fall-spezifisches Projekt mit einem klaren Ergebnis und anwendbaren Resultaten. Mit dem Forschungsbasierten Lernen hat das Projektorientierte Lernen gemeinsam, dass das gemeinsame Bewältigen eines konkreten Problems im Mittelpunkt steht.

In beiden Ansätzen werden die Schnittpunkte der Idee des Service Learnings und konkreter Nachhaltigkeitsprojekte deutlich: Studierende werden an reale Problemstellungen herangeführt, das Lernen wird in kleinen Projektgruppen in einer authentischen Situation ermöglicht, die Lehrenden stellen Gestalter und Begleiter inspirierender Lernumgebungen dar. Am Ende steht schließlich in beiden Ansätzen eine Ergebnis- und Prozessreflexion an, die bspw. auch die unterschiedlichen Perspektiven die Studierende während ihrer Projektarbeit erfahren haben, aufgreifen kann. Für mich ist in diesem Kontext auch zentral, dass die Studierende ein Gefühl der Selbstwirksamkeit erfahren.

Didaktische Haltung im Kontext einer BNE und Service Learning

Ein Punkt auf dem ich in diesem Kontext noch eingehen möchte, ist die veränderte Haltung der Beteiligten an einem Lernprozess – sowohl innerhalb der BNE als auch im Rahmen von Service Learning und die sich auch aus den neueren Theorien des sozial-konstruktivistischen Lernens speist. Rolf Arnold hat diese Theorien und ihre didaktischen Implikationen mit dem Konzept einer Ermöglichungsdidaktik statt einer Erzeugungsdidaktik treffend zusammengefasst und damit auf die grundlegend veränderte Rolle der Lehrenden als Lernbegleiter hingewiesen. Er kritisiert – wie viele andere Sozialkonstruktivistischen DenkerInnen – die weit verbreitete Ansicht, dass Wissen bei dem Lernenden von außen erzeugt und Stoff vom Lehrenden eins zu eins vermittelt werden kann. Statt dessen plädier er für ein Modell der Schaffung lern-ermöglichender Kontexte und Rahmenbedingungen, das von Ideen der Aneignung und der Vielfalt lebt.

Viele dieser Ideen gehen schon zurück auf die Konzepte der Reformpädagogik und sind dann in den 70ern unter dem Begriff der Projektmethode aufgegriffen worden. Sie erleben jetzt jedoch unter neuen lernpsychologischen Erkenntnissen zum „trägen Wissen“ oder den neurologisch inspirierten Diskussionen zur Gestaltung lernfördernder Lernumgebungen ein Revival.

„Erwachsene sind lernfähig, aber unbelehrbar“

Besonders in der Nachhaltigkeitsdiskussion spielt die veränderte Haltung der Beteiligten eine besondere Rolle, denn für die kommenden, zum großen Teil  nicht voraussehbaren Herausforderungen gibt es pointiert ausgedrückt keine Experten. Es gibt  zwar erfahrene Lehrende, deren Aufgabe ist es jedoch vor allem Studierende zu ermutigen sich selbst stärker als Experten zu erleben, ein Vertrauen in die Wirksamkeit ihres Handelns und den erfolgreichen Umgang mit der Komplexität der Problemstellung Nachhaltiger Entwicklung zu vermitteln. Es geht darum Studierende zu unterstützen als change agents für den gesellschaftlichen Wandel zu agieren und sich selbst als Transformateure von Systemen im Kleinen zu erleben. Dies erfordert, dass sie erleben müssen, dass sie Nachhaltigkeitsprojekte selbst planen und umsetzen können und die Ergebnisse als Reflexionsscheibe für erfolgreiche aber auch erfolglose Transformationsstrategien erleben.

Lernende können sich nur selbst auf den Weg machen, aktiv die eigene Wissenskonstruktion zu steuern, oder wie Siebert es auf den überspitzt formuliert: Erwachsene sind lernfähig, aber unbelehrbar (vgl. Siebert 2003c, S. 23). Die Kultur einer Bildungseinrichtung ist für die erfolgreiche Umsetzung solcher ermöglichungsdidaktischen Konzepte entscheidend.

Ein Beispiel: InnoNet BNE

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle noch ein kleines Beispiel für die Verbindung von BNE und Service Learning geben, das auch deutlich macht, dass viele Angebote im Rahmen einer BNE nicht immer unter dem Label Service Learning laufen, aber zentrale Prinzipien von Service Learning transportieren. Das Beispiel stammt aus dem regionalen Innovationsnetzwerk BNE, das sich um MitarbeiterInnen der Universität Erfurt in den vergangenen Jahren entwickelt hat und im Kern die Zusammenarbeit von Hochschule und lokalen Partnern im Rahmen eines von Studierenden selbst organisierten Nachhaltigkeits-Seminars befördert. Das Innovationsnetzwerk Bildung für nachhaltige Entwicklung (InnoNet BNE) ist ein regionales Netzwerk von Akteuren aus Bildung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Kommune zur Förderung von BNE und hat im vergangenen Jahr eine Förderung durch das BMBF erhalten, durch die dieser kleine Film entstanden ist:

Das Beispiel Erfurt zeigt aus meiner Sicht auch, wie sich aus einer langjährigen Kooperation von Partnern und Hochschule ein Netzwerk entwickeln kann, das sich dynamisch in eine lokale Bildungslandschaft einfügt.

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