Softskills am Plüschtier trainieren

Interview mit den Organisatorinnen des Kieler Teddybärkrankenhauses

Praxis am Plüschbär: Julia Otto und Lisanne Mattuschka organisieren bereits seit vier Jahren sogenannte Teddybärkrankenhäuser in Kiel. Im Interview schildern die beiden Medizin-Studentinnen, was ihnen das Projekt für den späteren Beruf bringt.

Ein Teddykrankenhaus – was ist das eigentlich?
Das Teddybärkrankenhaus (TBK) ist eine Aktion der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd). Dabei werden Teddys und alle anderen Stofftiere von Studierenden gemeinsam mit den Kuscheltier-Eltern untersucht und behandelt. Das Ziel ist es, Kindern somit frühzeitig die Angst vor Ärzten in weißen Kitteln und dem Krankenhausgeschehen zu nehmen. Ursprünglich in Schweden entstanden, gibt es nun in 36 deutschen Städten ein Teddybärkrankenhaus.

teddy

Wir sind in unserem 3. Semester durch eine bvmd-Veranstaltung auf das Projekt aufmerksam geworden und entschieden uns, es auch in Kiel wieder zu etablieren. Wir halten es für eine tolle Möglichkeit, Kinder auf diese Weise mit dem Thema in Kontakt zu bringen. Sie sind nicht selbst betroffen, können aber trotzdem erleben, was passiert und bekommen ihre Fragen beantwortet.

Haben Sie diese Entscheidung zwischenzeitlich bereut?
Sicher gab es immer wieder Situationen, in denen wir gestresst waren – gerade, wenn es um den letzten Schliff vor einem bevorstehenden Event ging. Doch mit dem gesamten Orga-Team im Rücken hat es immer irgendwie geklappt. Und zum Schluss war die Belohnung garantiert: viele glückliche Kinder, erfreute Kindergärtner und viel positives Feedback von den Teddydocs. Das motiviert unheimlich!


Der Effekt eines Teddykrankenhauses für die kleinen Teddymütter und -Väter ist klar. Aber auch die Studierenden lernen bei einem solchen Projekt sicher viel. Wie und was genau?
Nicht nur die Kinder lernen im Teddybärkrankenhaus viel. Auch wir Teddydocs sammeln viele wertvolle Erfahrungen. So lernt man natürlich vor allem, wie mit Kindern umgegangen werden muss. Im Gegensatz zu Erwachsenen wird eine vertrauensvolle Ebene ganz anders aufgebaut. Zum Beispiel ist es wichtig, auf Augenhöhe mit den Kindern zu sein, also in die Hocke zu gehen. Natürlich müssen auch grundlegende Regeln beachtet werden, die immer gelten: Der Arzt sollte sich namentlich vorstellen, geduldig zuhören und – ganz wichtig – nicht nur Fachsprache benutzen. Gerade den Kindern gegenüber können wir gut üben, patientenverständlich über Diagnosen und Prozeduren zu sprechen.
Wir bieten auch eine Einführungsveranstaltung an, damit Studierende im vorklinischen Abschnitt ihre Rolle ebenfalls souverän übernehmen können.

Die Teddydocs bekommen in einer einstündigen Schnellschulung von einem Kinderarzt ein paar Tipps an die Hand. Wie genau läuft diese Veranstaltung ab und welche Inhalte sind Thema?
Jedes Jahr gibt es kurz vor dem Teddybärkrankenhaus eine Einführungsveranstaltung, bei der neben organisatorischen Abläufen Tipps zum Umgang mit Kindern gegeben werden. Dabei werden wir von einem erfahrenen Kinderarzt des UKSH unterstützt. Er erklärt, wie sich Kinder vom Säuglings- bis zum Pubertätsalter entwickeln und was wir speziell in der Gruppe der 3-6-jährigen Kinder, die zu uns ins Teddybärkrankenhaus kommen, beachten müssen. Es wird auch darauf eingegangen, wie man authentisch und empathisch wirkt oder mit schwierigen Fragen umgeht. Wie reagiere ich, wenn der zu behandelnde Teddy eine schlimme Krankheit wie Krebs hat?
Außerdem kann es in dieser Veranstaltung zu einem Austausch zwischen neuen Teddydocs und erfahreneren kommen, wir geben Untersuchungstipps und gehen auf Fragen ein.

Findet abschließend eine Feedbackrunde statt?
Eine große Feedbackrunde mit allen Teddydocs findet nicht statt; das sind mit knapp 100 einfach zu viele. Trotzdem bitten wir jeden, nach seiner Schicht Anregungen und Kritik an uns weiterzuzugeben. Natürlich setzen wir uns außerdem noch mit unserem Orga-Team zusammen und besprechen, was im kommenden Jahr verbessert werden kann.

Sie arbeiten nicht nur selbst seit 2011 als Teddydoc sondern organisieren auch das gesamte Kieler Projekt. Was sind die wichtigsten Erfahrungen und Fertigkeiten, die Sie aus dieser Arbeit bislang gezogen haben?
Da wir die Leitung des Projektes nun schon über einige Jahre machen, haben wir vielfältige sogenannte „Soft Skills“ erlernt. Das geht so nebenbei! Man muss lernen, einzuschätzen, was sofort erledigt werden muss und was noch etwas warten kann.

Wir lernten, Verantwortung auch mal abzugeben. Trotzdem schafften wir es, den Überblick zu behalten. Dafür war es teilweise nötig, immer mal wieder neue Anstöße zu geben und um Rückmeldung zu bitten. Für die Pressearbeit ist es wichtig ansprechende Texte zu verfassen und aussagekräftige Fotos zu schießen, die datenschutzrechlich in Ordnung sind. Wir haben gelernt, wie schwierig es ist, an Beiträge in Zeitungen, Radio und Fernsehen zu gelangen.

Auch die Sponsorensuche ist ein wichtiger Aspekt. Man muss kalkulieren, wie viel Geld und Sachspenden benötigt werden. Die Spenden müssen erst einmal eingetrieben und schließlich auch gut verwaltet werden!

Lisanne Mattuschka kümmert sich in erster Linie um den Kontakt zu allen Kindergärten. Die Kindergärten werden von uns angeschrieben, melden sich dann mit verschiedenen Zeitwünschen an und müssen schließlich in einem streng getakteten Plan eingeteilt werden. Außerdem ist es wichtig, jederzeit für alle Fragen zur Verfügung zu stehen.

Julia Otto kümmert sich vor allem um die Einteilung und Rekrutierung der Teddydocs und um den Kontakt zu unserem Unterstützer, dem ASB (Arbeiter-Samariter-Bund).

Ist die Leistung der Teddydocs eigentlich rein ehrenamtlich?
Die Mitarbeit beim Teddybärkrankenhaus ist rein ehrenamtlich! Die AG der Fachschaft Medizin freut sich immer über Studenten, die Lust haben, auch neben dem Studium etwas zu machen. Für alle Beteiligten gibt es am Ende eine Teilnehmerbestätigung und damit einen Nachweis für Soziales Engagement.

Gibt es denn ausreichend Freiwillige?
Um das Teddybärkrankenhaus erfolgreich durchführen zu können, brauchen wir jedes Jahr mindestens 80 Teddydocs, die in 2-3-stündigen Schichten eingeteilt werden. In der Regel kommen alleine 500 Kinder in angemeldeten Kindergartengruppen.
Die Teddydocs rekrutieren wir aus allen Semestern. Wir erreichen sie über den E-Mail-Verteiler der Fachschaft, die Facebook-Gruppen und über klassische Ansagen in den Vorlesungen. Viele Studenten nehmen auch wiederholt teil, nachdem sie in vorherigen Jahren schon mitgeholfen haben.

Standen Sie auch einmal vor Problemen? Und wie sind Sie damit umgegangen?
Schwierige Situationen im Teddybärkrankenhaus gibt es immer wieder: Es gibt sehr schüchterne Kinder oder welche, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Dann ist es besonders schwierig eine Kommunikation aufzubauen. Doch gerade hier ist das Kuscheltier das perfekte „Bindeglied“ zwischen Kind und Teddydoc.

Andere schwierige Situationen für den Teddydoc treten auf, wenn ein Kuscheltier eine schwere Krankheit wie zum Beispiel Blutkrebs hat. In so einem Fall muss mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen mit dem Kind besprochen werden, wie weiter vorgegangen werden kann. Wir versuchen dabei nichts zu verharmlosen, denn die Kinder sollen nicht mit falschen Hoffnungen nach Hause gehen.

Was erhoffen Sie sich in diesem Jahr?
Wir hoffen in diesem Jahr wieder auf einen so großen Erfolg wie in den letzten Jahren. Da der Andrang immer größer wurde, haben wir in diesem Jahr einen zusätzlichen Tag eingeplant, um allen Kindern einen Besuch im Teddybärkrankenhaus zu ermöglichen. Eine weitere Neuerung ist die Zusammenarbeit mit den Zahnmedizinstudierenden, die nun zusätzlich zu den Pharmaziestudierenden aus der Teddy-Apotheke dabei sind. Sie geben den Kindern Zahnputz- und Ernährungstipps.

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