Spielende Klausur-Vorbereitung

Chemie-Professor entwickelt Brettspiel zu seiner Vorlesung

Bei spielender Prüfungsvorbereitung mit ordentlichen Noten bestehen – für viele Studierende ein verlockender Gedanke. Deshalb beschloss Professor Christian Näther aus der Analytischen Chemie im vergangenen Jahr, ein Brettspiel zur Übung klausurrelevanter Lerninhalte zu entwickeln. Die Sache verlief jedoch komplizierter als geahnt, denn auch ein Dozent hat seine Erwartungen.

Ein Erfahrungsbericht vom Projekt-Initiator Professor Christian Näther

Ausgangspunkt für dieses Projekt war ein Wahlpflichtmodul im Bachelor-Studiengang Chemie, für das ich verantwortlich bin und in dem ich den Studierenden einen Überblick über eine ganze Reihe moderner analytischer Verfahren gebe, die heutzutage in der akademischen und industriellen Forschung eingesetzt werden. Dem „Pflichtteil“ der Vorlesung wird Genüge getan, indem die Studierenden die gefragten Lerninhalte einfach auswendig lernen – wofür es keiner besonderen Fähigkeiten bedarf. Die „Kür“ besteht jedoch darin, in der Praxis die richtigen Methoden auszuwählen, Ergebnisse sinnvoll auszuwerten und im Hinblick auf eine Weiterentwicklung die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Dies fällt naturgemäß den Allermeisten schwer, erfordert Erfahrung und muss geübt werden. In regelmäßigen Abständen werden daher Probleme vorgestellt und diskutiert – und die Studierenden sind dazu angehalten, beispielsweise Vorschläge zu machen, welche der erlernten Methoden zur Lösung dieser Probleme beitragen können und wie dabei konkret vorgegangen werden muss. Es geht mir daher vor allem um eine bestimmte Denkweise, um die Entwicklung von Problemlösungsstrategien. Und sollte das nicht eigentlich genau der Grund dafür sein, an einer Universität zu studieren?

näther

Mit einem Brettspiel will Christian Näther seine Studierenden zu „Dr. Knows“ der Analytischen Chemie machen.

Begleitet wird die Vorlesung durch die Verwendung eines Student Response Systems, mit dessen Hilfe sich die Studierenden durch einfaches Knöpfchendrücken am Unterricht beteiligen können. Das macht denen natürlich enorm viel Spaß, allerdings übt die anonyme Beantwortung von Fragen keinerlei „Druck“ aus, denn es könnte ja auch eine beliebige Antwort leichtfertig ausgewählt werden. Ich beschloss deshalb eine zusätzliche Lernform einzuführen, die dazu verleitet, seine Sache möglichst gut zu machen.

Mit 180 ECTS-Punkten zum Sieg

Bei dem Spiel „Dr. Know“ handelt es sich um ein „konventionelles Brettspiel“, in dessen Verlauf die Fragen zu den Vorlesungsinhalten beantwortet werden müssen. In Abhängigkeit des Schwierigkeitsgrades stehen den Studierenden unterschiedliche Zeitspannen, gemessen durch Sanduhren, zum Beantworten zur Verfügung. Für jede richtige Antwort zu einer der mehreren Hundert Fragekärtchen gibt es eine bestimmte Anzahl an Spiel-ECTS-Punkten, die es gestatten, sich auf der Spielfläche nach vorn zu bewegen.

Wer zuerst 180 Punkte zusammen hat, wird mit dem Bachelor ausgezeichnet. Dafür können sich die Studierenden zunächst einmal nichts kaufen, gelingt es jemandem jedoch öfter, besteht er/sie die Klausur sicherlich mit einer ordentlichen Note. Zunächst soll dieses Spiel einmal in der Vorlesung verwendet werden, anschließend können die Studierenden es auf Wunsch zur Klausurvorbereitung ausleihen.

Motivierender Wettkampf und fruchtbare Diskussionen

Als Lernform habe ich bewusst ein Spiel ausgewählt, in dem die Studierenden gegeneinander antreten müssen, und das, meiner Ansicht nach, daher vielen anderen, auch neueren Lernformen überlegen ist. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung der klausurrelevanten Vorlesungsinhalte, sondern es werden zusätzliche, auch für ein wissenschaftliches Arbeiten notwendige Kompetenzen vermittelt. Zunächst einmal ging ich davon aus, dass vielleicht nicht jeder gewinnen (was ich stark bezweifle), aber sicherlich auch niemand letzter werden möchte (was ich mir einfach nicht vorstellen will).

Viel wichtiger war mir jedoch, dass das Spiel zur Diskussion anregen sollte, denn auch in der Wissenschaft sind die Dinge meist komplizierter als zunächst angenommen. Um die Ecke denken ist also audrücklich erwünscht! Wer eine vernünftige Antwort gibt, die so nicht genau auf der Karte steht, kann trotzdem Punkte dafür bekommen – darüber entscheiden die Mitspielerinnen und Mitspieler nach einer fachlichen Diskussion  („Ich habe das so verstanden …“; „Der Herr Näther hatte doch gesagt …“), indem sie darüber abgestimmen, ob sie die Antwort akzeptieren oder nicht. Auch in der Wissenschaft ist eine gemeinsame fachliche Diskussion unendlich hilfreich – und dazu müssen alle Beteiligten nun einmal miteinander sprechen.

Näther_Wissensspiel

Der aktuelle, etwas dünn besetzte Jahrgang hat das Spiel kurz vor Weihnachten erstmals getestet – wobei an diesem Tag weniger als die Hälfte der Studierenden anwesend war. Zumindest hat es für eine Evaluierung gereicht, die sicherlich nicht repräsentativ ist, jedoch einige grobe Schlussfolgerungen zulassen mag. Natürlich hätte ich auch einen Studierenden bitten können, hier einen Satz zu schreiben, dass das Spiel super und der Dozent ohnehin ein klasse Typ ist, aber dafür habe ich nicht mehr als 100 Stunden investiert.

Ja, praktisch alle fanden das Spiel toll, gut gemacht und sinnvoll, sind der Ansicht dass es zur Diskussion anregt und das Lernen erleichtert, lernen lieber in Gruppen und die allermeisten würden das Spiel auch zur Klausurvorbereitung ausleihen. Interessanterweise ist es einigen, in dem Fall, dass diese nur wenig wissen, offensichtlich weniger unangenehm mit ihrem Dozenten zu spielen, als sich vor ihren Kommilitonen zu „outen“ – und ich nehme das mal als Lob. Insofern ist doch eigentlich alles in Ordnung. Bis auf die Tatsache, dass sich erst zwei Studierende auch tatsächlich das Spiel ausgeliehen haben.

Jetzt sind die Studierenden dran!

Einer davon hat wohl Gefallen am Spiel gefunden, der andere wollte eigentlich nur das Kästchen mit den Fragekarten haben, um diese auswendig zu lernen. Ich rückte die Kärtchen aufgrund der geringen Nachfrage widerwillig heraus. Nun hatten jedoch auch einige geschrieben, dass es vor der ersten Klausur, welche direkt im Anschluss an die Lehrveranstaltung stattfindet, nicht viel Gelegenheit geben würde zu spielen, und das nehme ich mal so hin. Mehr Gelegenheit würde wohl vor der zweiten Klausur bestehen, welche nach Ende der vorlesungsfreien Zeit stattfindet. Daher bin ist sehr gespannt, ob sich dann etwas ändern wird.

Etwas definitiv Positives kann ich jedoch jetzt schon berichten. Da sich die Inhalte des Spiels zu einem sehr großen Teil mit denen decken, die auch für eine Disputation in anorganischer Chemie wichtig sind, hat sich ein Doktorand das Spiel bereits ausgeliehen, um sich gemeinsam mit anderen auf seine Prüfung vorzubereiten. Ich könnte mir vorstellen, dass es in Zukunft mehr werden. Ich selbst habe das Spiel bereits mehrfach in meinem eigenen Arbeitskreis im Rahmen eines Seminars gespielt, und es wurden regelmäßig Fragen bzw. Antworten intensiv diskutiert, so dass sich das Spiel über eine enorm lange Zeit hinzog.

Zuletzt, bin ich ein wenig enttäuscht? Ja, ich denke schon. Würde ich etwas Derartiges noch einmal machen? Da bin ich skeptisch. Jetzt sind aber erst einmal die Studierenden am Zug, denn ich habe meine Hausaufgaben gemacht.

 

Ergebnisse der Evaluierung des Wissenspiel Dr. Know

  trifft nicht zu trifft etwas zu trifft ziemlich zu trifft voll zu
Die Verwendung eines derartigen Wissensspiels ist zur Übung von Vorlesungsinhalten sinnvoll. c

c

2 7
Ich würde mir das Spiel zur Klausurvorbereitung ausleihen. c 3 1 5
Es würde die Gelegenheit bestehen sich mit anderen vor der Klausur am Ende der Vorlesung zu treffen um dieses Spiel zu spielen. 2 2 4 1
Es würde die Gelegenheit bestehen sich mit anderen vor der 1. Wiederholungsklausur am Ende der Vorlesungsfreien Zeit zu treffen um dieses Spiel zu spielen. 1 1 6 1
Das Lernen wird unterstützt, wenn mit anderen fachlich diskutiert werden kann. c c 1 8
Ich finde, das Spiel regt zur fachlichen Diskussion an. c 1 3 5
Ich finde, es kann eine Menge gelernt werden, wenn dieses Spiel öfters gespielt wird. c 1 2 6
Ich hätte nichts dagegen, wenn der Dozent der Vorlesung mitspielt. 1 c 3 5
Mir ist es unangenehm mit meinen Kommilitonen zu spielen, da ich das Gefühl habe, nur wenig zu wissen. 2 3 2 c
Mir macht es Spaß das Spiel zu spielen. c 1 3 5
Ich finde ein derartiges Spiel unnötig. 9 c c c
Ich lerne lieber alleine 3 5 1 c
Ich lerne lieber in Gruppen c 5 3 2
Bestandteil dieses Spiels bildet auch eine Reihe von Ereigniskarten, die, unabhängig vom jeweiligen Wissen, mit über den Spielausgang entscheiden. Dies ist eine Spielerei und unnötig. 8 1 c c
Bestandteil dieses Spiels bildet auch eine Reihe von Ereigniskarten, die, unabhängig vom jeweiligen Wissen, mit über den Spielausgang entscheiden. Diese machen das Spiel interessanter und abwechslungsreicher. c c 4 5
Mir gefällt der Aufbau des Spiels. c c 1 8
Mir gefällt die Spieloberfläche. c c 1 8

 

Kontakt

Prof. Dr. Christian Näther
Institut für Anorganische Chemie

Phone: +49 431-880-2092
Fax: +49 431-880-1520
Email: cnaether@ac.uni-kiel.de

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