„Die Studierenden haben mich zum Lehrer gemacht”

Von Hürden und Besonderheiten des Sprachunterrichts

An der CAU kann man fast 30 Sprachen lernen – Lehrende und Lernende müssen dabei besondere Hürden meistern. Im ersten Teil dieser Reihe zum Sprachunterricht schildert Norwegisch-Lektorin Turid Frydenlund, warum die Fragen ihrer Studierenden für sie das Allerwichtigste sind. Außerdem erklärt die Dozentin, wieso sie im Unterricht viele möglichst unterschiedliche Materialien einsetzt und weshalb sie Wert auf eine solide grammatische Basis legt.

Text und Bilder: Rebecca Such
(Studentin/PerLe)

Bei der Deutschen Bahn gibt es Ansagen auf Englisch, in der Kieler Innenstadt hört man schwedische Tagestouristen fröhlich plaudern und immer mehr Eltern melden ihre Sprösslinge zum Mandarin-Kurs an. Unsere Welt wird dank des technischen Fortschritts und der Globalisierung zunehmend kleiner und wir werden mehrsprachig. Theorien auswendig lernen und Jahreszahlen pauken – das bleibt einem im Sprachkurs erspart. Dort wird nicht einfach nur ein Wissenspensum vorgegeben und geprüft, sondern Schritt für Schritt der Zugang zu einer ganz neuen Welt erschlossen. Sprachen sind an Länder, Kulturen, Geschichten, an Menschen und ihre Erfahrungen gebunden und bestehen nicht nur aus Grammatik und Wortschatz. Insofern bietet ein guter Sprachkurs immer auch Navigationshilfen. 

All das hat großen Einfluss darauf, wie man im Sprachunterricht lernt und lehrt. „Man begleitet die Studenten stufenweise von nichts können zu mehr können. Man muss dem Prozess folgen wie einer Welle und geht ganz anders auf die Studenten ein. Du musst viel dichter an ihnen arbeiten, gerade bei der Sprachentwicklung,” erzählt Turid Frydenlund, Lektorin für Norwegisch am Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft (ISFAS). Sie ist gebürtige Norwegerin und unterrichtet seit mittlerweile fast elf Jahren Studierende auf fünf verschiedenen Fähigkeitsniveaus. 

Du bekommst im Internet ganz Norwegen

Sprachlehrende sehen sich aufgrund dieser Besonderheiten mit anderen Problemen konfrontiert als Dozent_innen, die fachspezifische Lehrinhalte vermitteln sollen. Ziel des Sprachenunterrichts an der Uni ist es, mehr oder weniger fließend und ohne großes Nachdenken sprechen zu können. Kognitiv sind grammatikalische Themen wie Satzbau und Zeitformen nicht schwer zu verstehen, doch bis Studierende das Gelernte richtig anwenden, vergeht einige Zeit. Man muss dann anders an diese Themen herangehen, nicht nur über die Wissensebene, das muss in den Sprachbauch’ gehen,” so Frydenlund. Damit abstrakte grammatikalische Konstrukte und Vokabeln schnell und leicht in den Sprachbauch” übergehen, sollten ihrere Erfahrung nach möglichst viele Sinne angesprochen werden, die Unterrichtsinhalte mit der eigenen Lebensrealität verknüpfen und man sollte sich selbst im Klaren darüber sein, wie man am besten lernt. 

Turid Frydenlund versucht ihren Studierenden möglichst unterschiedliche Materialien zur Verfügung zu stellen. In einer Excel-Tabelle hält sie Links zu norwegischen Websites bereit und gibt Tipps für Filme und Serien: Du bekommst im Internet ganz Norwegen in dein Zuhause rein – das war damals nicht so als ich Deutsch gelernt habe. Da gibt es Podcasts und Hörübungen – die versuche ich jetzt auch immer mehr in den Unterricht einzubinden.” Darüber hinaus verwendet die Dozentin ein klassisches Lehrbuch und ergänzende Kompendien sowie ab dem zweiten Kurs Romane, schließlich soll man als Nordist ja auch norwegische Literatur vermitteln.” Ideen und Tipps erhält sie auch von ihren Lektorkolleg_innen im deutschsprachigen Raum auf jährlich stattfindenden Konferenzen.

Zielsetzung spielt eine wichtige Rolle

Wie man lehrt und welche Inhalte man vermittelt, ist den Sprachlehrenden an der Universität weitestgehend freigestellt. Ich habe mich für mehr Grammatik beziehungsweise für eine gute grammatikalische Basis entschieden,” erklärt Frydenlund. Dafür spart sie andere Bereiche wie Aussprache im Unterricht eher aus und bekennt, dass irgendetwas leider immer zu kurz kommt. Welcher Sprachenunterricht zu einem als Lernendem passt, hängt auch immer vom eigenen Ziel ab. In die Norwegisch-Kurse kommen häufig Studierende, die schon mit ihren Eltern Urlaub in Norwegen gemacht haben und sich gerne daran zurückerinnern, einige wenige wählen die Sprache bereits aus Berufsgründen oder weil sie eine norwegische Serie oder Band besonders mögen. Aufgrund der unterschiedlichen Ziele ist die Rückmeldung der Studierenden zum Unterrichtsstil und den Inhalten für Frydenlund besonders wichtig. 

Bevor sie anfing an der CAU zu unterrichten, hat die Norwegerin bereits zehn Jahre lang nebenbei Sprachkurse an der VHS und der Wirtschaftsakademie gegeben, ohne studierte Fremdsprachenlehrerin zu sein. Ich habe das einfach nur so aus mir heraus gemacht und über die Jahre ein System entwickelt. Dann kam ich hierher und bekam schon einen Schock. Auf einmal sitzen die deutschen Studenten da und fragen Grammatik-Fragen,” erzählt Frydenlund lachend. Mithilfe von Workshops und Seminaren des ISFAS, der Lektor_innenkonferenz und vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) hat sie ihr jetziges Lehrsystem entwickelt bzw. entwickelt es weiter. Die wichtigste Rolle spielten und spielen jedoch die Studierenden: Die Studierenden haben mich eigentlich zum Lehrer gemacht durch ihre Fragen.” 

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