Statistik zum Anfassen

Sportökonomie bei Professor Jens Flatau

„Learning by doing“ steht bei zwei forschungsbasierten Lehrveranstaltungen von Professor Jens Flatau in der Sportökonomie an der CAU im Vordergrund. Die Teilnehmenden entwickeln unter anderem eigene Forschungsfragen und stellen selbst ergebnisoffene empirische Untersuchungen an. Wie das – trotz der knapp bemessenen Zeit im laufenden Semester – gelingt, erfahren Sie hier.

Text: Antonia Nuding (Studentin, PerLe)

  flatau übersicht

 

Im Folgenden erfahren Sie zunächst mehr über Herrn Flataus Vorlesung (I.), anschließend über sein Hauptseminar (II.). Beide forschungsbasierten Lehrveranstaltungen hat der Leiter der Sportökonomie und Sportsoziologie im Wintersemester 2015/16 zum ersten Mal angeboten.

 

I. Vorlesung neu definiert

Inhaltlich ist die Vorlesung „Grundlagen sportwissenschaftlicher Forschung“ in der Hauptsache methodenbasiert und wissenschaftstheoretisch ausgerichtet. Zudem erhalten die Teilnehmenden wöchentlich Hausaufgaben, in deren Rahmen sie selbst kleine empirische Untersuchungen konzipieren oder durchführen und dokumentieren. Weshalb aber Hausaufgaben in einer Vorlesung?

Genau hier knüpft der Gedanke der forschungsbasierten Lehre von Herrn Flatau an. Thematisch entsprechen die Hausaufgaben jeweils dem Thema der aktuellen Sitzung – beispielsweise Durchführung und Auswertung eines qualitativen Interviews oder statistische Hypothesenprüfung bei vorgegebenen Daten. Das theoretisch Gehörte können sie so unmittelbar ausprobieren. Damit sich die Studierenden besser in das für sie neue wissenschaftlich-forschende Denken hineinfinden, und um ihnen die Anfertigung der Hausaufgaben zu erleichtern, enthält jede Vorlesungseinheit bereits mindestens eine Beispieluntersuchung, welche analog zur Hausaufgabe ist.

Tutorien unterstützen die Vorlesung

Rückmeldungen zu ihren Hausaufgaben erhalten die Studierenden in einem von fünf Tutorien, die zu unterschiedlichen Terminen angeboten werden. „Wir wollen sichergehen, dass wirklich alle Teilnehmenden einen der angebotenen Tutoriumstermine im eigenen Semesterplan unterbringen können“, erklärt Jens Flatau, denn die Tutorien, die meist von Masterstudierenden geleitet werden, seien von großer Bedeutung für das Gelingen seines forschungsbasierten Vorlesungskonzepts: Hier kann gemeinsam reflektiert, diskutiert, korrigiert und analysiert werden – ohne den Zeitrahmen der Vorlesung zu sprengen.

Forschung „begreifen“ und am Beispiel lernen

Aus seiner bisherigen Erfahrung heraus erscheint es Herrn Flatau wichtig, seine Lehrveranstaltungen nicht nur theoretisch zu gestalten, sondern gezielt Praxisbeispiele aus dem Sportbereich mit einfließen zu lassen. Ihm liegt es am Herzen, gerade für  Erstsemesterstudierende den Einstieg ins wissenschaftliche Arbeiten möglichst einfach und anschaulich zu gestalten.

„Das Wichtigste ist, dass die Studierenden begreifen, dass jede Forschung mit einer Forschungsfrage beginnt. Im Rahmen meiner Vorlesung entwickeln sie deshalb zunächst eine theoretische Fragestellung – und werten diese dann im Rahmen der anschließenden Hausaufgaben durch Untersuchungen Schritt für Schritt empirisch aus.“ Ziel des Dozenten ist es, den Studierenden einen Einblick zu vermitteln, wie echte Forschung ablaufen kann, „initiiert durch eine Forschungsfrage,  zu der die Studierenden Stichproben erheben und Methoden entwickeln, um die Ergebnisse anschließend auszuwerten.“

Als konkrete Beispiele für Forschungsprojekte sener Studierenden nennt Jens Flatau

  1. eine Untersuchung zu den beliebstesten Besuchstagen im Fitnesstudio und
  2. eine Analyse zum allgemeinen Sportverhalten von Sportstudierenden (Welche Institutionen werden besucht? Welche Sportarten sind populär? etc.)

 

II. Forschungsbasiertes Hauptseminar mit Statistiksoftware

Auch in dem Forschungs-Hauptseminar „Quantitative Forschungsmethoden“ für Masterstudierende des ersten Master-Semesters bietet Professor Flatau den Studierenden die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und sogar den Seminarverlauf  mitzugestalten.

3 Phasen des Seminars

  1. In der ersten Phase des Seminars werden grundlegende Begriffe und Datenerhebungsmethoden theoretisch vermittelt, damit die Studierenden sich „auf einem gleichen Level der Verständigung begegnen können“.
  2. In der zweiten Phase entwickelten die Studierenden in diesem Wintersemester in 4 Kleingruppen (à 4–5 Personen) ein kleines Forschungsprojekt zu einer sportwissenschaftlichen Fragestellung, welches sie eigenständig durchführten.
  3. In der dritten Seminarphase werden die selbst erhobenen Daten – teils gemeinsam im Seminar, teils eigenständig von den Gruppen – mithilfe der freien Statistiksoftware PSPP[1] (Open Source Programm) statistisch ausgewertet, sodass die Studierenden die entsprechenden Verfahren sowie den Softwareumgang an den Daten eines realen Forschungsprojekts erlernen.

[1] http://freestatisticalsoftware.com/pspp-overview/

 

Freie Themenwahl erhöht die Motivation

„Die freie Themenwahl hilft dabei, die Studierenden auch während des Semesters motiviert zu halten, sodass sie ihre Projektarbeit mit Elan angehen können“, erläutert Jens Flatau ein. Anstelle einer regulären Hausarbeitsteht für die einzelnen Arbeitsgruppen ein Kurzbericht an, in dem die Studierenden die Ergebnisse ihrer Arbeit zusammentragen und anschließend auch präsentieren.

„Während meiner Dissertation habe ich am eigenen Leib erfahren, was es heißt, forschungsbasiert zu Lernen – und wie effektiv das ist“, wirft der Professor ein, „ich denke, dass es für die Studierenden wirklich hilfreich ist, wenn sie durch mein Seminar bereits indirekt auf ihre Abschlussarbeiten vorbereitet werden.“

Trotz des eher trockenen Themas Statistik beschert dieses Hauptseminar dem Gros der Studierenden ein positives Lernerlebnis. „Learning by doing“ erarbeiten sie sich dabei selbst den Umgang mit einem Statistikprogramm und das Präsentieren eigener Forschungsergebnisse.

Forschendes Lernen & Lehren – die Erfahrungen des Dozenten

flatau

Prof Dr. Flatau, Leiter der Sportökonomie und Sportsoziologie

„Bei einer forschungsbasiert aufgezogenen Lehrveranstaltung kann man nicht grundsätzlich von einem konzeptionstechnischen und organisatorischen Mehraufwand sprechen. Vielmehr fällt die aktive und motivierte Einstellung seitens der Studierenden auf, welche essenziell mitverantwortlich ist für einen positiven Lerneffekt.“

Aufgrund der kleinen Gruppen und geringeren Teilnehmerzahl kann individueller gearbeitet und spezifischer auf die Studierenden eingegangen werden. Auch die davor geleistete intensivere eigenständige Arbeit während des Semesters kommt bei vielen Studierenden gut an.

2 Gedanken zu „Statistik zum Anfassen

  1. Im Grunde keine schlechte Idee.

    Ein paar Punkte sehe ich jedoch kritisch:

    1. Hausaufgaben in der Vorlesung? Die Uni verschult immer mehr.
    2. … mit dem Ziel, dass die Studierenden „selbst kleine empirische Untersuchungen konzipieren oder durchführen und dokumentieren“. Allerdings ist es um die Selbständigkeit nicht gut bestellt, wenn in jeder Vorlesungseinheit „bereits mindestens eine Beispieluntersuchung enthalten ist, die analog zur Hausaufgabe ist, „um ihnen die Anfertigung der Hausaufgaben zu erleichtern“. Das hört sich nicht danach an, daß hier „ergebnisoffen Forschungsprojekte“ gestartet, Fragestellungen entwickelt und Forschungsmethoden getestet werden, wie anderswo im Zusammenhang mit dieser Veranstaltung angepriesen wird.
    3. Wenn die Hausaufgaben im Tutorium „gemeinsam reflektiert, diskutiert, korrigiert und analysiert werden“ können, wird das Tutorium dann nicht zur Pflichtveranstaltung? Außerdem fragt sich, inwieweit die Tutoren, bei denen es sich um Masterstudierende handelt, diese Aufgabe angemessen leisten können. Nichts gegen Masterstudierende, aber ein Bachelorabschluss vermittelt im Grunde genommen noch nicht die ausreichende Qualifikation und Erfahrung für eine solche Tätigkeit, weil erst im Masterstudium das entsprechende Seminar „Quantitative Forschungsmethoden“ besucht wird und die Masterarbeit geschrieben wird, durch die die Qualifikation im Ansatz erworben wird.
    4. Kleine Gruppen? Bei 140 Teilnehmern der Vorlesung sitzen durchschnittlich 28 Studierende in den 5 Tutorien. Die Gruppen sind keineswegs klein zu nennen. Eine individuelle Lernunterstützung wird kaum möglich sein.
    5. Die Tutorien dauern 45 Minuten. Bei 28 Studierenden wird individuelle Betreuung – anders als angepriesen – auch deshalb kaum machbar sein.

  2. Abgesehen davon, dass empirische Forschung immer ergebnisoffen ist (sonst könnte man es ja auch gleich lassen) und sich analog konzipierte Untersuchungen inhaltlich, d.h. hinsichtlich Untersuchungsgegenstand etc. unterscheiden können, kann ich den Anmerkungen gewiss zustimmen bzw. sind die implizit darin enthaltenen Verbesserungsvorschläge gewiss wünschenswert, doch angesichts der gegebenen Ressourcenausstattung nicht umsetzbar.
    Ein abgeschlossenes Bachelorstudium ist nicht die einzige Qualifikation für Tutorinnen und Tutoren und unter Masterstudierenden gibt es durchaus solche, welche voll und ganz in der Lage sind, das Tutorium kompetent zu betreuen.

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