Student_innen erstellen Video-Tutorials.

Ein Erfahrungsbericht aus der Philosophie

Mit dem Ziel, wesentliche Grundlagen des Studiums prägnant zu erläutern, haben Studierende höhrerer Fachsemester im Studiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ (PWU) multimediale Tutorials für Studienanfänger_innen konzipiert und umgesetzt. Mehr über das Projektseminar, in dem die Tutorials entstanden sind, erfahren Sie hier.

 

Text: Christian Baatz und Andrea Klonschinski (CAU Kiel)

Wir sind als Studiengangkoordinator_innen, Studienberater_innen und Lehrende für den interdisziplinären Masterstudiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ (PWU) zuständig. Während in diesem Studiengang die kritische philosophische Reflexion begrifflicher und normativ-ethischer Voraussetzungen wissenschaftlicher Diskurse um Wirtschaft und Umwelt im Zentrum steht, erlernen die Studierenden im Wahlpflichtbereich fundiertes disziplinäres Wissen der angrenzenden Fachbereiche, wie etwa Volkswirtschaftslehre oder Geographie. Der Studiengang zeichnet sich durch eine heterogene Studierendenschaft aus, da ein BA-Abschluss in Philosophie keine Voraussetzung für die Zulassung zum Studium darstellt. Dies stärkt den interdisziplinären Diskurs, führt aber auch zu Herausforderungen in der Lehre, da inhaltliche und methodische Grundlagen der Philosophie nur begrenzt vorausgesetzt werden können.

Um dieser Heterogenität Rechnung zu tragen, kamen wir im Gespräch mit einigen Student_innen auf die Idee, multimediale Tutorials zu erstellen, die sich an Studienanfänger_innen richten und wesentliche Grundlagen des Studiums prägnant erläutern. Während dies anfangs buchstäblich eine Schnapsidee war (sie kam im Rahmen des all-semestrigen PWU-Kneipenabends zustande), stellten wir schnell fest, dass sie durchaus Potential hat. Zum einen stünden die produzierten Tutorials allen zukünftigen Student_innen dauerhaft zur Verfügung – im Gegensatz zu Tutorien oder Vorbereitungskursen, die jährlich wiederholt werden müssen. Zum anderen würden die Student_innen bei der Erstellung der Tutorials nicht nur ihre inhaltlichen und methodischen Kenntnisse vertiefen, sondern darüber hinaus wichtige berufsbezogene Kompetenzen erwerben. Der PerLe-Fonds für Lehrinnovationen gab uns die Möglichkeit zur Umsetzung dieses spannenden Projekts im Wintersemester 2019/2020.

 

Fotos: Dreharbeiten fürs Videotutorial „Was lernt man im PWU?“ © Frederik Brüggen

 

Veranstaltungskonzept & Durchführung

Zur Umsetzung der Tutorials entwickelten wir ein Konzept für ein Modul, das aus drei Elementen besteht: Projektseminar, begleitendem Tutorium und selbständiger Gruppenarbeit. Im Projektseminar identifizierten die Studierenden zunächst generell, also noch nicht im Hinblick auf die Eignung der Themen für Video-Tutorials, die Kenntnisse, Informationen und Kompetenzen, die sie für ein erfolgreiches PWU-Studium an der CAU Kiel als erforderlich erachten. Die Identifikation erfolgte über Kleingruppenarbeit, deren Ergebnisse wir zusammen mit den Student_innen in einer ausgiebigen Diskussion zu acht Themen-Clustern bündelten, wie beispielsweise Interdisziplinarität, Argumentieren oder Referate im Philosophie-Master. Dabei erhielten wir, sozusagen nebenbei, einige wertvolle Hinweise zur Weiterentwicklung des Studiengangs. Im Anschluss bildeten sich vier studentische Gruppen von drei bis vier Personen, die jeweils ein Tutorial zu einem der Themencluster entwickeln wollten.

In den folgenden vier Wochen erarbeiteten sich die Gruppen eigenständig die zentralen Aspekte ihres Clusters und präsentierten diese in der nächsten Seminarsitzung. Durch die Diskussion der vorgestellten Aspekte konnten diese weiter geschärft werden. Daraufhin entwickelten die Gruppen erneut in Eigenarbeit über drei Wochen ein Konzept zur Umsetzung des Themas via Multimedia-Tutorial. Für die Umsetzung erhielten Sie keine zusätzlichen Vorgaben zu Länge, erwarteten Inhalten oder zu verwendenden Elementen, dafür aber praktische Hinweise, wie zum Beispiel, dass bereits ein Video von zwei bis vier Minuten Länge einen hohen Produktionsaufwand erfordert und die Tutorials daher nicht länger sein sollten. Die Konzepte wurden in der dritten Seminarsitzung präsentiert und diskutiert. Im Anschluss hatten die Gruppen ca. drei Monate Zeit die Multimedia-Tutorials auf Basis ihrer Konzepte zu erstellen.

Die konzeptionelle und medientechnische Arbeit der Gruppen wurde durch das regelmäßig stattfindende Tutorium ermöglicht. Als Tutorin konnten wir Franca Wißmann gewinnen, die den Master „Medienwissenschaft: Film und Fernsehen“ studiert und über einen breitgefächerten Erfahrungsschatz im Bereich Videokonzeption und -schnitt verfügt. Sie erhielt einen fünfmonatigen Vertrag mit 20 Stunden im Monat, was sich rückblickend als knapp bemessen herausstellte. Zu Beginn des Tutoriums erhielten die Student_innen von Frau Wißmann eine Einführung in multimediale Techniken und Methoden. Zudem organisierten wir einen von PerLe finanzierten, fünfstündigen Begleitworkshops zu Film- und Kameratechnik. Geleitet wurde der Workshop von Linus Krebs, einem Filmemacher und Dozenten für Film, Storytelling, Theater u.v.m.. Nachdem die Gruppen wesentliche Aspekte ihres Themenclusters erarbeitet und im Seminar präsentiert hatten, wurden sie im weiteren Verlauf des Tutoriums von Frau Wißmann bezüglich der sich bei der Umsetzung ergebenen konzeptionellen, methodischen und technischen Fragen beraten. Während wir jederzeit für inhaltliche Rückfragen und Diskussion ansprechbar waren, stand Frau Wißmann auch außerhalb der Tutoriums-Zeiten für technische Fragen zur Verfügung. In ihrer kontinuierlichen und kompetenten Betreuung der Gruppen sehen wir einen maßgeblichen Faktor für das Gelingen des Projektseminars.

Die Überprüfung der studentischen Leistung und des Erreichens der Lernziele erfolgte anhand der produzierten Tutorials, die wir zum Abschluss der Veranstaltung gemeinsam mit den Student_innen anschauten und evaluierten. Die Tutorials wurden dabei unter anderem anhand folgender Kriterien von uns benotet: inhaltliche Richtigkeit des Dargestellten, Verständlichkeit, Kreativität/Originalität, Relevanz für die Adressat_innen, Aufwand und technische Umsetzung (Schnitt, Ton, Licht usw.). Mit dieser Prüfungsleistung haben die Student_innen das Modul erfolgreich abgeschlossen und können es sich mit sechs Leistungspunkten im Wahlpflichtbereich des Studiengangs anrechnen lassen.

Was die Student_innen gelernt haben

Die Verständigung über Grundlagen des Studiengangs führt zur Reflexion des eigenen Fachs. Die Student_innen lernten dabei, die Essenz aus ihren inhaltlichen und methodischen Kenntnissen zu destillieren und deren Relevanz für Dritte zu bewerten. Die Diskussion, welche Kenntnisse zentral sind und was genau eine bestimmte Methode oder eine Theorie ausmacht, sowie die anschließende Umsetzung via Tutorial vertiefte das Verständnis der entsprechenden Inhalte erheblich. Dies ließ sich zum Beispiel bei der Gruppe beobachten, die die philosophische Methode des Gedankenexperiments erläutert hat. Um die Methode sowohl hinreichend kurz als auch verständlich darzustellen, mussten die Student_innen sich erarbeiten, was die wesentlichen Merkmale der Methode sind und wie die Inhalte ansprechend und kurzweilig transportiert werden können. Durch die ausführliche Beschäftigung mit dem Thema entwickelte die Gruppe somit nicht nur ein deutlich besseres Verständnis der Methode, sondern auch eine kritische Bewertung ihrer Einsatzmöglichkeiten, Grenzen und Schwierigkeiten.

 

 

Die Auseinandersetzung mit dem Fach auf der Metaebene führt auch zu einer tieferen Durchdringung von Sinn und Zweck sowie Möglichkeiten und Grenzen des Studiengangs. Die Student_innen gewinnen ein verbessertes Bewusstsein für das, was sie gelernt haben und über welche Kompetenzen sie – auch in Abgrenzung zu anderen Fächern – verfügen, wie sich beim Video-Tutorial zu „Was lernt man im PWU? beobachten lässt. Dieses Wissen hilft nicht nur den Absolvent_innen bei der Planung ihres weiteren Werdegangs und ihrer Präsentation auf dem Arbeitsmarkt, sondern gibt auch Studieninteressierten eine Vorstellung davon, was sie nach erfolgreichem Absolvieren des Studiengangs können werden. Die Orientierung an Studieninteressierten und Studienanfänger_innen verlangte den Teilnehmer_innen des Projektseminars zudem ab, eine spezifische didaktische Perspektive einzunehmen, wie sich besonders an dem Tutorial „Was ist PWU?“ zeigt, welches den Rezipient_innen Aufbau und Inhalt des Studiengangs auf anschauliche Art und Weise näherbringt.

 

 

Durch die Konzeptionierung und Erstellung der Tutorials haben die Student_innen außerdem Kompetenzen erworben, die in der PWU-Lehre ansonsten nicht vermittelt werden, aber in vielen PWU-relevante Berufsfeldern wichtig sind. Dazu gehören das Konzipieren von audiovisuellen Beiträgen, das Entwickeln eines Skripts, die Grundlagen im Umgang mit Video- und Tontechnik, der konkrete Umgang mit Schnittprogrammen sowie Vertonung und Voice-Over. Darüber hinaus haben die Student_innen je nach Konzept des Tutorials Erfahrungen in Drehplanung und -umsetzung oder im Erstellen von Animationen erworben.

Schließlich wurden auch die Fähigkeit zur Teamarbeit und Selbstorganisation durch die weitgehend eigenständige Arbeit in Gruppen über ein ganzes Semester gefördert. Zwar kommen auch im üblichen PWU-Studium Gruppenarbeiten regelmäßig vor, vereinzelt auch über mehrere Monate, diese sind aber weniger anspruchsvoll und intensiv. Das Erarbeiten der Tutorials erforderte ein vergleichsweise hohes Maß and Kommunikation, Arbeitsstrukturierung und Disziplin in eigener Verantwortung.

Was gut geklappt hat – und was nicht

Die Seminarteilnehmer_innen haben mit hoher Eigenmotivation wesentliche inhaltliche und methodische Grundlagen des Studiums identifiziert und sich ausführlich Gedanken dazu gemacht, wie sie diese in einem kurzen Tutorial mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen umsetzen können. Sie haben sich multimediale Kompetenzen angeeignet und schließlich mit viel Aufwand ihre Konzepte umgesetzt. Nach dem gemeinsamen „Video-Release“ waren sich die Student_innen einig, dass ihnen selbst die Videos und die darin enthaltenen Informationen am Anfang des Studiums sehr geholfen hätten. Auch fachfremde Personen gaben an, die Videos stellten eine gelungene Einführung dar und seien gut zu verstehen.

Die hohe Qualität der Tutorials ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Student_innen sehr viel Zeit in diese Lehrveranstaltung investiert haben, so dass der von uns vorab kalkulierte Arbeitsaufwand erheblich überschritten worden ist. Aufgrund des Aufwands und Anspruchs werden wir das Projektseminar bei einer etwaigen Wiederholung über zwei Semester hinweg durchführen. Dies ermöglicht es ebenso, die verschiedenen Arbeitsphasen (Sammlung der Grundlagen, Schärfung der Themenkomplexe, Konzeptionierung der Tutorials, Erstellen der Tutorials) und das Erlernen der erforderlichen Techniken zu entzerren und besser aufeinander abzustimmen. So gaben die Student_innen bei der Evaluation der Veranstaltung an, dass sie noch mehr von Tutorium und Filmworkshop profitiert hätten, wären diese zu einem späteren Zeitpunkt angeboten worden. In Zukunft werden wir daher nach der Gruppenfindung zusammen mit den Student_innen zunächst an der Schärfung der zu präsentierenden Inhalte arbeiten. Dann erhalten Sie eine Einführung in die Erstellung multimedialer Konzepte, die sie im Folgenden auf ihr Thema anwenden können. Erst wenn dieser Schritt absolviert ist, erfolgt eine bedarfsgerechte Einführung in Filmtechnik, Animation usw. Die Entzerrung und veränderte Abfolge tragen auch dem Umstand Rechnung, dass die Student_innen erst gegen Ende des Semesters in der Lage waren, wichtige Fragen an die Tutorin überhaupt zu formulieren, wie sie während der Evaluation berichteten.

Da die Tutorials von allen Beteiligten als äußert gelungen bewertet wurden, sie zugleich aber nur einen sehr kleinen Teil der Grundlagen des Studiums abdecken, halten wir eine Wiederholung bzw. Verstätigung der Veranstaltung für sehr sinnvoll. Die Videos haben dabei nicht nur einen großen Nutzen für Studienanfänger_innen und die Produzent_innen selbst, sondern auch das Potenzial die Sichtbarkeit des Studiengangs im deutschsprachigen Raum zu erhöhen. Für die multimediale Schulung und Betreuung der Student_innen müssen allerdings Studiengangs-externe Personen beauftragt und vergütet werden, was die CAU jenseits besonderer Fördermöglichkeiten wie PerLe leider nicht gewährleisten kann. Deswegen müssen wir für uns für eine Wiederholung der Veranstaltung erneut auf die Suche nach geeigneten Fördertöpfen begeben.

Das Vorhaben wurde durch den Perle-Fonds für Lehrinnovation aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01 PL17068 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autor_innen.

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