„Wir haben beim Forschen so viele Vorteile“

Studentische Forschung: Kieler Projektteam präsentiert sich an der HU Berlin

Wenn Studierende selbst forschen, verschwinden die Ergebnisse nach Abschluss der Hausarbeit oder des Projekts oft in der Schublade. Doch auch studentische Arbeiten bringen wichtige und reale Erkenntnisse, oft aus einem ganz anderen Blickwinkel als die von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Das zeigte die zweite bundesweite Konferenz für studentische Forschung an der HU Berlin Ende September mit einer Vielfalt solcher Projekte. Mit dabei: Die Kieler Geographiestudierenden Kristin Groth und Lars Bührmann.

Text: Eva-Lena Stange (Studentin/PerLe)

 

Quelle: bologna.lab HU Berlin

 

Unter dem Motto „Forschung vermitteln – communication research“ richtete das bologna.lab der HU Berlin am 21. und 22. September eine Forschungskonferenz für über 200 Studierende und Doktoranden aus. Das Besondere: Die Teilnehmenden kamen von Universitäten und Fachhochschulen in ganz Deutschland, noch dazu studierten sie die unterschiedlichsten Fächer – und sie stellten Ergebnisse ihrer eigenen Forschungsprojekte vor. Während studentische Forschungsergebnisse  an Universitäten oft nur Lehrende – mitunter auch Mitstudierende – erreichen, konnten sich die Teilnehmenden der Berliner Konferenz wirklich als Forscherinnen und Forscher profilieren und dabei weit über die Grenzen des eigenen Faches blicken. „Es war einfach total interessant, sich mit anderen darüber auszutauschen, womit man sich beschäftigt“, resümiert die Kieler Geographie-Bachelorstudentin Kristin Groth.

Vom Seminarprojekt zum Konferenzbeitrag

Unter dem Titel „Warum helfen? Einfluss der Medien auf Flüchtlingshelfer im Mittelmeerraum“ hatte Groth vorab gemeinsam mit ihren Kommilitonen Lars Bührmann, Marla Mena König und Luis Karcher untersucht, welches Bild die Medien von der Flüchtlingssituation am Mittelmeer zeichnen. „Es war interessant, sich damit zu beschäftigen, weil man so sehr auf die Medien angewiesen ist, um über die Geschehnisse im Mittelmeer zu erfahren.“, sagt Lars Bührmann, der ebenfalls Geographie im Bachelor studiert. Für ihr Projekt im Rahmen eines Forschungsseminars zum Thema „Flucht und Migration im Mittelmeerraum“ von Prof. Dr. Silja Klepp hatten sie im vergangenen Sommersemester fast 300 Artikel verschiedener Onlinemedien zu diesem Themengebiet analysiert. Um deren Einfluss auf Helfende festzustellen, führten sie anschließend drei Interviews mit beteiligten Helfern durch: Einem Vertreter der Marine, der NGO jugend rettet und dem Flüchtlingsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein.

Dass sie mit ihren Ergebnissen zu einer studentischen Forschungskonferenz fahren sollten, war nicht von Beginn an geplant. Doch noch während der Forschungsarbeit kam die Geographiedozentin Sakura Yamamura auf die Gruppe zu und schlug ihnen die Teilnahme in Berlin vor. „Ich glaube, Studenten brauchen manchmal jemanden, der ihnen sagt: Mach‘ das doch, geh‘ da einfach mal hin“, sagt Lars Bührmann. Unterstützung erhielt die Gruppe von ihr auch bei der Bewerbung für die Konferenz, für die sie einen einseitigen Abstract verfassen mussten. Als ihr Projekt dann aus über 300 Bewerbungen ausgewählt wurde, lieferte ihnen ein Vortrag, den sie vorab bereits in einer Lehrveranstaltung bei Sakura Yamamura gehalten hatten, die Grundlage für ihre Präsentation. „Der Vortrag auf der Konferenz stand aber in einem ganz anderen Kontext als der an der Uni, es war viel aufregender“, sagt Kristin Groth rückblickend. Im Vergleich zum Seminar galt es hier, auch Fachfremde anzusprechen. „Auch wenn es nicht bewertet wurde, war das eine ganz neue Herausforderung – einfach ein ganz anderes Publikum als im Seminar“, ergänzt Lars Bührmann.

Ein Blick über den Tellerrand des eigenen  Fachs

Auf der Konferenz fand der Vortrag der Kieler Gruppe dann in einer Vortragsrunde zum Thema „Flucht und Migration“ statt. In der strikt bemessenen Zeit von 15 Minuten stellten die Studierenden ihr Forschungsprojekt und dessen Ergebnisse vor. Da aus Platz und Kostengründen jeweils höchstens zwei Vortragende zugelassen wurden, übernahmen Kristin Groth und Lars Bührmann diese Rolle – eine wichtige Übung für Beruf und weiteres Studium. Neben dem eigenen Vortrag gab es noch viel mehr zu entdecken: Zwischen den Vortragsrunden zu verschiedenen Themen fanden Poster-Sessions weiterer Projekte statt, die abends in einem Beisammensein mit musikalischer Untermalung ausklangen. Auch Essens- und Kaffeepausen boten Gelegenheit, die anderen Teilnehmenden kennenzulernen und sich zu vernetzen.

 

Quelle: bologna.lab HU Berlin

 

So trafen die beiden Kieler Studierenden dort auch auf andere Studierende mit ähnlichen Forschungsinteressen, die neue Ansichten über die eigenen fachlichen Themen mitbrachten, aber auch auf Teilnehmende mit völlig anderem fachlichen Hintergrund. „Das war eine tolle Möglichkeit, Dinge erklärt zu bekommen, mit denen man im Alltag keine Berührungspunkte hat“, sagt Kristin Groth über ihre Unterhaltung mit einem Elektrotechniker über sein Forschungsprojekt. „Außerdem waren viele halbfertige Projekte da, deren Initiatoren einfach nur Feedback haben wollten. Für Studierende ist es gar nicht so schlecht, das einmal kennenzulernen, um mehr Verständnis für den Forschungs- und Konferenzalltag zu bekommen“, resümiert Lars.

Studentische Forschung: wichtiger akademischer Beitrag

Ein besonderes Ziel der Konferenz ist es, von Studierenden betriebene Forschung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Eine Entwicklung, die in Deutschland erst langsam Fahrt aufnimmt – die erste Konferenz dieser Art fand vor zwei Jahren an der Universität Oldenburg statt. In den USA werde studentische Forschung schon lange ernst genommen und wertgeschätzt, so Dr. Maria Iacullo-Bird von der Pace University in New York in ihrer Keynote zur Eröffnung der Berliner Konferenz. „Ich hatte nie das Gefühl, dass es wichtig ist, was ich in meinen Forschungsprojekten mache“, sagt Kristin Groth. Dass auch studentische Projekte ernsthafte Forschung darstellen und relevante und fundierte Ergebnisse liefern können, ist ihr jetzt klarer als zuvor: „Da hat die Konferenz bei mir ein Umdenken erbracht“.

 

Quelle: bologna.lab HU Berlin

 

Oft besitze studentische Forschung Vorteile sowohl für Lernende wie Lehrende: „Es ist vielleicht keine so theoretisch fundierte und vielleicht auch mit kleinen Fehlern behaftete empirische Arbeit; aber trotzdem glaube ich, dass man in der frühen Phase des Studiums andere Fragen stellt als die Professoren; und das heißt ja nicht, das die Fragen falsch sind, sondern einfach nur anders. Davon können beide Seiten lernen“, sagt Lars Bührmann. Außerdem hat die Gruppe während der Recherche und auch in anderen Studienprojekten die Erfahrung gemacht, dass sich für Studierende mitunter Türen öffnen, die fertig ausgebildeten Wissenschaftlern verschlossen bleiben könnten:  „Der Studentenbonus: Man ist klein und süß und scheinbar harmlos. Selbst wenn man sagt, man schreibt eine Seminararbeit und hält einen Vortrag in der Öffentlichkeit, sind gerade auch Politiker offen dafür gewesen, sich interviewen zu lassen“. Dadurch eröffneten sich ebenfalls neue Perspektiven für Forschungsergebnisse, so Lars Bührmann. „Gerade deshalb ist es interessant, mehr studentische Forschung zu etablieren“, fügt er hinzu.

Die nächste Konferenz für studentische Forschung aus ganz Deutschland findet voraussichtlich im nächsten Jahr in Bielefeld statt. Außerdem ist an der Universität Oldenburg die Ausrichtung der Weltstudierendenkonferenz für 2019 geplant. Dass solche Ereignisse öfter stattfinden, wäre für die beiden Kieler Geographen eine große Bereicherung. „Ich glaube, Studenten fühlen sich noch mehr von der Forschung angesprochen, wenn Studenten selbst sie herstellen“, sagt Kristin Groth. Für eine studentische Konferenz in Kiel wären sie auch deshalb Feuer und Flamme.

 

Weiterführende Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.