Studierende erstellen einen Atlas religiöser Lernorte

Forschungs- und produktorientiertes Lernen mit Bezug zur Berufspraxis

Religionslehrende wollen der Heterogenität der Lerngruppen gerecht werden, um deren religiöse Pluralitätsfähigkeit zu fördern. Obwohl sich außerschulische religiöse Lernorte dafür eignen, werden sie kaum besucht: Sie müssen aufwendig recherchiert, kriteriengeleitet ausgewählt und mit dem Unterricht verzahnt werden. Um dies zu erleichtern, haben Studierenden jetzt über zwei Semester hinweg einen Atlas religiöser Lernorte inklusive Ansprechpersonen, Angeboten und Möglichkeiten zur unterrichtspraktischen Einbindung erstellt.

Text: Silja Leinung, Rabea Firrincieli

Im Rahmen eines von PerLe (Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen) geförderten Seminars arbeiten Studierende der Theologischen Fakultät mit Unterstützung des Pädagogisch-Theologischen Instituts der Nordkirche (PTI) gemeinsam an einem digitalen Atlas religiöser Lernorte in Schleswig-Holstein, der für Religionslehrende in Schleswig-Holstein zugänglich gemacht werden soll. Dafür besuchen die Studierenden Orte gelebter religiöser Traditionen und kamen mit den jeweiligen Vertreter*innen über Möglichkeiten des Lernens an diesen Orten ins Gespräch. Ziel des Seminars ist es, den universitären Lehrlernprozess nicht nur forschungs- und theoriebasiert zu gestalten, sondern ihn durch die Mitarbeit an einem konkreten Produkt von gesellschaftlicher Relevanz mit der gegenwärtigen Lebenswelt und den zukünftigen beruflichen Tätigkeiten der Lernenden zu verknüpfen.

 “Wer in einer pluralen Gesellschaft sprachfähig sein will, sollte in den Dialog treten.” – Studentin des Seminars ‘Atlas der religiösen Lernorte in Schleswig-Holstein’

Der Ausgangspunkt des Seminars ergab sich aus der empirischen Studie „Religiöse Vielfalt im konfessionellen Religionsunterricht“ (ReVikoR) der Nordkirche und der Theologischen Fakultäten der CAU Kiel und Europa-Universität Flensburg. Darin wurde deutlich, dass sich sowohl Religionslehrende als auch Schüler*innen einen stärkeren Einbezug verschiedener religiöser Traditionen in den Religionsunterricht wünschen, hierbei jedoch einige Herausforderungen bestehen. Der Atlas soll Religionslehrende darum unterstützen, außerschulische Lernorte verschiedener religiöser Traditionen ausfindig zu machen und diese Orte dann – bezogen auf das jeweilige Unterrichtsthema –mit ihren Schüler*innen besuchen zu können.

Aus diesem Grund arbeiteten die Studierenden zunächst mit Hilfe der Forschungsergebnisse und religionspädagogischen Theorien zum außerschulischen und interreligiösen Lernen an einer konzeptionellen Grundlage. Weitere Impulse lieferten ähnliche Projekte aus anderen Bundesländern. Maßgebend waren die Leitfragen, welche Lernziele und Kompetenzen der Besuch des außerschulischen Lernorts auf welche Art und Weise ermöglichen können soll; nach welchen Kriterien die Lernorte recherchiert werden können und welche organisatorische, pädagogische und didaktische Fragen der Atlas für Lehrende beantworten muss.

Um allen Lehrenden die Informationen niedrigschwellig zugänglich zu machen, wurde ein digitales Format für den Atlas gewählt. Die Informationen für die Website werden von Studierenden zusammengetragen, indem sie in Paaren die – in diesem Falle außeruniversitären – Lernorte besuchen und mit den Menschen ins Gespräch kommen, die Verantwortliche oder Mitglieder eines solchen Lernorts und Zugehörige der entsprechenden religiösen Tradition sind. Dazu gehören beispielsweise Orte wie Kirchen, Klöster, Tempel, Gebets-/Meditationszentren, etc., aber auch Museen, Denkmäler oder Friedhöfe. In diesen Gesprächen können die Studierenden sowohl ihre eigene interreligiöse Kommunikationsfähigkeit und damit pluralitätsfähige Haltung schulen, als auch Möglichkeiten, Herausforderungen und Rahmenbedingungen für einen möglichen Besuch mit einer Schulklasse erfragen und zugleich auch zu erfahren. Vor allem aber können die Studierenden den Mehrwert außerschulischer Lernorte an sich selbst beobachten, wie sich in der anschließenden Reflexionsrunde mit den Studierenden herausstellte. Dabei führen sie einen mehrfachen Perspektivwechsel an den Lernorten durch, indem Sie die Rolle der studentisch Lernenden, der zukünftig Lehrenden und der Gastgebenden an dem jeweiligen Ort einnehmen. Die Ergebnisse werden anschließend in einem Peer-Feedback-Verfahren besprochen, was sich im ersten Durchlauf durch die unterschiedlichen studentischen Perspektiven nach den Lernortbesuchen als sehr fruchtbar gezeigt hat. Anschließend haben die wissenschaftlichen Hilfskräfte, die sich im engen Austausch mit den Studierenden auch um die Entstehung der Website kümmern, die Informationen und Ideen online eingebunden.

Im Hinblick auf die Besuche fand im Anschluss an die theoretisch-konzeptionelle Arbeit jedoch zunächst noch ein Tag zur Annäherung an die religiösen Vielfalt in Schleswig-Holstein statt, an dem die Studierenden von verschiedenen Expert*innen der Uni, der Nordkirche und dem Land religionspädagogisch und religionskundlich für die bestehende inter- und innerreligiöse Vielfalt sensibilisiert und auf die Begegnungen vorbereitet wurden.

Da außeruniversitären Besuche mit interreligiösen Dialogen durch die Maßnahmen im Kontext der Covid-19-Pandemie nur bedingt möglich sind, musste die Veranstaltung im Sommersemester 2020 leider ausgesetzt werden. In diesem Wintersemester wird das Projekt weiter fortgesetzt, nun unter Einbezug digitaler Möglichkeiten der Begegnung.

 

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