Studierende forschen über Obdachlosigkeit

Autonomie im wissenschaftlichen Arbeiten fördern

Die Zahl der Obdachlosen in Kiel hat sich 2017 im Vergleich zum Vorjahr beinahe verdoppelt. Eine drastische Entwicklung, die Historikerin Dr. Britta-Marie Schenk zum Anlass nahm, eine Lehrveranstaltung zur Geschichte der Obdachlosigkeit im 20. Jahrhundert anzubieten. Sie verknüpfte das historische Thema mit gegenwärtigen Aspekten – und lud Studierende dazu ein, im Rahmen des Seminars eigenständig zu forschen.

Text: Mirjam Michel (Studentin/PerLe)

Historikerin Dr. Britta-Marie Schenk (rechts) mit Studentin Michele Wagnitz (links).

In den ersten Seminarsitzungen erhielten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich mit einer breitgefächerten Auswahl an Forschungstexten zur Geschichte der Obdachlosigkeit im 20. Jahrhundert zu beschäftigen von der Zeit um die Jahrhundertwende, über die Weimarer und die NS-Zeit bis hin zur Bundesrepublik. Im  anschließenden Methodenteil des Seminars wurden die Studierenden unter anderem mit der Methode der Teilnehmenden Beobachtung vertraut gemacht. Diese sollte es ihnen ermöglichen, im Rahmen der Lehrveranstaltung selbstständig in Kontakt mit Obdachlosen zu treten. „Ich habe den Studierenden freigestellt, wie sie das Thema angehen. Sie hätten sich auch mit historischen Quellen oder ähnlichem beschäftigen können. Aber es war mir daran gelegen, ihnen die Möglichkeit bereitzustellen, in der Gegenwart Beobachtungen durchzuführen und diese dann zu historisieren“, erklärt Schenk.

Mithilfe der Historisierung soll eine Verbindung zwischen geschichtlichen Themen und der Gegenwart hergestellt werden. „Dies kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Man kann in der Gegenwart etwas entdecken, was mit Obdachlosigkeit zu tun hat und in irgendeinem Verhältnis zur Vergangenheit steht“, erläutert Schenk das Vorgehen, „in Kiel gab es zum Beispiel die Diskussion, dass Obdachlose, die nicht aus Kiel kamen, wieder in ihre Heimatregionen zurückgeschickt werden sollten. Das ist etwas, was wir bereits im 19. Jahrhundert ganz massiv finden.“ Bei diesen Beobachtungen wollte Schenk es aber nicht belassen, vielmehr sollten sich die Studierenden auch damit auseinandersetzen, inwiefern sich die Gegenwart aus der Geschichte heraus erklären lässt.

Wie kommt es, dass die Gegenwart so geworden ist, wie sie jetzt ist? Wie kommt es, dass heute auf eine ganz bestimmte Art und Weise mit Obdachlosen umgegangen wird? Wie kommt es, dass sie eine ganz bestimmte Lebensweise an den Tag legen? – Diese und ähnliche Fragen sollten den Studierenden dabei helfen, die Gegenwart nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie aktiv zu hinterfragen.

Ein Sprung über den eigenen Schatten

Den ersten direkten Kontakt zu Obdachlosen hatten die Studierenden während einer Führung in Hamburg, die ihnen wichtige Anlaufstellen für Obdachlose in der Stadt vorstellte. „Wir waren unter anderem an einem Ort von der Caritas, der Wohnungslosen die Möglichkeit bietet, Schließfächer in Anspruch zu nehmen. Dort können sie ihre Sachen wegschließen oder umsonst ärztlich behandelt werden. Wir sind sehr lange durch die Stadt gelaufen und haben auch Orte gefunden, wo Obdachlose kurzfristig oder langfristig untergebracht werden“, berichtet die Seminarleiterin. Durchgeführt wurde die Führung von einem ehemaligen Obdachlosen, der für die Obdachlosen-Zeitung Hintz und Kuntz arbeitet, sodass die Studierenden einen recht unmittelbaren Einblick in Lebensbedingungen von Hamburger Obdachlosen erhielten. Unter anderem hatten die Studierenden Gelegenheit dazu, in einem offenen Gespräch mehr über den persönlichen Lebensweg ihres Stadtführers zu erfahren sowie kritische Fragen zu stellen.

Im Anschluss an die Exkursion fanden drei Wochen lang keine fixen Seminarsitzungen statt. In dieser Zeit waren die Studierenden gefragt, selbstständig mit Obdachlosen in Kontakt zu treten, um Beobachtungen zu machen und Interviews durchzuführen. „Ich habe das Interview mit einer Kommilitonin zusammen durchgeführt“, berichtet die 23-jährige Studentin Michele Wagnitz, „weil es natürlich ein Sprung über den eigenen Schatten ist, einfach fremde Leute anzusprechen und zu fragen ‚wie lebt ihr hier eigentlich so?‘ Wir sind erstmal einfach losgelaufen und haben uns durchgefragt. Natürlich will nicht jeder bei so etwas mitmachen“, verrät die Lehramtsstudentin (Deutsch, Geschichte & Dänisch). Beide sind froh, als sie dann doch fündig werden. „Am Bahnhof haben wir einen Herrn getroffen, der bereit war, mit uns zu sprechen; dessen Frau ist dann auch noch dazugekommen. Wir haben uns länger mit dem Paar unterhalten und das Gespräch mit dem Handy aufzeichnen dürfen, um es hinterher auszuwerten. Jede von uns hat anschließend die Auszüge verwendet, die sie für ihre Arbeit brauchte.“

Diese Form der Autonomie im wissenschaftlichen Arbeiten zu fördern, war der Dozentin Britta-Marie Schenk ein wichtiges Anliegen: „Ich wollte ganz bewusst, dass die Studierenden ihre eigenen Erfahrungen machen. Es ist wichtig, dass Studierende lernen, selbstständig zu arbeiten und auch einmal erleben, dass Situationen vielleicht nicht klappen oder sich manchmal gar nicht so viele Informationen herausholen lassen wie zunächst erhofft“. Dies soll auch die Fähigkeit stärken, Probleme selbst zu lösen und mit schwierigen Situationen umzugehen.

In den letzten beiden Seminarsitzungen besprachen die Kursteilnehmenden bereits erste Textentwürfe für ihre Historisierungen, in einer großen Korrekturrunde lasen die Seminarteilnehmenden sämtliche Texte ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen gegen. „Das hat sehr viel Spaß gemacht, weil wir gesehen haben, was für unterschiedliche Themen die Leute bearbeiten“, erinnert sich Schenk, „auch, dass man bei der Textarbeit Hilfestellungen geben kann, also diesen Prozess auch noch mitbetreuen kann, war gut.“ Wagnitz nickt und ergänzt: „Das hat uns wissenschaftlich wirklich weiter gebracht“.

Der Brückenschlag zur Gegenwart

Sie zieht eine positive Bilanz: „Es war quasi mal richtig eigenes Forschen im Kleinen. Das ist etwas ganz anderes als wenn der Dozent einem ständig über die Schulter schaut oder wenn gesagt wird: ‚Ihr könnt jetzt in die Bibliothek gehen und eure Nachforschungen anstellen mit Literatur, die bereits geschrieben ist‘. Wenn man die Erfahrungen eben ganz selbst macht und mit den Materialien hinterher auch selbst walten und schalten kann“. Auch einfach mal die Orte zu sehen und so mehr über die Lebenssituationen von Obdachlosen zu erfahren, hat Wagnitz‘ Interesse für dieses Thema befeuert: „In diesem Seminar habe ich festgellt, dass Geschichte nicht etwas irgendwie Entferntes ist, sondern dass man das durchaus auch immer auf die Gegenwart beziehen kann“.  Geschätzt hat sie auch die sehr offene Gesprächsatmosphäre im Seminar, die es ermöglicht hat, über Schwierigkeiten im Forschungsprozess zu sprechen.

Schenk sieht darin eine Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Seminar: „Ich stand nicht alleine da, sondern die Studierenden haben auch untereinander Ideen geäußert.“ Sie findet, dass Studierende nicht unterschätzt werden sollten und ihnen einiges zugetraut werden kann: „Man kann besser forschen, wenn man nicht so vielen Reglementierungen unterliegt, gerade was Formalia betrifft. Am wichtigsten ist es, Vertrauen zu haben, dass Studierende auch schon forschen und selbstständig arbeiten können“. Nicht nur die Studierenden hat das mehrteilige Seminar in ihrer wissenschaftlichen Arbeit weitergebracht, auch Schenk hat wertvolle Erkenntnisse gewonnen: „In meiner Arbeit steht im Zentrum, inwiefern Obdachlose auch eigene Handlungsspielräume und Handlungsmöglichkeiten haben.  Also nicht nur, wie mit ihnen umgegangen wird, sondern wie sie auch selbst agieren und was sie innerhalb ihres Lebenszusammenhangs bewirken können. Deshalb war es sehr interessant für mich an diesen Stellen auch bei den Studierenden nachzuhaken. Dadurch habe ich viele Anregungen zu verschiedenen Themen bekommen. Das sind ja so Testläufe, die die Studierenden machen, die man auch nutzen kann, um tiefer einzusteigen und bestimmte Thesen zu überprüfen.“

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Kontakt

Dr. Britta-Marie Schenk
Telefon: +49 431 880-4023
schenk@histosem.uni-kiel.de

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