„Wir haben selbst Quellen erschaffen!“

Oral History: Studierende interviewen Menschen mit Behinderung

Praxisnahe Erfahrungen im Geschichtsstudium sind meist rar gesät. Willkommene Abwechslung bot das Seminar „Studierende interviewen Menschen mit Behinderung“ der Kieler Geschichtsprofessorin Gabriele Lingelbach. Dort lernten Studierende Zeitzeugeninterviews als Methode der Disability History kennen – um schließlich selbst solche Interviews durchzuführen.

Schritt I: Problembewusstsein schaffen.

Der Seminartitel verrät es schon: Die Veranstaltung „Studierende interviewen Menschen mit Behinderung“ sollte für die Teilnehmer_innen auf eine ganz praktische Aufgabe hinauslaufen. Doch zunächst nahm Seminarleiterin Lingelbach Fachtheorien in den Fokus, um die Studierenden ausgiebig vorzubereiten. „Das Thema Oral History hat oft einen Naivitätsvorschuss“,  schildert sie, „den galt es in den ersten vier bis fünf Semesterwochen abzubauen. Mal eben den Großvater über die Wehrmacht interviewen und dann eine Abschlussarbeit darüber schreiben – das geht natürlich nicht.“ Mittels Textarbeit, Diskussionen und Beispielen erarbeiteten sich die Studierenden Methoden der wissenschaftlichen Interviewführung.

Zudem spielte das Thema Disability History eine zentrale Rolle im Seminar – schließlich würden die Interviewpartner_innen der Studierenden Menschen mit Behinderungen sein. In diesem Kontext waren vorab Diskussionen über political correctness, über Haltungen und Formulierungen notwendig. Dazu zählte auch die offen diskutierte Frage:  „Inwieweit kann ein Interview tatsächlich – im wissenschaftlichen Sinne – ergebnisoffen verlaufen, wenn wir unsere Interviewpartner_innen nach bestimmten Dingen gar nicht erst fragen können oder wollen?“

Schritt II: Interviewfragen erarbeiten.

Auf Basis dieser kritischen Auseinandersetzungen erarbeiteten die Studierenden im Anschluss ihre Interviewfragen – konkret zugeschnitten auf die drei Interviewpartner_innen

  • Marianne Buggenhagen, Leistungssportlerin
  • Matthias Vernaldi, Mitbegründer der Berliner Initiative Sexybilities – Sexualität und Behinderung
  • Horst Alexander Finke, engagiert im Projekt Inklusive Bildung.

 

Alle Fragen wurden en Detail mit der Dozentin und ihrer wissenschaftlichen Hilfskraft, Jonas Zimmermann, durchgesprochen. „Wir haben im Gespräch Suggestivfragen entlarvt und die Studierenden noch einmal ermutigt, Reaktionen auf ganz offen gestellte Fragen wirklich auszuhalten: mäandernde Antworten, Zögern, Unsicherheit …“

Schritt III: Die Interviews.

Vom Interviewverlauf gemäß Lehrbuch bis hin zu völlig unvorhergesehenen Exkursen ist den Studierenden in den konkreten Interviewsituationen denn auch tatsächlich alles begegnet.  „In einer Gruppe hat der Interviewpartner wirklich anderthalb Stunden durchgeredet“, berichtet Seminarteilnehmerin Davina Bibiella, „eine andere Gruppe  musste viel früher einspringen und immer wieder Zwischenfragen stellen. Und der dritte Interviewpartner hat ganz anders auf unsere Fragen reagiert als angenommen. Es war wirklich spannend zu erleben, wie unterschiedlich in allen drei Fällen die Interviewtheorie in Praxis umgewandelt wurde, daraus habe ich viel gelernt.“

Gerade die enge Verzahnung von Theorie und Praxis hat den Studierenden rückblickend besonders gefallen. „In normalen Uni-Seminaren muss man regelmäßig seine Lektüre lesen, ein Referat halten und eine Hausarbeit schreiben. Das war’s dann“, resümiert Davina Bibiella, „in unserem Oral History-Kurs lief es ganz anders. Am Ende hatten wir sogar eigene historische Quellen erschaffen. Das war für mich etwas ganz Besonderes.“

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Davina Bibiella und Nele Mathiebe.

Bibiellas Kommilitonin, Nele Mathiebe, glaubt zudem, dass sich das im Kurs erlangte Wissen viel besser verankert, als in ausschließlich theoretisch ausgerichteten Seminaren: „Ich kann jetzt noch rund 90 Prozent unseres Interviews aus dem Gedächtnis wiedergeben“, sagt sie, „während der Interviewsituation  selbst waren wir äußerst aufmerksam und darauf bedacht, das, was wir vorher gelernt und besprochen hatten, wirklich korrekt umzusetzen. Da hat sich alles gleich umso stärker eingeprägt.“

Auch Kursleiterin Gabriele Lingelbach zieht ein durchweg positives Fazit: „Ich musste während der Interviews gar nicht eingreifen; aber das Projekt hätte auch völlig schieflaufen können, das war uns die ganze Zeit bewusst.“

Selbstorganisation mit Erkenntniszuwachs.

Die Kommunikation mit den Interviewpartner_innen oblag den drei Interviewgruppen selbst. Dazu zählten auch organisatorische Punkte wie die Hotelbuchung und ggf. ein Shuttle-Service vom Hotel zum Interviewtermin an der CAU und zurück. Dieser Part erwies sich für die Studierenden als ebenso lehrreich, hat teils sogar Berührungsängste abgebaut.

„Unsere Interviewpartnerin Frau Buggenhagen wollte beispielsweise ihren Mann zum Interview mitbringen. Beide sind Rollstuhlfahrer – und wir mussten planen, wie wir sie mit einem privaten PKW abholen können“, berichtet die Kursteilnehmerin Davina Bibiella, „im Vorfeld haben wir uns große Gedanken darüber gemacht. Passen beide Rollstühle in ein Auto? Wie klappt’s mit dem Einsteigen? Aber am Ende lief alles ganz entspannt, weil die beiden total locker waren – und ja auch nicht erst seit gestern im Rollstuhl sitzen.“

Schritt IV: die Auswertung

Mit Abschluss der Interviews fing die Arbeit für die Studierenden erst so richtig an: Die Texte mussten transkribiert, ausgewertet und schließlich in Posterform präsentiert werden. Eine Herausforderung.

„Wie können wir unser Interview gewinnbringend darstellen? Darüber haben wir lang diskutiert“, berichten die Kursteilnehmerinnen, „auch in Hinblick darauf, niemanden in irgendeiner Weise bloßstellen zu wollen. Wenn jemand zum Beispiel etwas Falsches gesagt hat – wie stellt man das auf einem Plakat dar? Oder sollte man entsprechende Aussagen aus der Präsentation komplett ausklammern?“

Schließlich entschieden sich die Studierenden dafür, theoretische Masken über die Interviews zu stülpen, mit deren Hilfe sie das Gesagte entlang verschiedener Oral History– Theorien analysieren konnten.

Die Ergebnisse dieses Prozesses veranschaulicht die folgende Postergalerie:

Interview I

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Interview II

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Interview III

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Bei aller Begeisterung merken die Studierenden rückblickend auch einen kleinen Kritikpunkt an: „Auch wenn der Workload – in Anbetracht der Leistungspunkte, die wir fürs Projekt bekommen haben – völlig gerechtfertigt war, war der Arbeitsaufwand für die Teilnehmenden recht groß“, sagt Davina Bibiella,  „wir haben uns regelmäßig außer der Reihe getroffen, beispielsweise zum Brainstorming, zur Konzeption unserer Interviews, aber auch für deren Auswertung“. Daher schlägt sie vor, den Arbeitsaufwand beim nächsten Mal von Vornherein ganz explizit zu machen, um die  Semesterplanung für alle Teilnehmenden reibungsloser zu gestalten.

Doch das sei „Jammern auf hohem Niveau“, denn auch Frau Lingelbach habe sich – genau wie alle Kursteilnehmer_innen – extrem engagiert und hätte stets für Gespräche und Rückfragen zur Verfügung gestanden.

Resümee

Die Projektinitiatorin selbst gibt unumwunden zu, dass der organisatorische Aufwand fürs Oral History-Lehrprojekt wesentlich größer ausgefallen sei, als es bei einer regulären Lehrveranstaltung der Fall gewesen wäre. Dank einer eigens für den Kurs engagierten studentischen Hilfskraft habe sie ihr Lehrdeputat jedoch „nur um 15 bis 20 Prozent überschritten“. Trotzdem würde die Geschichtsprofessorin eine solch aufwendige Lehrveranstaltung gern jederzeit wieder anbieten:  „Ein Seminar voller begeisterter Studis“, sagt die Geschichtsprofessorin, „das ist mir den Mehraufwand allemal wert.“

Etwas enttäuscht, so Lingelbach, sei sie jedoch über die einstellige Zahl der Kurs-Teilnehmer_innen. „Wie kann ich ein solch außergewöhnliches Seminar effektiver bewerben und die Studierenden dafür begeistern?“, fragt sie sich – und hofft auf Ideen und Anregungen von Kolleg_innen.

Nutzen Sie für Ihre Vorschläge gern die Kommentarfunktion unterhalb dieses Artikels!

 

Weiterführende Informationen

I. Oral History-Projekt aus Bochum

II. Weiterführende Literatur zum Thema Oral History

  • Julia Obertreis: Oral History – Geschichte und Konzeptionen, in: Julia Obertreis (Hg.): Oral History, Stuttgart 2012, S. 7-30.
  • Dorothee Wierling: Oral History, in: Michael Maurer (Hrsg.), Aufriß der historischen Wissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Reclam, Stuttgart 2003, S. 81-151.
  • Harald Welzer: Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung [2000], in: Obertreis, Julia (Hg.): Oral History, Stuttgart 2012, S. 247-259.

 

Dieses Projekt wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

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