„Es kommt eine neue Lesedimension dazu“

Philosophische Summer Reading School geht in die zweite Runde

Im August 2017 hatte die Summer Reading School zum Thema „Feminism and the Philosophy of Science“ ihre Premiere an der Uni Kiel. Organisiert von vier Studentinnen der Philosophie aus Kiel und Wien, trafen sich 16 Studentinnen aus der ganzen Welt zum Lesen und Analysieren philosophischer Texte. Nach dieser vom PerLe-Fonds geförderten Pilotveranstaltung ging das Projekt jetzt in die zweite Runde: Vom 23. bis zum 28. Juli befasste sich die Summer Reading School 2018 in Wien mit Feminismus und Sprachphilosophie. Im Interview berichtet Organisatorin Heike Behnke, die mittlerweile Philosophie an der CAU lehrt, wie es mit dem Projekt weitergegangen ist.

Text: Eva-Lena Stange

Das letzte Mal, haben wir uns kurz nach der ersten Summer School in Kiel miteinander unterhalten.  Welche Rückschlüsse hat das Organisationsteam seitdem gezogen?

Heike Behnke: Der Eindruck blieb so positiv, wir sind sehr stolz, das Projekt umgesetzt zu haben. Wir haben über lange Zeit hinweg noch viel positive Rückmeldungen von den Teilnehmerinnen erhalten und sind auch mit vielen in Kontakt geblieben. Ein schöner Effekt, den es ganz spezifisch hier in Kiel gegeben hat, war, dass Prof. Dr. Christine Blättler im folgenden Semester einen Workshop mit der amerikanischen Philosophin Penelope Deutscher zu deren neuem Buch angeboten hat. Das wurde glaube ich sogar durch die Summer School angestoßen, sodass auch alle vier Teilnehmenden und Organisatorinnen aus Kiel teilnehmen konnten. Ende September haben wir dann auch schon wieder angefangen, die neue Summer School zu planen, sodass das ein fließender Übergang war.

 

Dieses Mal ist das Thema der Summer Reading School Feminismus und Sprachphilosophie – wie kam es zu diesem Thema?

Heike Behnke: Wir waren uns sehr schnell einig, dass wir nicht nochmal dasselbe Thema Feminism and the Philosophy of Science machen wollen. Denn wir als Organisationsteam wollen ja auch Neues lernen. Dementsprechend war schnell klar, dass wir weiter den Feminismus-Schwerpunkt erhalten, also Feminismus + X. Dabei kamen wir relativ rasch auf die Sprachphilosophie. Wir kommen alle aus verschiedenen Richtungen der Philosophie, aber unsere Interessen überschneiden sich weit genug, dass wir sie in diesen Bereich genug mit einbringen können.

 

Hat sich das methodische Konzept der Summer Reading School verändert?

Heike Behnke: Wir haben ein bisschen entschleunigt: Letztes Mal hatten wir vier Abendvorträge, dieses Mal waren es noch zwei. Die beiden vortragenden Philosophinnen hielten dieses Mal zusätzlich auch einen Workshop, bei dem wir über einen ihrer Texte diskutierten. Das heißt, es kam noch einmal eine komplett neue Lesedimension dazu: Wir haben einen Text gelesen und konnten danach mit der Verfasserin darüber reden. Es blieb natürlich eine Reading School, aber durch den neuen Workshop-Charakter mit den Vortragenden selbst veränderte sich das Programm. Außerdem hatten wir das Programm schon während der letzten Summer School aufgelockert: insofern, als dass wir vom komplett allein Lesen zum gemeinsamen Lesen in kleinen Gruppen übergegangen sind. Das haben wir 2018 schon viel früher gemacht. Ich glaube auch, dass wir dieses Mal durch die Erfahrungen im letzten Jahr viel flexibler reagieren konnten, wenn aus der Gruppe Vorschläge kamen.

 

Wieviele Teilnehmerinnen waren dieses Mal dabei und wie setzten sie sich zusammen?

Heike Behnke: Wir hatten 20 Teilnehmerinnen. Wir hatten dieses Mal über 100 Bewerbungen  – weil unsere Einladung über viele Verteiler geschickt und zum Beispiel auf Facebook von vielen Gruppen geteilt wurde, die sich mit feministischer Philosophie befassen. Wir wurden überspült von einer Flut an Bewerbungen von unglaublich vielen Leuten von aus aller Welt, viele aus Ghana, Indien  und China. Wir haben die Bewerberinnen wieder Motivationsschreiben beilegen lassen, aber dieses Mal sind wir nicht nur danach gegangen. Stattdessen haben wir auch so ausgewählt, dass wir eine möglichst internationale Gruppe erhalten. Internationale Vernetzung und Networking können wir nur garantieren, wenn wir auch wirklich international aufgestellt sind. Außerdem haben wir zwischen Bachelor/Master/PhD unterschieden, weil wir es im letzten Jahr sehr positiv erlebt haben, dass wir sowohl sehr junge Leute als auch Leute, die im Studium schon viel weiter sind, dabei hatten. Das hat dazu geführt, dass Leute zusammengefunden haben, um sich gegenseitig zu helfen. In diesem Jahr war ungefähr die Hälfte unserer Teilnehmerinnen im Bachelorstudium, die andere  Hälfte in Master und PhD. Durch die riesige Auswahl war es also noch diverser als letztes Mal. Die Wahrheit ist: Das hat es uns schwerer gemacht, am liebsten hätten wir alle genommen.  Wir ringen auch immer noch mit der Möglichkeit, diese Menge an Bewerbungen langfristig als Netzwerk zu nutzen, sodass all die Studierenden, die uns geschrieben haben auch miteinander in Kontakt kommen können.

 

Sind aus dem letzten Jahr auch wieder Teilnehmerinnen dabei?

Heike Behnke: Nein, das haben wir gesperrt. Wir hatten überlegt die zweimalige Teilnahme zu erlauben, aber wir haben uns für eine völlig neue Gruppe entschieden, die dann auch eine völlig neue soziale Gesamtentwicklung durchmachen konnte. Wir luden Teilnehmerinnen vom Vorjahr zu den öffentlichen Teilen ein, aber wir konnten ihnen keine Unterkünfte finanzieren, wie den regulären Teilnehmerinnen. Denn wir wollten die Erfahrung der Summer School so vielen Leuten wie möglich mitgeben.

 

Wie ist die Perspektive? Wird es nächstes Jahr wieder eine Summer School geben?

Heike Behnke: Wir sind sehr stolz, dass das Interesse so groß geworden ist – wer hätte das gedacht? Als wir vor 1,5 Jahren mit dem Projekt angefangen haben, dachten wir, dass wir ein paar Leute aus Deutschland und Österreich, mit Glück vielleicht noch jemanden aus Skandinavien oder Frankreich ansprechen. Die Resonanz hat uns überwältigt und wir wären begeistert, wenn die Summer Reading School weiterläuft.

Das Problem ist, dass die Gruppe, die die Summer School in diesen zwei Jahren organisiert hat, sie nicht weiter organisieren können wird. Zwei Organisatorinnen gehen in Masterprogramme nach Pittsburgh, um ihre Karrieren in den USA fortzusetzen; ich selbst fühle mich schon dieses Mal ein wenig in einer Doppelposition, denn ich lehre seit dem Wintersemester hier an der CAU. Unser Ziel war aber eine Summer School von Studierenden für Studierende.  Je älter wir werden, desto weniger können wir garantieren, dass eine Veranstaltung mit uns ein hierarchiefreier Raum ist, den wir ja anstreben. Hinzu kommt, dass die Arbeit mit dem steigenden Prestige auch immer weiter zunimmt. Deshalb sind wir gerade dabei zu planen, ob es möglich wäre, diese Summer School an die Wiener Uni anzugliedern. Damit würde sie natürlich einen offizielleren Charakter bekommen, aber wir könnten die Organisation abgeben. Außerdem haben wir die Hoffnung, da eine Wien-Kiel-Partnerschaft dranzuhängen, die über ERASMUS  schon besteht.

 

Seit dem WS 2017/18 haben Sie die Perspektive gewechselt und sind nun selbst in der Lehre am Philosophischen Seminar tätig. Wie hat sich die Erfahrung aus der Summer School auf Ihre eigene Lehre ausgewirkt?

Heike Behnke: Ganz pragmatisch gesehen hat mir die Summer School unglaublich viel Selbstvertrauen gegeben. Dass ich dort Workshops leiten und moderieren musste, hat mir als Erfahrung sehr geholfen, um in die Lehrtätigkeit hineinzukommen. Ein stärkeres Gefühl für Gruppendynamik habe ich mitgenommen, aber auch die Lockerheit, etwas nicht gleich auf mich zu beziehen. Die Teilnehmerinnen der Summer School waren sehr begeistert von uns und wir von ihnen, aber auch die wurden nach einem langen Tag müde. Das ist eine Situation, die alle Dozierenden kennen: Man steht da vorne, es ist heiß, es läuft Fußball oder es ist Kieler Woche – und die Leute machen nicht mit, egal was man tut.

Ich kann mir vorstellen, dass ich ohne die Summer School in dieser Situation deutlich mehr auf mich bezogen hätte; so konnte ich damit souverän umgehen. Inhaltlich kommt in der Summer School nichts vor, wozu ich unterrichte. Worauf ich aber sehr achte, sind Sprechsituationen: Es bestätigt sich schon, dass Frauen sich insgesamt im Seminar weniger beteiligen als Männer. Durch die Summer Reading School habe ich noch stärker das Gefühl bekommen, als junge Frau, die nach dem Philosophiestudium in die Wissenschaft gegangen ist, in einer Symbolposition zu stehen. Dadurch, dass ich da stehe, wissen die Frauen in meinem Seminar: Das gibt es und das kann ich auch. Wenn ich das in meiner Lehre schon allein durch meine Anwesenheit vermitteln kann, freue ich mich sehr.

 

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