Ein feministischer Blick auf die Wissenschaftstheorie

Philosophiestudentinnen organisieren Summer Reading School an der CAU

Dass es unter den Absolventinnen und Absolventen im Studienfach Philosophie einen ähnlich niedrigen Frauenanteil wie in der Mathematik gibt, verblüfft viele. Um gezielt Frauen in der Philosophie zu fördern, fand am Philosophischen Seminar eine Summer Reading School ausschließlich unter Beteiligung weiblicher Studierender statt. In einem sechstägigen Kurs beschäftigten sie sich unter studentischer Leitung mit Feminismus und Wissenschaftstheorie – dabei rückten auch für ihr Fach unabdingbare methodische Kompetenzen in den Fokus.

Text: Eva-Lena Stange (Studentin/PerLe)

 

Grafik: Berenike Arbeiter

Es ist ein Samstag Ende August, mitten in den Semesterferien, kurz vor 17 Uhr. In einem Seminarraum sitzt eine bunt gemischte Frauengruppe und diskutiert: Es geht um die unterschiedlichen Ansichten der Philosophinnen Mikkola und Stone zum „Frau sein“. Finger und Hände schießen in die Höhe, die Redeliste ist gut gefüllt. „Wir haben nur noch 14 Minuten, also können wir leider gar nicht mehr alle dran nehmen“, wirft Sophia Arbeiter ein. Sie ist eine der vier Organisatorinnen der Summer Reading School an der Philosophischen Fakultät der CAU Kiel, die sich gerade mit ihrer letzten Diskussions-Session ihrem Ende neigt. Vom 21. bis zum 26. August 2017 haben sich hier 22 angehende Philosophinnen aus zehn Ländern den Themen Wissenschaftstheorie und Feminismus gewidmet – organisiert von vier Studentinnen der Universitäten Kiel und Wien und mit einem ungewöhnlichen Schwerpunkt.

Denn in den sechs Tagen der Summer School stand eine für Studierende der Philosophie unentbehrliche Fähigkeit im Vordergrund: der intensive Austausch zwischen den Studierenden über philosophische Texte. „Wir haben die Veranstaltung explizit ‚Summer Reading School‘ genannt, weil wir schon im Titel festlegen wollten, dass wir eine andere Herangehensweise als Summer Schools haben“, sagt Organisatorin Conny Knieling. Statt den Großteil der Zeit Vorträgen zu lauschen und sich Notizen zu machen, lasen die Teilnehmerinnen in den sechs Tagen der Summer School Texte verschiedener Philosophinnen, analysierten und diskutierten geleitet durch die Moderation der vier Organisatorinnen.

 

Fach- und Methodenkompetenz Hand in Hand

Täglich stand dabei sowohl ein inhaltliches Thema aus dem Bereich der Wissenschaftstheorie oder des Feminismus als auch eine methodische Kompetenz im Vordergrund. So begann jeder Tag mit einem kurzen Input zu der Kompetenz, die trainiert werden sollte: Lesen, Argumentation, Präsentation, Diskussion oder Karriere. Anschließend folgten mehrere Lese- und Diskussionsrunden, in denen die Teilnehmerinnen Fragen zu den Texten klären und Meinungen austauschen konnten. „Es wurden Fragen gesammelt, die einen zu diesem Text interessieren. Daraufhin haben sich die Teilnehmerinnen danach aufgeteilt, wer welche Frage noch einmal genauer diskutieren wollte, in Kleingruppen mit vier bis fünf Leuten; die haben dann zum Schluss ihre Ergebnisse vorgestellt“, so Heike Behnke, die im Anschluss an die Durchführung der Summer School ihre Doktorarbeit an der CAU beginnt. Dabei bauten die täglichen Kompetenzschwerpunkte aufeinander auf: „Wer einen Text nicht richtig lesen kann, wird die Argumentationsstruktur nicht richtig herausfiltern können. Und wer keine Argumentation vorbringen kann, der kann nicht sinnvoll präsentieren.“

Um die unter vielen Studierenden bekannten Ängste vor Vorträgen abzubauen und die Sicherheit der Teilnehmerinnen beim Präsentieren zu fördern, fand abseits der Textarbeit noch eine Session statt, in der jede Teilnehmerin eine selbstgewählte Frage für 10 Minuten präsentieren durfte. Statt Power-Point-Präsentation und Handout war dabei das freie Sprechen vor der Gruppe die einzige Zielvorgabe. Außerdem bot ein Karriere-Workshop mit einem Vortrag der Philosophin Eva von Redecker die Gelegenheit, sich über den Arbeitsalltag als Wissenschaftler zu informieren. Die Kombination aus Inhalt und Methodik kam auch bei den Teilnehmerinnen gut an: „Besonders die Mischung aus inhaltlichen Fragen und der Metaebene hat mir gefallen“, sagte die Masterstudentin Karoline Paier von der Uni Wien nach der letzten Diskussionssession.

In täglichen Abendvorträgen von verschiedenen Professorinnen konnten die Teilnehmerinnen schließlich gleichzeitig ihr fachliches Wissen erweitern und die geübten Methoden auch außerhalb der geschützten Gruppenatmosphäre anwenden: „Das hat sehr gut geklappt. Schon am ersten Abendvortrag, saßen unsere Frauen in den ersten Reihen, haben die Fragen gestellt und die Diskussion dominiert; wir mussten sogar eine halbe Stunde überziehen“, sagt Heike Behnke.

 

 

Lesen als gemeinschaftlicher Prozess

Eine Abkehr vom klassischen Prinzip der Summer School war auch, dass die Teilnehmerinnen den Reader und das genaue Programm der Summer School erst nach ihrer Ankunft in Kiel erhielten. „Die Idee war, dass die Texte wirklich hier gelesen werden und wir so unsere Art zu lesen in der Gruppe kritisch hinterfragen können“, so Heike Behnke. Auf diese Weise hat sich für alle Teilnehmerinnen die Möglichkeit eröffnet, zum Beispiel gezielt neue Lesetechniken auszuprobieren. „Dabei konnten wir Fragen klären wie ‚Wie detailliert liest man einen Text, wie viel überfliegt man? Liest man am produktivsten in der Gruppe und bespricht nach jedem Absatz oder lieber allein und tauscht sich am Ende aus?‘“, ergänzt Conny Knieling. Unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten gab es natürlich trotzdem. Deshalb konnten die Teilnehmerinnen frei entscheiden, wie, wo und mit wem sie die Texte am liebsten lesen wollten. Als Unterstützung für die langsameren Leserinnen und alle, die Schwierigkeiten mit den Texten hatten, bot Heike Behnke ab dem dritten Tag auch eine „Close Reading“-Gruppe an, in der gerade die im Studium weniger weit fortgeschrittenen Teilnehmerinnen mit ihrer Hilfestellung schon während der Lesephase aufkommende Fragen auf unkomplizierte Weise klären konnten.

 

Unterschiedliche Lernstände als Chance und Herausforderung

Denn um Frauen in der Philosophie, einem Fach mit einem ähnlich niedrigen Frauenanteil auf höheren Ebenen wie in den  harten Naturwissenschaften, zu fördern, war die Summer School nur für Frauen* geöffnet, erhob keine Teilnahmegebühr und bot finanzielle Förderung. Gleichzeitig verwendeten die Organisatorinnen ein Blind Review-Verfahren, bei dem Namen und Institutionen in den Bewerbungsschreiben geschwärzt wurden. So konnten sie bei der Auswahl der Bewerberinnen ihren Fokus auf das Motivationsschreiben legen. Durch diesen Umstand entstand eine sehr heterogene Lerngruppe mit Teilnehmerinnen zwischen dem zweiten Bachelorsemester und der philosophischen Doktorarbeit. Diese Zusammensetzung brachte die Herausforderung mit sich, ein gemeinsames Niveau zu finden, bei dem sich alle der Diskussion gewachsen und gleichzeitig keiner unterfordert fühlte –  keine leichte Aufgabe. Im Laufe der Woche zeigte sich allerdings, dass viele der fortgeschritteneren Studierenden bereitwillig ihr Wissen mit den ‚Jüngeren‘ teilten und dabei zum Teil auch vermeintlich selbstverständliches Basiswissen noch einmal von Grund auf wiederholen konnten. „Wir haben am Anfang klar gemacht: ‚Hier dürfen wir Fehler machen‘ und wirklich dazu motiviert: ‚Lernt nicht gegeneinander, versucht nicht nur zu zeigen, wie gut ihr seid, sondern helft euch gegenseitig“, erläutert Sophia Arbeiter den Hintergrund dieses Lernwegs.

Auch Teilnehmerinnen, die sich im Alltag bereits in der Position von Lehrenden befinden, konnten so nicht nur inhaltlich, sondern auch für ihre eigene Unterrichtsdidaktik Schlüsse aus der Summer School ziehen: „Besonders das Erzeugen einer sicheren Diskussionsumgebung, einem ‚safe place‘ für die Studierenden, wie ich ihn hier erlebt habe, hat mich beeindruckt. Jetzt habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie genau sich so eine Lernumgebung anfühlt und wie ich diese selbst als Dozentin herstellen kann“, so die 32-jährige Ravit Dotan, die als Doktorandin in Berkeley, Kalifornien, bereits eigene Kurse betreut.

 

Produktive Gruppenatmosphäre durch Selbstreflexion

Der Weg zu dieser sicheren Lernumgebung, in der sich alle Teilnehmerinnen wohlfühlen konnten, war begleitet von unablässiger Selbstreflexion. Am ersten, zweiten sowie am vierten und letzten Tag fanden Evaluationsrunden statt. Neben kleinen Änderungen, wie der Einführung einer Redeliste oder eines Meldesystems für die Diskussionen, konnte die Gruppe hier auch inhaltliche Themen wie die Streichung von Text aus dem Plan zugunsten längerer Diskussionszeit für die verbliebenen  Themen beschließen. „Dadurch, dass die Gruppe oft in Organisationsentscheidungen miteinbezogen wurde, fühlte sich jedes Gruppenmitglied mehr oder weniger gleichermaßen für das Gelingen der Woche verantwortlich“, so die Organisatorinnen. Auch habe die häufige Selbstreflexion zu einer produktiveren Gruppendynamik beigetragen, ergänzt Jana Winter, Teilnehmerin von der Uni Wien.

Insgesamt waren sowohl Teilnehmerinnen als auch Organisatorinnen begeistert davon, wie sich die Summer School im Laufe der Woche entfaltet hat: ein Lehrformat, das mehr auf dem selbstgesteuerten Lernen und Miteinander der Studierenden als auf dem frontalen Konzept von Vorlesungen und hierarchischen Seminaren basiert. „Das Konzept würde auch in anderen Fächern funktionieren, in denen es viel um Textverständnis und Analyse geht. Das Konzept einer ‚empowering‘ Summer School nur für eine bestimmte Minderheit mit verschiedenen Kompetenzen als Schwerpunkt wäre im Prinzip überall anwendbar“, sagt Conny Knieling, die neben Philosophie auch Mathematik studiert.

Eine Wiederauflage der philosophischen Summer Reading School im nächsten Jahr ist bereits geplant: Dieses Mal soll sie allerdings in Wien stattfinden, wo zwei der Organisatorinnen, Barbara Haas und Sophia Arbeiter, studieren.

Dieses Projekt wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

 

 

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