Theorie trifft auf kreative Expertise

Forschendes Lernen: Studierende kuratieren Keramik-Ausstellung

Am 25. September eröffnete im Museum Tuch und Technik die Ausstellung „Moderne trifft Heute“. Sie war das Ergebnis eines gleichnamigen Seminars am Kunsthistorischen Institut der CAU, das sich mit moderner sowie zeitgenössischer Keramik beschäftigt hatte. Die Ausstellung zeigte Arbeiten von Thomas Judisch, Lena Kaapke, Isabell Kamp, Danijela Pivašević-Tenner, Hannes Uhlenhaut und Maria Volokhova, die von jeweils von Studierenden betreut worden waren. Eine Teilnehmerin des Seminars schildert ihre Eindrücke und Erlebnisse.

Text: Lisei Martin (Studentin/Teilnehmerin)

Kurz vor 19 Uhr: Gleich eröffnen wir unserer Ausstellung, an der wir das ganze Sommersemester 2018 über gearbeitet haben. Noch sind nicht alle Schilder angebracht, noch ist nicht alles aufgeräumt und noch nicht alle Kataloge ausgelegt. Als die ersten Besucher die Treppe zu uns herunterkommen, wird es hektisch.

Ich stehe ein wenig ratlos daneben und weiß nicht, wo ich anpacken soll. Die anderen scheinen trotz des Stresses alles bestens im Griff zu haben. Mir bleibt nur, zu überlegen, was ich zur Begrüßung im Namen aller Studierenden sagen werde. Diese Aufgabe hatte ich Hals über Kopf übernommen und ich fing langsam an, es zu bereuen. Was sollte ich sagen? Womit sollte ich beginnen? Vielleicht mit einer Anekdote.

Kurz bevor ich den Künstler Hannes Uhlenhaut in seinem Studio besuchte, war ich unfassbar nervös. Ich überlegte sogar, nicht an der Haltestellte auszusteigen, sondern mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle zu fahren. Anschließend könnte ich die ganze Angelegenheit im Sande verlaufen lassen. Noch bevor ich eine Entscheidung fällen konnte, stand ich auch schon auf der Straße und Hannes rollte mir auf seinem Fahrrad entgegen. Er käme gerade vom Supermarkt, sagte er mir. Fast wie ein richtiger Mensch, dachte ich. Beinahe so, als seien Künstler*innen echte Menschen.

Alles begann mit einer anfechtbaren Festlegung.

Es wäre zumindest eine vielsagende Anekdote über die eigene Naivität, über die Vorstellungen, die man von Kunstschaffenden hat und vielleicht auch eine darüber, dass man manchmal über seinen eigenen Schatten springen muss. Aber möglicherweise zu subjektiv, um für alle zu sprechen. Also vielleicht doch lieber von Anfang an.

Das Seminar Moderne trifft Heute begann mit einer anfechtbaren Festlegung. Die Moderne ging von 1900 bis 1972. „Moderne“ ist ein schwieriger und umstrittener Begriff. Da die Lehrveranstaltung nicht nur forschungsbasiert sondern auch zielorientiert war, mussten diese Bestimmung und das Wissen um ihre Künstlichkeit genügen. Immerhin galt es vor allem eine Ausstellung zu verwirklichen.

Wir hatten also genügend Zeit, um uns über einige Themen dieser Epoche zu verständigen: Die Industrialisierung schaffte neue Möglichkeiten in großen Margen zu produzieren und damit günstige Produkte auf den Markt zu bringen. Der Taylorismus hielt seinen Einzug auch in den Haushalten zum Beispiel mit der Frankfurter Küche, in der die Küchenstruktur perfekt den Arbeitsabläufen angepasst war. Kein Schritt, kein Handgriff war zu viel. Funk und Fernsehen waren soweit optimiert, dass das Wort „Massenmedium“ zum Begriff wurde. Eine Zeit der Umbrüche, Innovationen und Versprechungen. Eine aber auch der Krisen und des Krieges.

Zwischen Fachwissen, Vermutungen & Facebookeinträgen

Auf Basis dieses Wissens wählten wir Künstler*innen aus, die hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – mit Keramik arbeiten und bei denen wir der Meinung waren, dass sie auf die Tendenzen der Moderne antworten. Wir Studierende sollten jeweils mit einem Kunstschaffenden zusammen die Frage ergründen, wie und welche modernen Spuren sich in der Gegenwart finden lassen. Die Aufgabenverteilung war klar: Wir Studierenden kamen mit der Theorie und einem kuratorischen Auftrag. Die Künstler*innen stellten ihre kreative Expertise zur Verfügung. Am Ende sollten Werke ausgewählt oder neu geschaffen worden sein und Texte über diese geschrieben werden.

Mittlerweile stehe ich gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden vor den Besuchern. Frau Dr. Schwertfeger hält ihre Begrüßungsrede. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit und ich überlege noch immer. Vielleicht wäre eine solche Erzählung zu lang, zu langweilig. Lediglich der Ablauf unseres Seminars – das Skelett möchte man meinen. Erfahrungen sollen es sein, von denen ich berichte. Darauf hatten wir uns zuvor geeinigt. Ich könnte also von den Herausforderungen erzählen, denen wir uns stellen mussten. Davon, ein komplexes Thema zumindest so weit zu meistern, dass am Ende tatsächlich eine Ausstellung entstehen kann. Von der Frage, wie man einen fundierten Text über ein Objekt schreibt, zu dem es noch gar keine Literatur gibt, sondern vielleicht höchstens einen Facebook-Eintrag. Wie man in dem Interview mit dem Kunstschaffenden damit umgeht, sich lediglich darauf berufen zu können, was das eigene Fachwissen und Vermutungen hergeben. Und bei beidem ist man sich nicht sicher, ob es ausreicht. Wie also mit Zweifel und Frustration umgehen, wenn man bspw. versucht, Kontexte herzustellen, die Sinn ergeben sollen und es vielleicht doch nicht tun. Ich könnte die Geschichte erzählen, wie ich an meinem Schreibtisch saß und zum x-ten Mal meinen Text überarbeitet habe. Wie schreibt man eigentlich einen Katalogtext?

Plötzlich bin ich an der Reihe. Ich öffne meinen Mund und noch immer weiß ich nicht, was gleich kommen wird. Ich bedanke mich bei allen, die gekommen sind. Ein guter Start, denke ich mir. „Das Wort „Keramik“ hat mich am Anfang abgeschreckt“, führe ich weiter aus. „Ich dachte erst, es sei langweilig. Jetzt weiß ich, dass es ein aufregender und vielfältiger Werkstoff ist.“ Die Worte kommen etwas leichter über meine Lippen. Während ich spreche, hake ich eine weitere Erfahrung von meiner Liste: Vor Wildfremden außerhalb des akademischen Kontextes zu sprechen.

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