Tief in politische Theorien eintauchen

Studentische Konferenz der Politikwissenschaft an der CAU

Mit circa 90 Teilnehmenden fand in diesem Semester zum ersten Mal eine studentische Konferenz der Politikwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) statt. Am 20. und 21. Juni präsentierten Studierende dort Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten. Dabei waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Einige Teams gestalteten für ihre Präsentationen sogar eigens Planspiele oder interaktive Workshopformate.

Übrigens: Die Konferenz für studentische Forschung mit 
Teilnehmenden aus ganz Deutschland findet in diesem Jahr
am 26. und 27. September ebenfalls an der CAU statt! 
Anmeldung bis 31. August 2019.

Text & Bilder: Mirjam Michel (Studentin der Politikwissenschaft)

Bereits zu Beginn ist der Seminarraum gut gefüllt. Zahlreiche Konferenzteilnehmende sind erschienen, um sich einen der ersten Vorträge anzuhören. Ein „neuer Sozialismus zur Rettung des Klimas“, lautet das Thema. Anschließend wird diskutiert – über Utopien, kulturelle Hegemonien, radikale Demokratie. Rasch ist die Begeisterung spürbar, mit der sich die Studierenden mit den verschiedenen Themen auseinandersetzen und darüber austauschen.

 

Lara Evas (Mitte) erklärt einem Kommilitonen die verschiedenen Freiheitsverständnisse, die auf den Postern abgebildet sind.

 

Im Konferenzpublikum sitzt auch Jessie Fink. Die 24-Jährige studiert Politikwissenschaft und Anglistik im sechsten Semester. Sie hat das Seminar „Theorien der Freiheit“ besucht und zusammen mit anderen Studierenden einen Workshop vorbereitet. Sie ist schon gespannt. „Das Ziel unseres Workshops ist es, zum Nachdenken anzuregen.  Ich selbst bin von Theorien fasziniert. Es ist toll, dass es so viele verschiedene Standpunkte zu denselben Begriffen und Themen gibt“, sagt Fink.

Auch für den 20-jährigen Lennart Bock ist die Konferenz eine neue und interessante Erfahrung. Er studiert im zweiten Semester Sozioökonomik und hat das Seminar „Demokratie und Ungleichheit“ besucht. Bock sieht das Lehrkonzept als Chance: „Das Coole ist, dass wir uns als Studierende selbst aussuchen können, ob wir lieber ein Poster vorstellen, einen Vortrag halten oder einen Workshop anbieten möchten. Diese Entscheidungsfreiheit zu haben ist schön. Wir haben die Möglichkeit uns mit anderen auszutauschen, die zu einem bestimmten Thema gearbeitet haben. Das macht das Format interaktiver und lehrreicher als ein gewöhnliches Seminar.“

 

Corporate Scoial Responsibility Planspiel: Oliver Ahmed (Mitte) ist mit Kommilitonen in die Rolle der Wirtschaft geschlüpft und berät sich im Team.

 

Das Lernen selbst in die Hand nehmen

Die Idee zur studentischen Konferenz hatten die Dozentinnen Anna Hollendung und Dr. Ines Weber aus dem Bereich der politischen Theorie. Das Konferenz-Format soll Studierende an das selbstorganisierte wissenschaftliche Arbeiten heranführen. „Auch das Arbeitsleben hängt davon ab, dass du in der Lage bist bestimmte Projektarbeiten zu gestalten, Projektabläufe in den Griff zu bekommen, Zeiträume zu planen, sich mit anderen abzustimmen, als Team zu arbeiten. Das sind ja alles Anforderungen, die einem im Leben immer wieder begegnen. Das Konferenz-Format zielt darauf ab, diese Dimension von Lernen noch stärker zu fördern“, erzählt Hollendung.

Erprobt hatte sie das Konzept bereits an der Universität in Bremen und entschied sich diese etwas andere Art des Lernens nach Kiel zu holen: „Ich habe mich gefragt, wie es gelingt, dass Studierende stärker ihr eigenes Lernen in die Hand nehmen und dabei Raum haben für das, was den Kern des Studiums ausmacht, nämlich eigene Interessen zu entfalten, sich da zu vertiefen, in der Literatur zu versinken und sich mit anderen darüber auszutauschen.“

 

Punkteverteilung im Planspiel zur ‚Globalisierung der Ungleichheit‘.

 

Zur Vorbereitung auf die Konferenz haben die Studierenden in Gruppen Texte ausgesucht, Seminarsitzungen geleitet und sich ein Konzept für ihren Konferenzbeitrag überlegt. Ob sie diesen Beitrag in der Gruppe oder individuell gestalten war dabei den Studierenden selbst überlassen. Für die Gruppenorganisation hat sich Weber noch ein zusätzliches Konzept einfallen lassen – den sogenannten ‚Kontrakt‘. Dort haben allen Gruppenmitglieder angegeben, welchen Beitrag sie innerhalb der Gruppe leisten werden. „Im Kontrakt sollten sie festlegen, wer was macht. Für mich war es wichtig, das zu sehen. Wie haben sie sich selbst organisiert? Wer übernimmt welche Schritte? Ist das fair aufgeteilt? Das sollten sie auch intern diskutieren“, sagt Weber.

In der Gruppe von Janne Sorgenfrei, Johanna Grunwald, Joscha Hinzpeter und Morlin Stargardt scheint die Organisation gut funktioniert zu haben. Die vier haben das Seminar ‚Ungleichheit‘ bei Hollendung besucht und sich gemeinsam ein Planspiel zum Thema ‚Globalisierung der Ungleichheit‘ ausgedacht. Ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen haben sich jeweils in Vierer- oder Fünfer-Gruppen an den verschiedenen Tischen verteilt. Jeder Tisch steht für ein Land: Mexiko, die Schweiz, Südafrika, Somalia, Bangladesch und Uganda sind mit dabei. Die Studierenden schlüpfen in die Rolle von Regierungsvertretern.

Um das Planspiel zu gewinnen, müssen die Ländergruppen eine möglichst hohe Punktzahl erreichen. Dafür bekommen die Gruppen Papier, welches symbolisch für Rohstoffe steht. Je nachdem, wie weit das Land wirtschaftlich entwickelt ist, erhält die Gruppe zudem Werkzeuge, wie eine Schere oder ein Geodreieck. Die Aufgabe ist, Kreise, Dreiecke und Vierecke aus dem Papier zu basteln. Diese müssen genauen Maßen entsprechen. Denn sie werden von dem Organisationteam nachgemessen. Sind sie nicht ordentlich genug ausgeschnitten oder gerissen, werden sie nicht gewertet. Die Gruppe erhält dann keine Punkte für ihre Arbeit. Die Länder, vertreten durch die jeweiligen Handelsministerinnen und -minister können auch untereinander handeln. Einige Länder gehen dabei leer aus.

 

Planspiel zur Globalisierung der Ungleichheit: Um den genauen Standards zu entsprechen müssen die Formen gleichmäßig ausgeschnitten sein.

 

„Gut, dass wir so viel Eigeninitiative zeigen konnten“

Im Anschluss an das Planspiels folgt noch eine Diskussion, in der die Studierenden das Erlebte reflektieren. Das Konzept des Planspiels scheint aufgegangen zu sein. „Ich finde, das Planspiel hat sehr gut den Welthandel verdeutlicht: Somalia ist im Planspiel zum Verlierer der Globalisierung geworden, weil keiner mit dem Land handeln wollte“, sagt Grunwald. Auch Joscha Hinzpeter sieht das Planspiel als Erfolg: „Es war gut, dass wir das Planspiel mit Gefühlen aufgeladen haben. Eine Gruppe hat sehr viele Dreiecke und Vierecke abgegeben. Die wurden aber nicht gewertet, weil sie zu klein oder nicht ordentlich genug gerissen waren, weil die Gruppe keine Scheren hatten. Die Gruppenmitglieder meinten, dass dies unfair sei. Sie hätten ja viel gemacht. Das ist genau das, was wir zeigen wollten: dass der globale Handel unfair ist. Denn diese Länder haben Ressourcen, die aber auf dem internationalen Markt nicht ankommen.“

Am Abend finden dann die Postersessions statt. Bis zu 15 Studierende präsentieren in einer Session ihre Poster und stellen sich den Fragen ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen. In der letzten Session stellt eine Gruppe aus Studierenden ihre Poster vor. Sie haben politische Freiheit in Russland, Europa und Saudi-Arabien untersucht und ihre Ergebnisse in Form von Grafiken festgehalten. Lara Evers, die Politikwissenschaften und Informatik im vierten Semester studiert, hat sich für das Plakat mit Gesetzen in der EU beschäftigt. „Bei fünf Personen ist es manchmal schwierig sich zu einigen, allein schon was die Länderauswahl betrifft. Aber es ist gut gelaufen. Wir hatten eine genaue Aufgabenteilung, wer was macht“, erzählt Evers. Auch für sie ist die Konferenz eine neue und bereichernde Erfahrung: „Ich finde es gut, dass wir so viel Eigeninitiative zeigen konnten. Durch das eigenständige Herausarbeiten lernen wir mehr, als wenn wir nur sitzen und Referaten lauschen. Denn da passiert es dir schneller, dass du mal abschaltest. So bist du richtig im Thema und kannst dich über das informieren, was dich wirklich interessiert.“

 

Jessie Fink (Mitte) im Workshop zur ‚Freiheit und Sicherheit‘.

 

„Aha-Momente, wenn sich die Dinge auf einmal anders darstellen“

Für Oliver Ahmed ist heute ein besonders aufregender Konferenztag. Anstatt eines Vortrages durfte er seine Bachelor-Arbeit im Rahmen eines Bachelor-Forums vorstellen. Er hat auf der Konferenz interessante Eindrücke gewonnen: „Ich habe viele inspirierende Poster gesehen und konnte mich super austauschen. Auch die Vorträge, die gehalten wurden, waren mit so guten Diskussionen durchsetzt, dass es wirklich Spaß gemacht hat.“ Spannend waren für ihn auch die unterschiedlichen Themenschwerpunkte. „Den Workshop ‚Anarchie und Ökopax‘ fand ich super, weil dort gezeigt wurde, dass es schwierig ist eine Gesellschaft mit unterschiedlichen Normen zu gründen“, sagt er. Auch so manchen Widerspruch hat er gefunden. „Bei einem Poster ging es um die Rolle des Menschen zur Natur. Da ist mir aufgefallen, dass selbst Menschen, die sich sehr mit der Natur verbunden fühlen, oftmals trotzdem nicht ganz zu Ende gedacht haben. Ich habe ein plastisches Beispiel: Ein gepflegter Garten hat mit Natur wenig zu tun, weil er nicht natürlich ist.“

Für Hollendung sind es genau diese Widersprüche, die Kritisches Denken ausmachen. „Politische Theorien kann ich nicht auswendig lernen. Ich verstehe sie erst dann, wenn ich anfange Dinge in der Welt anders zu betrachten. Es sind diese Aha-Momente, wenn sich die Dinge auf einmal anders darstellen“, sagt sie. Auch für Weber ist dies ein essentieller Teil.  „Die Studierenden sollen das kritische Reflektieren über bestimmte Standpunkte, das Zusammenbringen oder auch Nicht-Harmonisieren von Standpunkten erlernen. Sie sollen lernen, dass Sätze hinterfragt werden können, dass Aussagen oder Prämissen, die behauptet werden, angreifbar sind.“ Für Oliver Ahmed und all die anderen Studierenden, die ihre erste Konferenz hinter sich haben, hat es sich auf jeden Fall gelohnt. „Ich nehme mit, dass wissenschaftliches Arbeiten anstrengend ist, aber der Erkenntnisgewinn Spaß machen kann“, resümiert er den Tag. Jessie Fink ist am letzten Tag sichtlich erschöpft, aber auch sie ist zufrieden: „Ich habe durch die Konferenz gemerkt, dass es noch viel gibt, was ich nachlesen muss und, dass es noch viel zu diskutieren gibt. Mir haben besonders das Workshop-Geben und die Diskussionen untereinander sehr viel Spaß gemacht.“

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