Transition Universities – CAU im Wandel?

Ein Blogbeitrag der Studentin Irene Müller

Franziska Müller hat in ihrer Masterarbeit zum Thema „Transition Universities“ geforscht. Eines ihrer Arbeitsergebnisse: ein Thesenpapier, das zusammenfasst, wie die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nachhaltiger werden könnte. In einer Diskussionsveranstaltung im Sommersemester 2015 haben Studierende und Lehrende die Thesen der Absolventin gemeinsam erörtert. Teilnehmerin Irene Müller fasst die wesentlichen Punkte zusammen.

EXTRAKT: ZENTRALE THESEN

Nachhaltigkeit in der Lehre

  1. Workshops/Lehrveranstaltung zum Energieberater anbieten: Studierende als Energieberater zertifizieren, d.h. die Basisausbildung würde die Teilnehmer befähigen bei einem Hausbesuch in interessierten studentischen WGs zu ermitteln, welche Maßnahmen die Bewohner zum Energiesparen umsetzen könnten.
  2. Vermittlung praktischer Fähigkeiten – Reskilling Workshops: Imkern, Sparziergänge zum Thema „Essbare Wildpflanzen“ (inkl. Strand), Heilkräuter und Medizinpflanzen, Kompostierung, Fahrrad Workshops, Permakultur Workshops, Gärtnern etc. Aufbau eines Permakultur Gartens z.B. Kooperation mit dem Botanischen Garten (→ Göttingen).
  3. Lehrveranstaltung Zukunftsvisionen: Lehrveranstaltung zum Thema “Future Visions 2050”: Wie wollen wir leben? Wie wird die Deutschland/die Welt in 2050 aussehen? (s. Angewandte Utopien Nachhaltiger Entwicklung); Veröffentlichung der Ideen im Albrecht oder Kieler Nachrichten

Nachhaltigkeit in der Verwaltung

  1. Erhebung des Zustandes in allen Universitätsgebäuden: Wasser und Energieverbrauch, Müll; Studierende an der Durchführung beteiligen. Auswertung: Wo sind Einsparpotenziale?
  2. Ein „Engagement-Team“ nach dem Vorbild der Universität Edinburgh zusammenstellen, dass von Büro zu Büro geht und zusammen mit den Mitarbeitern Energiesparlampen, Steckdosenleisten mit On/Off Funktion etc. anbringt. Ansprechpartner in allen Instituten wählen/benennen, die die Umsetzung nachhaltigerer Verhaltensweisen unterstützen und Neuerungen an die Mitarbeiter kommunizieren. Erfolge und Misserfolge des Nachhaltigkeitsmanagements regelmäßig allen Unimitarbeitern mitteilen (interner Newsletter, Meetings, Blogs)
  3. Von anderen lernen: Bei Bedarf externe Expertise heranziehen, z.B. Umweltpsychologen, Prozessberatung für Change Management etc.. Austausch: Von erfolgreichen Initiativen anderer Universitäten oder Unternehmen lernen.

Kultur der Nachhaltigkeit

  1. Zum 350. Geburtstag der Universität 350 Bäume pflanzen. Für größtmöglichen Mehrwert Frucht- oder Nussbäume pflanzen. Verantwortlichkeiten für die Pflege der Bäume und die Ernte klären.
  2. Einführungswoche, Markt der Möglichkeiten, Sommerfest 1x jährlich veranstalten. Gibt interessierten Studierenden die Möglichkeit einen Überblick zu gewinnen bislang unbekannte Gruppen zu engagieren. Auch nachhaltiges und faires Reisen kann in diesem Rahmen behandelt werden. Kunst- oder Fotoausstellungen für Uni und für die Stadt, zB. zusammen mit der Muthesius-Hochschule. Alle Aktionstage, Veranstaltungen und Ausstellungen sollten Möglichkeiten zum Mitmachen
  3. Wortwahl: Die Wörter Grün und Nachhaltigkeit nicht überstrapazieren. Trotz Interesses, an den damit verbundenen Thematiken, sind viele dieser Begrifflichkeiten bereits überdrüssig.

 

Anknüpfend an diese Thesen haben wir in der Diskussionsveranstaltung im Sommersemester mit Studierenden und Lehrenden insbesondere zwei Themenkomplexe diskutiert: die Bereiche Projekte & Kultur.

1. Projekte: Institutionen schaffen oder Projekte (endliche) Projekte sein lassen?

Viele Projekte an der CAU Kiel gehen vom yooweedoo-Wettbewerb aus – einer Initiative, die es geschafft hat, Zeit und Geld für Nachhaltigkeitsprojekte freizumachen. yooweedoo ist ein Gründerwettbewerb, bei dem sozial-ökologische Ideen mit bis zu 1000€ Startkapital gefördert werden können. In einigen Studiengängen werden solche Projekte mit ECTS-Punkten anerkannt – aber nicht in allen. Hier ist schon ein erster Ansatzpunkt.

Ein weiterer: Die Struktur von yooweedoo sieht es vor, neue Projekte zu entwickeln, die ein „innovatives Element“ beinhalten. Das ermöglicht, zu lernen, wie man neue, spannende Projekte aufbauen kann. Diese Lernerfahrung ist offiziell das Ziel von yooweedoo. Das hat dazu geführt, dass es mittlerweile eine bunte Vielfalt an Projekten gibt. Die Kehrseite ist allerdings, dass gute, bestehende Ideen und Projekte weniger aufgegriffen werden (können, qua Förderbestimmungen). Gute bestehende Projekte leiden unter Umständen daran, dass weniger neue, engagierte Leute einsteigen, und gehen irgendwann kaputt. Verstetigung ist sowieso im Erasmus geprägten Bachelor-Master-System schwierig. (Ein ähnliches Phänomen gibt es ja auch sonst im Unibetrieb: Forschungsprojekte werden meist nur für ein paar Jahre genehmigt, stellen für 1-3 Jahre ausgeschrieben – auch von dieser Seite ist Kontinuität schwierig.)

Vielleicht ist das nicht schlimm – vielleicht geht es genau um die abgeschlossene Lernerfahrung, ein Projekt aufzubauen und zum Laufen zu bringen. Die Selbstverständlichkeit, dass man „Dinge starten“ kann. Dann brauchen wir aber eine Kultur des wertschätzenden „Endes“, damit nicht jedes Ende eines Projekts nicht als Scheitern begriffen wird. Sonst bleibt vor allem Frustration übrig. Und selbst Scheitern muss erlaubt sein!

Einen gewissen Widerspruch gibt es vielleicht dennoch bei yooweedoo zwischen dem Anspruch in der Planungsphase (innovative, soziale, ökologische Projekte mit nachhaltigem Effekt zu entwickeln, die sich wirtschaftlich tragen) und der Idee, nur eine abgeschlossene Lernerfahrung zu sein.

Auch hier kam eine Erwiderung: Aber wenn Projekte verschwinden, waren sie vielleicht einfach nicht nachhaltig geplant! Dann waren sie vielleicht nur gut für den Moment – und das ist auch ok – und nicht für die Ewigkeit!

Hierzu kam die Idee: Projekte verstetigen braucht andere Fähigkeiten, als Projekte zu starten. Eine Schwierigkeit ist, im Projekt ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen, und gleichzeitig eine Offenheit zu bewahren, dass neue Leute auch Lust haben, einzusteigen. Könnte man dies im yooweedoo-Curriculum berücksichtigen? Könnte man im yooweedoo-Curriculum stärker erlauben, in bestehende Projekte einzusteigen und alte Ideen aufzugreifen? Es gibt nämlich mittlerweile schon eine ganz schöne Menge!

2. Kultur: Es gibt schon total viel – Wie kann eine Kultur der Nachhaltigkeit an der CAU geschaffen werden?

Mit Blick auf die vielen verschiedenen Ideen von Franziska Müller haben wir festgestellt: im Grunde gibt es zu fast allen Vorschlägen schon Ansätze. Dennoch erfahren viele Studis erst spät davon. Vielleicht könnte man von Seiten der Uni so etwas wie „Fresher’s Weeks“ einführen? „Fresher’s Weeks“ sind eine Art „Einführungswochen“ für die Erstsemester an britischen Unis, in denen die jeweilige Uni sich selbst und alle Projekte und Angebote vorstellt.

Allerdings könnte es passieren, dass manche Studis das Gefühl bekommen, dass es schon total viel gibt, und dass man nichts mehr zu machen braucht. Und manch eine_n überfordert die Fülle vielleicht auch, auf beiden Seiten: Die Projekte könnten überfordert sein mit so vielen Studis, denen sie sich vorstellen sollen. Die Studis könnten überfordert sein von so vielen Projekten. Es könnte schwer sein, in „Massenveranstaltungen“ den persönlichen Kontakt herzustellen, der nötig ist, damit Leute Lust haben mitzumachen.

Ein anderer Weg, Überblick zu schaffen, ist die neue Webseite „campusAKTIV“. Sie soll helfen, tolle Uniprojekte zu finden. Eine schöne Idee, besonders, wenn ein Link prominent auf der Uni-Webseite plaziert wird. Eine kleine Einschränkung gab es dennoch: Die Macher der Seite sollten aber bedenken, dass sie nicht die ersten sind, die Überblick schaffen wollen. Wer googelt, der findet! Es wäre schade, wenn auch CampusAktiv irgendwann einfach brachfällt, wie „die lernende Stadt“. Vielleicht auch den Kontakt zu bestehenden Seiten wie „Was geht in Kiel“ pflegen?

Ein junger Mann aus Flensburg sorgte sich, dass mit freiwilligen Veranstaltungen nur Leute erreicht werden, die sich sowieso schon mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Eine Idee war, zum Beispiel Nachhaltigkeitsthemen im Lehrplan zu verankern, zum Beispiel wie in Edinburgh als Kurs „Carbon Conversations“.

Weitere Ideen: verpflichtende Lehrveranstaltungen, Energieberater-Zertifikat, Projekt-Möglichkeiten. Jedenfalls müssten Nachhaltigkeitsthemen von der Uni aus mit Credits versehen sein, sodass Leute nicht daran vorbeikommen.

Ein anderer Ansatz betraf den Rahmen, in dem wir handeln, sowohl physisch als auch inhaltlich: Vielleicht darf man nicht zögerlich sein, und sollte Strukturen verändern – kann man etwas massiv umbauen? Die Uni, den Lehrplan? Manchmal hilft „Think big“ ja weiter, manchmal finden sich für große Projekte eher Investoren als für kleine!

Eine weitere Idee war: Vielleicht muss man ja nicht alle dazu bringen, Ökos zu werden. Um eine nachhaltiger zu werden, reicht es, ca. 30% zu erreichen, eine nachhaltige Kultur zu schaffen. An der CAU gibt es schon viele, versprengte Projekte – Wie könnte Gemeinschaftsgefühl an der CAU geschaffen werden? … Man müsste die Gemeinschaft mehr „sichtbar machen“. – Wir fanden die Idee spannend, an kulturellen Faktoren anzuknüpfen. Hat die CAU eine Identität? Worin besteht diese? Vielleicht in der Meeresverbundenheit? Kann man daran im Bereich Nachhaltigkeit anknüpfen? „Nachhaltigkeits-Uni CAU“ – Wer hier einen Abschluss gemacht hat, hat mindestens 30 Credits zu Nachhaltigkeitsthemen belegt? Das erfordert natürlich eine starke Positionierung der Unileitung und der Institute.

Sichtbar machen!

Unser Fazit: Potential und Leute sind da. Über Franziskas Vorschläge nachzudenken, ist produktiv und lohnt sich. Manche Initiativen sind froh über Möglichkeiten zum Austausch wie diese. Es ist wichtig, Projekte zu bündeln und sichtbar zu machen!

  • Mehr zum Forschungsprojekt „Transition Universities“ können Sie hier lesen.

 

Text:  Irene Müller
Master „Society, Sustainability and the Environment“ an der CAU

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