Mehr als nur ein Online-Nachschlagewerk

Umweltethik-Wiki am Lehrstuhl für Philosophie und Ethik der Umwelt

Fast jeder kennt und nutzt das offene Online-Lexikon Wikipedia. Doch für normative Umweltfragen existierte ein solches Nachschlagewerk bislang nicht. Herr Dr. Florian Braun vom Philosophischen Seminar will das ändern – sein Umweltethik-Wiki-Projekt verschränkt Forschung und Lehre eng miteinander, Credits für redaktionelle Mitarbeit inklusive. Der Projektinitiator berichtet.

Text: Dr. Florian Braun
(Projektinitiator
)

Folgend wird sachlich und kritisch über das Projekt Umweltethik-Wiki berichtet. Dieser Artikel soll all denjenigen als Hilfestellung dienen, die ähnliche Wiki-Projekte entwickeln möchten. Im Verlauf des Textes finden sich mehrere Hinweise, die über Alternativoptionen in den jeweiligen Berichtspunkten informieren.

Mit dem Umweltethik-Wiki werden zwei primäre Ziele verfolgt: den Studierenden einerseits ein hochwertiges Online-Nachschlagewerk zu umweltethischen Themen zur Verfügung zu stellen und andererseits möglichst viele von ihnen als Autor_innen zu gewinnen. Insgesamt will das Projektteam eine stärkere  Verschränkung von Forschung und Lehre erreichen. Denn die Studierenden lernen, einen philosophisch relevanten Artikel eigenverantwortlich auf dem Niveau eines  wissenschaftlichen Lehrbuchs zu erstellen und multimedial zu  veröffentlichen. Des Weiteren können sie dadurch in fast allen  Umweltethik-Veranstaltungen Leistungspunkte erwerben.

Die erste Umsetzungsphase begann im März 2016 und wurde durch das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) unterstützt. Im Vordergrund stand die Erstellung erster Pilotbeiträge und die Beratung der Erstautoren  durch die beiden Schreibtutoren. Begleitend dazu erstellte das Projektteam eine Broschüre („Kriterienkatalog“), die wichtige Leitlinien zum Schreiben von Wiki-Artikeln enthält:

 

Hinweis 1: Vor dem Hintergrund der auf zehn Monate begrenzten Laufzeit der PerLe-Förderung bieten sich aus Sicht des Projektteams zwei alternative Vorgehensweisen an:

  1. a) Man tätigt vor Förderbeginn umfangreichere Vorarbeiten und konzentriert sich in der Laufzeit auf eine zügige Erstellung und Veröffentlichung der Pilotbeiträge. Insbesondere sollte der Kriterienkatalog vor Beginn des Förderungszeitraums erstellt werden. Des Weiteren regten viele Erstautor_innen eine möglichst frühe Implementierung der Wiki-Plattform mit Positiv- und Negativbeispielen an. Hintergrund: Die Studierenden waren zu Beginn unsicher, welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen. Die didaktische Annahme, dass die Unsicherheiten durch eine umfangreiche Schreibberatung abgefedert werden können, hat sich nicht bestätigt. Die entsprechenden Schreibtutorien wurden selten frequentiert.
  2. b) Anstelle von zwei Schreibtutor_innen schafft man für ein Semester eine zentrale Koordinationsstelle (Stundenumfang in Abhängigkeit zur Förderhöhe). Der/die wissenschaftliche Mitarbeiter/in übernimmt erstens die Erstellung der Broschüre und der Beispielartikel. Zweitens begleitet er/sie eine kleine Anzahl an Erstautor_innen intensiv bei der Erstellung der Pilotartikel.

 

Im Verlauf der zweiten Umsetzungsphase wurde ein Schreibworkshop zum Thema wikipediatypisches Schreiben durchgeführt. Diese Veranstaltung unter Leitung eines externen Schreibberaters erwies sich im Nachhinein als sehr sinnvoll. Denn die teilnehmenden Studierenden konnten im Rahmen von praktischen Schreibübungen kleinere Artikel anfertigen. Diese sollten im Stil eines wissenschaftlichen Lehrbuchs erstellt werden.  Erstaunlicherweise hatten die TeilnehmerInnen des Workshops wenig Schwierigkeiten, die komplexen Inhalte in einer lebensnahe und nachvollziehbaren Sprache auszudrücken.  Den bereits eingereichten Wiki-Artikeln mangelte es hingegen mehrheitlich an eben dieser Sprache (zu lange Schachtelsätze, sinnentstellende Sätze, unstrukturierte Absatzgestaltung, zu viele oder unzureichend erläuterte Fachtermini, Abgleiten in Fachsprache). Um die Qualität der Beiträge sicher zu stellen, war bereits von Beginn an eine zweite Begutachtung vorgesehen [siehe Abbildung Schreibprozess]. Diese ist der normalen Notengebung durch den/die jeweilige DozentIn nachgeordnet. Momentan befinden sich die meisten Pilotartikel im Überarbeitungsstadium, um die Auflagen der zweiten Begutachtung zu erfüllen.

abbildung_ablauf_umweltethik_wiki

 

Hinweis 2: Die Qualitätsanforderungen an einen Wiki-Artikel sind hoch. Es ist als Alternative zu unserem Ablauf anzuraten, bereits zu Beginn der Pilotphase einen eintägigen Schreibworkshop durchzuführen und diesen auch jedes Semester zu wiederholen. Dieses Vorgehen sollte – vor allem mit Blick auf Hinweis 1b – mit der allgemeinen Schreibberatung von PerLe verschränkt werden. Der Vorteil bestünde darin, dass von Beginn an eine kontinuierliche und über den Förderzeitraum hinausreichende Schreibberatung geleistet wird.

Neben der in Hinweis 2 angesprochenen Neukoordination der Schreibberatung gilt es für die Zukunft des Umweltethik-Wikis ein weitere große Aufgabe zu lösen: Die drei Artikeltypen des Wikis (Kurzartikel, Essay, Hauptartikel) müssen für die Studierenden nachvollziehbarer von den klassischen Prüfungsleistungen wie etwa  Hausarbeit oder Essay abgegrenzt werden. Als große Schwierigkeit für die Autor_innen erwies sich bisher, dass  die Artikel möglichst neutral formuliert werden müssen. Das Beziehen einer neutralen Position stellt vor allem beim Schreiben eines essayistischen Artikels eine große Herausforderung dar. Normalerweise werden in einem philosophischen Essay eigene Gedanken zu einer konkreten Fragestellung entfaltet. Der Text reicht über die Darstellung faktischen Wissens hinaus, da die eigenen Antworten und mögliche Gegenpositionen auch bewertet werden. In essayistischen Wiki-Artikeln hingegen muss der Autor seine Stellungnahme mit Fachwissen und belastbaren Argumenten absichern. Dabei sollte er auf eine von der Argumentation abgekoppelte rein subjektive Bewertung komplett verzichten. Vor dem Hintergrund dieser Schwierigkeit wurde bisher nur ein Essay eingereicht. In der zweiten Umsetzungsphase steht daher das Erstellen von Essays im Fokus, um weitere Erfahrung mit diesem Artikeltyp zu sammeln.

 

Hinweis 3: Eine eigene Position gegenüber einer öffentlichen Leserschaft zu beziehen und argumentativ abzusichern, stellt aus Sicht des Projektteams nicht nur eine wesentliche philosophische Kompetenz dar. Wenn man diese beherrscht, eröffnen sich auch wichtige berufliche Perspektiven (z.B. Verfassen umweltethischer Positionspapiere, Gutachten, fachwissenschaftliche Stellungsnahmen) – nicht nur für Philosophen. Wir regen daher an, diese Kompetenz universitätsweit zu fördern.

Trotz der genannten Schwierigkeiten zeigt sich das Projektteam sehr zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen. Momentan werden alle Kräfte auf die Veröffentlichung der Pilotbeiträge konzetriert, die für Januar 2017 geplant ist. Zudem hat sich das Projektteam mit Blick auf Hinweis 3 entschlossen, in regelmäßigen Abständen einen Essay-Wettbewerb zu umweltethischen Fragestellungen auszurufen. An diesem können alle Studierende der CAU Kiel teilnehmen. Die notwendige finanzielle Unterstützung dafür konnte bereits eingeworben werden. Mehr soll jedoch an dieser Stelle nicht verraten werden.

 

Dieses Projekt wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert

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