Virtuelles Sezieren

Anatomage Table: Digitalisierung der anatomischen Lehre

Vielen Studierenden der Medizin graut es schon am ersten Tag des Studiums davor: Die Rede ist vom Sezieren menschlicher Körper, auch Präparation genannt. In der Praxis weicht diese Angst meist einer „Faszination für die Funktionsweise des menschlichen Körpers“, so Professor Bodo Kurz, unter anderem zuständig für die Präparationskurse der Medizinstudierenden am Anatomischen Institut in Kiel. Neben der klassischen Ausbildung, die die Arbeit an Körperspendern beinhaltet, hält auch in diesen Bereich der Lehre die Digitalisierung Einzug – an der Universität Kiel dank eines sogenannten Anatomage Table, der zu den technisch am weitesten fortgeschrittenen Visualisierungssystemen der menschlichen Anatomie zählt.

Text: Janina Bankstahl (Studentin/PerLe)

 

Optisch erinnert der Anatomage Table tatsächlich an einen Tisch gestaltet, allerdings lässt er sich leicht verschieben und zu Demonstrationszwecken sogar vollständig aufrichten. Die Benutzeroberfläche ähnelt der eines Tablet-PC. Öffnet man diese, sieht man auf dem lebensgroßen Touchscreen die sterblichen Überreste eines Körperspenders. Bei den Personen, die durch den Tisch visualisiert werden können, handelt es sich um reale Körper, die mithilfe einer ausgefeilten Verfahrensweise für das virtuelle Sezieren aufbereitet worden sind. Die Studierenden können mit einem virtuellen Skalpell die Strukturen des menschlichen Körpers freilegen, welche dreidimensional abgebildet werden. Schicht für Schicht kann so der Aufbau von Muskeln, Nerven und Organen, isoliert für eine bestimmte Körperregion oder eingebettet in die umgebenden Strukturen, dargestellt werden.

 

Traditionelle Präparate und digitaler Fortschritt können gut nebeneinander existieren.

 

Darüber hinaus ist es möglich eine Beschriftung einblenden zu lassen. Auch verschiedene  Darstellungsweisen von unterschiedlichen bildgebenden Verfahren, wie der Computer Tomographie (CT), sind auswählbar, wodurch der Bezug zur klinischen Praxis hergestellt wird. Für die Lehre ist außerdem interessant, dass sich das Bild mit einem Beamer projizieren lässt und es möglich ist, Screenshots anzufertigen, die mithilfe eines USB-Sticks auf den eigenen Rechner übertragen werden können. Die Studierenden erhalten zu Beginn ihres Studiums eine Einführung in die Benutzung des Tisches und können den Tisch danach aus eigener Initiative heraus für das Selbststudium nutzen. Der Tisch zählt zu den technisch am weitesten fortgeschrittenen Visualisierungssystemen der menschlichen Anatomie und wird bereits weltweit von führenden Medizinischen Instituten eingesetzt. Die Universität Kiel gehört zu den ersten Einrichtungen, die auch in Deutschland mit dieser Technik arbeiten.

Trotzdem stellt das digitale Sezieren keinen Ersatz für das traditionelle Sezieren des menschlichen Körpers dar. Der Anatomage Table ist ein Lerntool: „Er ist eher eine tolle Ergänzung.“ findet auch Finja K., Studentin der Medizin, die selbst schon mit dem Tisch gearbeitet hat. „Die digitale Version kann keinem Studenten vermitteln, wie es ist, eigenständig mit Skalpell und Pinzette sämtliche Strukturen des Körpers aufzusuchen und freizulegen“. Dennoch ist es wichtig bei der digitalen Entwicklung der Lehre den Anschluss nicht zu verpassen. Es ist zu erwarten, dass die fortschreitende Digitalisierung auch in den medizinischen Berufen weiter einen wachsenden Stellenwert einnimmt, genauso wie in der universitären Lehre.

 

Die Benutzeroberfläche des Anatomage Table ähnelt der eines Tablets und ist intuitiv bedienbar.

 

Auch wenn die Software des Tisches noch nicht vollständig ausgereift ist, ist es wichtig, von Anfang an in die digitalen Neuerungen der Lehre mit hineinzuwachsen. Beim Anatomage Table handelt es sich um eine neue Art des Lernens, die das Potential birgt, das Interesse der Studierenden an der Materie zu wecken und dadurch optimales Lernen triggert. „Digitale Formate in der Lehre bieten einen Anknüpfungspunkt zum Leben der Studierenden, in das die Digitalisierung auch auf verschiedenen Ebenen Einzug hält. Der Anatomage Table erweitert das Spektrum um eine moderne Komponente“, betont Professor Bodo Kurz. Und auch Student Hauke W. ist der Meinung, dass der Tisch eine Logische Konsequenz in der Entwicklung neuer Methoden darstelle.

Die Arbeit an Körperspendern ist nach wie vor die beste Methode, Anatomie wortwörtlich erfassbar zu machen. Auch der moralische Aspekt, zum ersten Mal mit einem toten Körper konfrontiert zu sein, ist unersetzbar. Jedoch ist eine Erweiterung der anatomischen Lehre auf digitaler Ebene ein wichtiger Schritt in die Erprobung von Methoden des digitalen Zeitalters. Und eine Erweiterung des Methodenspektrums an der CAU.

Weiterführende Links

 

Kontakt

Prof. Dr. Bodo Kurz
Anatomisches Institut
Tel.: 0431/880-3080
E-Mail: bkurz@anat.uni-kiel.de

 

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