Von großen Männern und ihren Kriegen?

Geschichtsbilder in Schulbüchern des Kaiserreiches

„Kaiser und Vaterland – das Geschichtsbild in Schulbüchern des Kaiserreichs“ – so lautete der Titel eines Hauptseminars des Historischen Seminars, das Prof. Dr. Sebastian Barsch (Didaktik der Geschichte) und Andreas Christ (UB Kiel) mit Unterstützung von Joana Hansen (studentische Mitarbeiterin) im Sommersemester 2018 organisierten. Die Lehrveranstaltung verband in einem innovativen Format den Themenkreis Erhaltung, Digitalisierung und Erschließung historischer Bestände mit den Bereichen kollaboratives Arbeiten an digitalisierten Quellen und historisches Lernen im Internet.

Text: Andreas Christ (UB Kiel) &
Joana Hansen (stud. Mitarbeiterin im Projekt)

gefördert durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation

Archive, Bibliotheken und Museen stellen ihre historischen Bestände in zunehmendem Maße in digitaler Form im Internet zur Verfügung. Aber wie funktioniert das überhaupt praktisch? Und welche Chancen und Herausforderungen bieten digitalisierte Quellen für die Arbeit von Historiker*innen und Geschichtslehrkräften? Das Hauptseminar „Kaiser und Vaterland – das Geschichtsbild in Schulbüchern des Kaiserreichs“ näherte sich diesen Fragen nicht nur theoretisch, sondern ermöglichte es Masterstudierenden der Geschichtsdidaktik praktische Erfahrungen in der Auswertung digitalisierter Quellen zu sammeln und selbst Online-Materialien für die öffentliche Nachnutzung zu produzieren.

Als Einstiegspunkt diente die schulgeschichtliche Sammlung der Universitätsbibliothek Kiel, die unter anderem zahlreiche Schulbücher und Abhandlungen über Pädagogik und Didaktik aus der Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) beinhaltet. Ausgewählte Titel aus diesem Bestand werden von der Universitätsbibliothek auf der Plattform Dibiki in digitalisierter Form zur Verfügung gestellt. Die Studierenden erhielten von Mitarbeiter*innen der UB Kiel Einblick in die Digitalisierungsstrategien von Gedächtnisinstitutionen  wie Archive, Bibliotheken oder Museen und lernten die praktische Arbeit mit historischen Sammlungen an einer wissenschaftlichen Bibliothek kennen, insbesondere den Bereich Bestandserhaltung. Außerdem wurden mit einem Exkurs ins Urheberrecht auch die oft vernachlässigten juristischen Aspekte der Arbeit mit digitalen Medien in den Blick genommen. Von Seiten der Geschichtsdidaktik ging Professor Barsch auf historisches Lernen im digitalen Zeitalter ein und vermittelte Grundlagen der qualitativen Inhaltsanalyse.

Einblicke in aktuelle digitale Projekte der Schulbuchforschung

Mit diesem Wissen ausgestattet widmeten sich die Studierenden im Sinne des forschenden Lernens selbst den Quellen, indem Sie in Teams eine qualitative Inhaltsanalyse ausgewählter Schulbücher erprobten. Damit sie gemeinsam zeit- und ortsunabhängig an den Digitalisaten arbeiten konnten, hatte die UB Kiel im Vorfeld des Seminars ihre Plattform Dibiki um eine Software erweitert, die es u.a. erlaubt, online Annotationen vorzunehmen. Die Studierenden nutzten die Möglichkeiten des Werkzeugs, um ein Kategorienschema auf die Schulbücher anzuwenden beziehungsweise dieses während ihrer Arbeit an den Texten um weitere Codes zu erweitern. So wiesen sie einzelnen Textstellen Schlagwörter wie bspw. Kaisertreue, Kolonialismus oder Rassismus zu und erschlossen sich die Bücher so im Hinblick auf die vermittelten Geschichtsbilder.

Ergänzt wurde die praktische Arbeit durch den Besuch von Dr. Anke Hertling und Sebastian Klaes vom Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Sie erweiterten die Seminarperspektive durch einen Blick auf aktuelle digitale Projekte in der Schulbuchforschung. Die Bibliothek des Leibniz-Instituts verfolgt mit ihren Digitalisierungsaktivitäten das Ziel, einen möglichst umfassenden Korpus deutschsprachiger historischer Schulbücher zu schaffen. Welche Möglichkeiten solch ein Korpus eröffnet, wurde anhand eines Software-Tools demonstriert, das im Rahmen des Forschungsprojekts „Welt der Kinder“ programmiert wurde. Es setzt auf den digitalisierten Schulbüchern auf und erlaubt vielfältige Analyse- und Visualisierungsmöglichkeiten. So ist es mit dem sogenannten Topic Modelling möglich, über den Korpus abzufragen, welche Wörter in den Schulbüchern immer wieder in textueller Nachbarschaft vorkommen und damit einen Themenzusammenhang bilden. Die Studierenden wendeten diesen Ansatz für passende Begriffe aus ihrem Kategorienschema wie beispielsweise „Vaterlandsliebe“ an. Letzterer taucht in den Texten etwa besonders häufig in unmittelbarer Nähe zu den Begriffen „Volk, König, Mann, Leben, Zeit, Land, Mensch, Krieg, Feind, Vaterland“ auf.

Mehr Mut bei der Quellenauswahl

Diese Möglichkeiten der Digital Humanities faszinierten die Seminarteilnehmer*innen. Gleichzeitig wurde jedoch auch der Zusammenhang zwischen der durch Erschließungsleistungen geschaffenen Datengrundlage und der Aussagefähigkeit solcher Tools deutlich. Je mehr Fehler in den Daten, zum Beispiel dem maschinell generierten Volltext, bestehen, desto problematischer werden die Ergebnisse der Abfragen.

In einem zweiten Schritt lag es an den Studierenden, anhand der kennengelernten Analysemethoden prägnante Beispiele für in Schulbüchern vermittelte Geschichtsbilder auszuwählen, diese aufzubereiten und durch begleitende Kommentierungen und Lerneinheiten der Öffentlichkeit und insbesondere Schulen online zur Verfügung zu stellen. Dabei konnten sie auf den großen Fundus an digitalisiertem Material in den digitalen Bibliotheken des Georg-Eckert-Instituts und der UB Kiel zurückgreifen.

Das projektorientierte Vorgehen wurde von den Studierenden äußerst positiv aufgenommen. „Was ich vor allem mitgenommen habe, ist, mutiger bei der Quellenauswahl zu sein und die Potenziale wahrzunehmen, die einem zur Verfügung stehen“, sagte etwa eine Teilnehmerin nach Abschluss des Seminars. Auch der Fokus auf Digital Humanities wurde als wertvoll betrachtet:

„Für meine berufliche Entwicklung empfand ich die Einblicke in die Digitalisierung von Quellen als sehr förderlich, da mir zwar bewusst war, dass es generell digital verfügbare Quellen gibt, doch nicht in welchem Umfang bzw. auf welchen Plattformen.“

Das Ergebnis ihres Schaffens ist nun auf dem Blog der Kieler Geschichtsdidaktik einsehbar.

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