Wein, Tanzen, Politik – das Kennenlernpaket

Über "Democrazy" in Apenrade – Ein Beitrag des Studenten Patrick Köhler

Bei einem gemütlichen Bier in entspannter Atmosphäre lernt man seine Mitmenschen oft besser kennen, als in offizieller Umgebung. Deshalb stand in Apenrade der kulturelle Austausch im Vordergrund. Und die Frage: Was machen meine Kommiliton_innen eigentlich, wenn Sie nicht in der Uni sind?

Tanzen und fröhlich sein

Wir wurden herzlich von der Gruppe empfangen. Nachdem wir uns kurz vorgestellt hatten, und nach dem ersten inhaltlichen Teil stand eine kleine Tanzstunde für die gesamte Gruppe auf dem Programm. Eine willkommene Abwechslung und ein toller „Ice-Breaker“, denn eigentlich hatten wir unser Gegenüber ja noch gar nicht kennengelernt. Wir stellten uns also alle in einem großen Kreis auf, gaben einander die Hand und versuchten der Schrittfolge unseres Tanzlehrers zu folgen.

Am Abend wird zusammen getanzt und anschließend mit dem Musiklehrer gesungen - auf Englisch, Dänisch und Deutsch. Foto: Raphaela Traut

Am Abend wird zusammen getanzt und anschließend mit dem Musiklehrer gesungen – auf Englisch, Dänisch und Deutsch. Foto: Raphaela Traut

Für viele Teilnehmer_innen unserer Gruppe ein sehr ungewohntes und zum Teil auch unbehagliches Gefühl, mit völlig Fremden gleich Hand in Hand zu tanzen. Zudem stellte sich schnell heraus, dass einige von uns etwas überfordert waren, dem Ablauf der Tanzschritte zu folgen. Nach zaghaften ersten Versuchen klappte es schließlich aber ganz gut, und mithilfe der passenden Musik ergab sich ein toller Tanz, der viel gute Laune, Fröhlichkeit und Ausgelassenheit verbreitete. So kamen wir  sehr schnell mit der Apenrader Gruppe in Kontakt, das Tanzen vermittelte uns ein Gefühl des herzlich Willkommenseins – was ganz nebenbei auch gleich die „natürlich Distanz des Fremdseins“ brach.

Mutiges Singen

Wie in dänischen Folkehøjskolen (Volkshochschulen) üblich wird auch in Apenrade viel gesungen. Gleich im Anschluss an unsere Tanzstunde sollten wir in den Genuss dieser Gepflogenheit kommen. Dazu hatte einer der Musiklehrer der Folkehøjskolen einige Lieder auf Dänisch, Deutsch und Englisch vorbereitet. Da wir in unserer Gruppe nichts von unseren eigenen Sangeskünsten wussten, sangen wir zunächst nur zögerlich mit, stellten jedoch schnell fest, dass wir uns nicht zu verstecken brauchten; vielleicht hat sogar der eine oder andere neue Talente an sich entdeckt.

Es erforderte schon eine gewisse Portion Mut und Selbstbewusstsein, laut mitzusingen, doch da ich gerne singe und keine Scheu habe, meine Gabe auch zu zeigen, war dies für mich kein Problem. Die Anspannung durch das Unerwartete und die Vorbereitungen für das Seminar haben sich durch das Singen bei mir gelöst, weil mir klar wurde, dass wir durchs Singen der gleichen Lieder mit Texten in verschiedenen Sprachen schon eine gewisse Verbindung zueinander hatten und ich mich entspannen konnte.

Schweigen ist Silber, reden ist Gold

Ein wichtiger Teilaspekt, der zwischen den einzelnen Einheiten unsere volle Aufmerksamkeit verlangte, waren die Abende, die von den meisten dazu genutzt wurden, ein Bier an der Bar zu trinken. Hierbei konnte sich die Gruppe in einer völlig ungezwungenen Atmosphäre einfach frei bewegen und mit den anderen über die in den Einheiten besprochenen Themen ins Gespräch kommen, Ansichten austauschen und Meinungen diskutieren.

Dabei waren zwei Dinge wichtig: Zum einen konnten wir unsere Gastgeber besser kennenlernen. Motivationen, Ansichten, Einstellungen und Beweggründe von Menschen aus anderen Ländern zu verstehen und vor allem auch verstehen zu lernen förderte unsere Interkulturelle Kompetenz. Ich habe mich mit ein paar Leuten des dänischen Teils der Gruppe unterhalten, um Ihre Motivation zur Teilnahme an dem Projekt zu erfahren. Dabei kam heraus, dass die meisten eigentlich nur zum Deutschlernen mitgemacht haben, um danach als Skilehrer in Österreich arbeiten zu können.

Interkultureller Austausch, abendliches Beisammensein

Meine Neugierde geweckt fragte ich weiter, welche Pläne sie für die Zukunft haben. Studieren war die häufigste Antwort. Wir tauschten uns kurz aus und stellten fest, dass die Ansichten über die ideale Länge und den richtigen Zeitpunkt für den Beginn eines Studiums in Dänemark und Deutschland teils weit auseinanderliegen. Ein dänischer Teilnehmer meinte, dass man sich auch mal ein Jahr Zeit nehmen könne, um genau herauszufinden, was man gerne machen möchte, und dies sei bei ihm die Zeit als Skilehrer. Ich staunte nicht schlecht und begann darüber nachzudenken, warum man in Deutschland nicht auch so denkt.

Das bessere Kennenlernen der eigenen Gruppe ist ein weiterer Aspekt, der beim gemütlichen Beisammensein am Abend im Vordergrund stand. So habe ich mich mit den anderen ganz ungezwungen über ihre und meine Zukunftspläne unterhalten und konnte dabei feststellen, dass ich das Spektrum der Perspektiven und Möglichkeiten als Politikwissenschaftler bisher doch noch sehr eng gefasst habe. So erzählten mir meine Kommilitonen, in welchen Parteien und Organisationen sie bereits tätig sind oder waren, welche Chancen sich ihnen dabei auftun und in welche Richtung es bei ihnen gehen soll.

Auch unterschiedliche Ansichten zu bestimmten aktuellen politischen Themen taten sich auf. In Gesprächen auf sein Gegenüber trotz unterschiedlicher Meinung eingehen bzw. reagieren zu können, ist auch für unseren universitären Alltag und für die  Kommunikationsfähigkeit im späteren Berufsleben meiner Meinung nach sehr wichtig. So sind vor allem durch gemeinsame Interessen im jugendpolitischen Engagement neue Freundschaften zu Kommilitonen entstanden, die ich schon oft in anderen Seminaren an der Uni gesehen, mit denen ich mich aber bis dato nie weiter unterhalten hatte.

Das Konzept der dänischen Folkehøjskole: Die Idee der Folkehøjskole in Dänemark geht auf N.F.S. Grundvig zurück, der mit dem Prinzip einer ganzheitlichen Schule für (vor allem) Erwachsene zur Demokratie und damit hauptsächlich den demokratischen Bürger als wahlfähigen Bürger erziehen wollte. Folkehøjskolen können von jedem Dänen zu jeglichem bildungsrelevanten Themen gegründet werden. Anfangs kamen Inhalte vor allem aus der Landwirtschaft. Heute gibt es eine große thematische Vielfalt, z.B. durch die Højskolen Østersøen får den kulturellen Austausch und die Kommunikation mit Deutschland.

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