Wie Livechats ein Seminar bereichern

Praxisnahe Perspektiven aus der Entwicklungszusammenarbeit

Einmal in die Welt eines Projektmanagers in der Entwicklungszusammenarbeit eintauchen – diese Möglichkeit hatten Studierende Wintersemester 2018/19: In einer Seminarsession zum Thema sprachen sie via Skype mit Melchior Elsler, der zurzeit in einem Wasserprojekt der Weltbank in Kenia arbeitet. Vorab im Seminar erarbeitete Fragen rund um die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) in dem kenianischen Projekt beantwortete der Experte aus erster Hand. Gleichzeitig vermittelte er den Studierenden praxisnahe Einblicke in seine Arbeitswelt.

Text: Mirjam Michel (Studentin)
Fotos: Mark Müller-Geers (Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen)

 

Der Raum ist lichtdurchflutet, das Bild ist sehr hell. Trotzdem erkennt man den Menschen auf dem Bildschirm, der am anderen Ende der Welt vor seinem Computer sitzt und in die Runde erwartungsvoller Studierender schaut, recht gut. Melchior Elsler, der ursprünglich aus Flensburg kommt und in einem Wasserprojekt der Weltbank in Kenia arbeitet, ist per Livechat zugeschaltet. Vor dem Bildschirm steht ein kleines Tischmikrofon. Die Studierenden sitzen im Halbkreis um das Mikrofon. Während vorne eine Studierentin eine Frage an Elsler stellt, hören die anderen gespannt zu. Es entsteht eine angeregter Austausch, bei dem auch kritische Fragen gestellt werden. Die Teilnehmenden können dabei selbst entscheiden, ob sie eine eher aktive Rolle als Fragestellende oder eher passive Rolle als Beobachtende einnehmen. Wer etwas einbringen, fragen oder diskutieren möchte, geht direkt ans Mikrofon und nimmt ähnlich wie im Verlauf einer Fishbowl-Diskussion einen aktiven Part ein.

Das Live-Gespräch über Skype bietet die Möglichkeit, verschiedene Akteur_innen unabhängig von ihrem Standort in den Seminarraum zu holen. So lassen sich Menschen auf der ganzen Welt zusammenbringen, die einander sonst nie begegnet wären. Im konkreten Fall bedeutet das vor allem, dass Studierende neue und authentische Länderperpektiven kennenlernen und dabei Einblicke in unterschiedliche internationale Berufsfelder erhalten.

 

Hintergründe des Seminars
Im Wintersemester 2018/2019 hat das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) in Kooperation mit dem Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e.V das Seminar „Sustainable Development Goals – Entwicklungszusammenarbeit in der Praxis“ angeboten. Zu Beginn des Seminars wurden unterschiedliche Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit und der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) gemeinsam mit Praxispartnern außerhalb der Hochschule diskutiert. Im weiteren Verlauf des Seminars haben die Studierenden eigenständig Länderportraits mit Bezug zu diesen Aspekten erarbeitet und dazu Landesexpert_innen direkt einbezogen.

 

Wichtig ist eine sorgfältige Vorbereitung auf das Gespräch, damit der Austausch zwischen Studierenden und den Personen im Live-Chat funktioniert. Anton Mikoleit, externer Seminarreferent vom Bündnis trifft Entwicklung (BtE), hat deshalb zu Beginn der Seminarsitzung eine Auswahl an Bildern zusammengestellt, zum Beispiel vom Regenwald oder von einer Industrieanlage, welche die Studierenden verschiedenen Nachhaltigkeitszielen zuordnen sollen. Nach einer kurzen Diskussion über die Zusammenhänge der einzelnen SDGs, gibt Mikoleit eine inhaltliche Einführung in den Kontext der Entwicklungszusammenarbeit in Kenia und erläutert den Ablauf des Live-Chats.

Im Anschluss an das Skype-Gespräch reflektieren die Studierenden das Gehörte in großer Runde und ziehen ein positives Fazit. Für die 21-jährige Rieke Goetz, die Soziologie und Politikwissenschaft studiert, und für die 20-jährige Maria Erichsen, die Socioeconomics studiert, war es ein wertvoller Einblick in das umfassende Thema der Entwicklungszusammenarbeit.

„Ich finde die Methode super, weil wir dadurch direkten Kontakt mit jemandem hatten, der gerade in diesem Bereich tätig ist. Er lebt vor Ort und bekommt alles akut mit. Das macht einen ganz anderen Eindruck, als würde er hier stehen und über das Land in der Ferne reden. Durch seine Erzählungen konnte ich mir alles bildlich vorstellen“, erzählt Erichsen. Für Rieke Goetz war es auch ein interessanter Einblick. „Durch dieses Alltagsbeispiel wird die Ungleichheit klarer“, sagt sie, „Ich fand die Methode auch sehr erfrischend, weil wir dadurch aus dem theoretischen Unikontext – jemand steht vor dir und erzählt dir etwas – rausgekommen sind. Dadurch lernst du auf eine ganz andere Art und Weise. Du gehst mit ganz anderen Eindrücken raus aus diesem Raum, anstatt nur einen Text gelesen zu haben und nur etwas beigebracht zu bekommen. Wir arbeiten in diesem Seminar viel mit Praxispartnern zusammen. Es ist interessant mal Live-Eindrücke aus einem ganz anderen Kontext zu bekommen von jemandem, der nicht in der westlichen Blase ist.“

 

 

Das Gespräch hat bei Rieke Goetz und Maria Erichsen zu einem partiellen Umdenken geführt.

„Wir haben in der Runde festgestellt, dass wir idealistische Zukunftsvisionen haben, die vielleicht nicht ganz realistisch sind. Wenn wir zum Beispiel hören, dass er mit Coca-Cola und Nestlé kooperiert, denken wir erst einmal: Was hat der denn für einen unangenehmen Job? Er sagt aber, dass es super wichtig ist, mit diesen Global Playern zusammenzuarbeiten und sie zum Umdenken zu bringen als Vorreiter für andere Unternehmen, die sich dann daran orientieren und sich auch verändern. Das ist etwas, woran ich vorher gar nicht gedacht habe“,

fasst Rieke Goetz ihren Gedankenprozess zusammen.

Für Rieke ist es nicht das erste Seminar zum Thema „Nachhaltigkeit“ beim Projekt Erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) an der Uni Kiel und wahrscheinlich auch nicht das letzte. Sie kann sich durchaus vorstellen im Bereich der Nachhaltigkeit zu arbeiten. „Ich würde gerne einen Job haben, wo ich etwas im positiven Sinne verändere. Bei PerLe gibt es viele Seminare mit Raum für Diskussionen, Möglichkeiten eigene Meinungen zu bilden und Bezug zur Praxis, dafür bin ich sehr dankbar. Denn diese Seminare mit Praxispartnerinnen und -partnern zeigen einem auf welche vielfältige Art und Weise das möglich ist.“

Auch Maria Erichsen schätzt die Möglichkeit der kritischen Auseinandersetzung mit Themen wie Nachhaltigkeit sehr. „Ich kann jedem dazu raten, egal ob Student oder nicht, in so einen Kurs mal reinzuschnuppern und die eigenen Interessen, Befürchtungen und Meinungen mitzuteilen und zu diskutieren“, sagt sie.

Am Ende sind sich die beiden einig, was für sie in einem Seminar am wichtigsten ist. „Um sich ein Urteil zu schaffen, musst du erstmal hinter die Fassade schauen und auch Gegebenheiten hinterfragen, nach dem Motto: Nicht nur schnacken, auch anpacken“, sagt Erichsen mit einem Augenzwingern. Das Live-Gespräch bietet durch seine eine einfache und mobile Anwendung vielfältige Einsatzmöglichkeiten, um in Seminaren Räume für kritische Diskussionen und Perspektivwechsel zu schaffen.

Weiterführende Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.