„Wie sieht ein Mensch aus, der gut Deutsch spricht?“

Zu Gast im Diversitätsseminar

Persönlich, emotional und ganz unmittelbar: So hat die Studentin Ramona Dabringer die Sitzung „Religion und Weltanschauung“ erlebt, zu der das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) kurz vor Weihnachten in der Seminarreihe „Diversität – Herausforderungen und Chancen“ geladen hatte. Drei Gastredner, viele Fragen und wichtige Erkenntnisse fanden hier Platz.

Text und Fotos: Ramona Dabringer, Studentin/Perle

Joshu Pannbacker, Lene Krayenborg und Maryam Al Windi(v. li.) sprechen über Religion, über Glauben und über sich selbst.

 

In der letzten Sitzung des Seminars Diversität – Herausforderungen und Chancen vor Weihnachten machten es sich alle noch einmal kuschelig – mit Plätzchen, Tee und Kaffee am späten Nachmittag. Doch so gemütlich der Einstieg war, so ungemütlich und ergreifend gestalteten sich einige der Einblicke, die die Sitzung zum Thema „Religion und Weltanschauung“ den Teilnehmenden eröffnete.

 

Maryam Al Windi, Lene Krayenborg und Joshua Pannbacker waren als Gastredner geladen, alle drei erzählten ihre ganz eigenen, persönlichen Geschichten. Es ging weniger um einen Gesamtüberblick als um die subjektiven Erfahrungen der Gäste. Um behutsam ans Thema heranzuführen,  gab es zunächst einen Überblick über die Verteilung der Religionen in der Welt im Allgemeinen – und in Schleswig-Holstein im Speziellen. Außerdem ließen die Seminarleiterinnen Anila Alvi und Kati Lüdecke-Röttger die Studierenden Vorannahmen zu den drei Rednern treffen: Wie alt mochten sie sein? Welcher Herkunft? Und was machten sie beruflich? Natürlich wurden auch Vermutungen zur Religionszugehörigkeit ausgesprochen – und bestätigt.  Doch Maryam Al Windi, Lene Krayenborg und Joshua Pannbacker sollten rasch verdeutlichen, dass sie vor allem eines sind: Eigene, echte und für sich selbst sprechende Personen.

Anila Alvi führte in die für die Sitzung zentralen Begriffe Identität, Glaubensvielfalt  und Diskriminierung ein – und brachte die zentrale Fragestellung der Sitzung noch einmal auf den Punkt: „Gibt es überhaupt so etwas  wie das eine Judentum, den einen Islam oder das eine Christentum?“ Anschließend überließ sie den drei Gästen des Tages die Bühne.

 

Maryam Al Windi definiert sich als Muslima. Als Deutsche. Als Arbeitskollegin und Studentin. Als Kaffeeliebhaberhin, Pizzafan. Und noch als sehr, sehr viel mehr.

 

Maryam Al Windi, die mit ihrem Vortrag begann, beschäftigte sich zunächst mit der Frage nach Identität und den Faktoren, die Identität beeinflussen können. Medien, Rassismus oder Fragen nach dem Selbstbild. Der Wirbel um die Passfrage ist für Maryam Al Windi ebenso unverständlich („Ich kann doch auch beides sein!“), wie die Diskriminierung, die sie im Alltag bereits erfahren musste, als beispielsweise ein wildfremder Mann ihr in der Stadt zuraunte: „Der Islam ist eine tote Religion.“ Während Al Windi davon erzählte, dass sie in einem Nebenjob ihr Kopftuch abnehmen sollte, weil der Betriebsrat vorbeikam, wurde einem als Zuhörer ganz anders. Natürlich erzählen die Medien von Anfeindungen und Diskriminierungen, jeden Tag, überall. Aber von einem konkreten Fall  aus erster Hand zu hören, ist etwas ganz anderes. Beleidigungen aufgrund religiöser Herkunft, das seien keine Facebook-Kommentare, betonte sie. „Das ist ganz real, nebenan, vielleicht sogar im Nachbarhaus“. Als Antwort auf die verdutzte Reaktion von Menschen, Maryam könne ja sehr gut Deutsch sprechen, stellte sie die Frage: „Wie sieht denn ein Mensch aus, der gut Deutsch spricht?“

Joshua Pannbacker ist Ende 40 und jüdischer Religionslehrer. Doch ist er noch sehr viel mehr: Ehemann und Vater, stolzer Ostfriese und Teetrinker und er fühlt sich nicht nur zuhause wohl, sondern auch an vielen anderen Stellen der Welt. Er erzählte vom Gefühl der Fremdheit  in vielen Momenten des Alltags, aber auch des Dazugehörens, beispielsweise in Israel, wenn er  ankommt,  obwohl er dort gar keine (biologischen) Wurzeln hat. Für Joshua Pannbacker ist Religion wichtig, fest in seinem Leben verankert, gibt Halt und Kraft. Die braucht er, wenn auch er Anfeindungen im Alltag erfährt, psychisch – und leider auch physisch. Das Judentum beschreibt er als eine Religion der Tat, nicht als Mission. „Es gibt ein schönes anschauliches Beispiel dafür“, sagte er. „Wenn du auf einen Obdachlosen triffst und ihm Geld gibst, fragen sich andere vielleicht, ob der Obdachlose damit nicht Alkohol oder Zigaretten kauft. Für mich ist das nicht wichtig. Bei uns sagt man: ‚Kümmere dich um den Körper deines Nächsten und deine eigene Seele, nicht um die Seele deines Nächsten und deinen eigenen Körper´.“

 

 

Joshua Pannbacker erklärte die verschiedenen Ausprägungen des Judentums, die vielen Gesichter, die diese tief in der Geschichte verwurzelte Religion hat. Und wo wir gerade schon bei Geschichte sind: Joshua hält wenig von Schuldzuweisungen: „Schuld ist nicht vererbbar. Schuld hat der, der etwas getan hat. Nur Verantwortung, die haben wir wirklich alle.“

Als dritte Rednerin erzählte die 25-jährige Lene Krayenborg aus ihrem Leben als Theologiestudentin. Sie ist angehende Religionslehrerin für evangelische Religion. Wichtig für sie selbst und das, was sie vertritt ist vor allem die Vermittlung von Werten an die Jugendlichen, die in unserer schnellen und zerbrechlichen Welt genau das brauchen: Vertrauen und Werte. Freiheit, Würde und die Unabhängigkeit des Werts eines Menschen von seiner Leistung: Das sind Parameter, die junge Menschen aus ihrer Sicht zu mündigen Erwachsenen werden lassen. Die vielen verschiedenen Religionen und Weltanschauungen, mit denen wir alle tagtäglich konfrontiert werden, sind für Lene etwas Tolles: „ Vielfalt kann auf jeden Fall zu Stärkung der eigenen Person führen.“ Diskriminierung hat sie nicht erfahren, das Gefühl, dass man nicht verstanden wird aber, kann sie nachvollziehen: „Für viele ist es befremdlich, dass ich gerne Religion unterrichten möchte.“

 

 

Als auch Lene Krayenborg ihren Vortrag abgeschlossen hat, liegt Spannung in der Luft. Die Studierenden haben vieles gehört, Schönes und auch Erschreckendes.

Dem Kurs merkt man deutlich an, wie betroffen viele der Studierenden von einigen Schilderungen waren. Was folgt sind vorsichtige Nachfragen, beispielsweise nach der richtigen Reaktion auf rassistische Aktionen. Neben dem Schock über offensichtliche Diskriminierungen ist den Studierenden aber ebenso Verständnis für die Gäste der Veranstaltung anzumerken, ein Nicken hier, Zugeständnisse, Sorge, Aha-Momente und Liebe dort – vor allem aber eines: Gemeinschaft. Joshua brachte es auf den Punkt: „Offenheit ist, was wir alle uns wünschen.“

 

 

Die letzten beiden Sitzungen des Seminars Diversität – Herausforderungen und Chancen finden am 23. Januar (Sexuelle Orientierung) und am 06. Februar (Antidiskriminierungsarbeit an der CAU) statt.

 

Kontakt

Kati Lüdecke-Röttger
Telefon: 0431 880-5940
kluedecke-roettger@uv.uni-kiel.de

 

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