Wie wirkt das iPad auf den Englischunterricht?

Studie zu digital gestützten Lernszenarien an der Schule

Studierende erforschen Medienkompetenz und Unterrichtsgestaltung im fünften Jahrgang eines Gymnasiums.

Text: Sven Pitann
Projektteam

Wann immer neue Konzepte und Methoden Einzug in den Unterricht halten, sind Lehrkräfte besonders gefordert: Sind neue Trends und Entwicklungen bloße Modeerscheinungen oder tragen sie auch nachhaltig zu einer höheren Unterrichtsqualität bei? Solche Fragen gilt es durch kritische Auseinandersetzung und Reflexion zu beantworten. Bei der Bildung eines solchen Urteils können sich empirische Daten als hilfreich erweisen. Doch ist die Hürde, eine empirische Erhebung zu planen, durchzuführen und auszuwerten, selbst für gestandene Lehrkräfte vermutlich sehr hoch, wenn damit im Vorfeld noch keinerlei Erfahrungen gesammelt wurden.

Genau dieses Problem nahm Prof. Dr. Susanne Heinz vom Englischen Seminar der CAU zum Anlass, Studierende im Rahmen ihres Projektkurses „Mobile Enhanced Language Learning and Teaching“ im Wintersemester 2017/18 in die Planung, Durchführung und Auswertung einer empirischen Studie einzubinden. Der 16 Studierende umfassende Projektkurs beschäftigte sich mit der Entwicklung von Lernszenarien für Schulklassen, in denen der Englischunterricht durch digitale Endgeräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones gestützt wird.

 

Das Projektteam an der Kieler Uni bei der Arbeit. Hinten links im Bild: Projektinitiatorin Professorin Susanne Heinz.

 

Neben den Auswirkungen auf die Unterrichtsgestaltung  bestand ein wesentliches Interesse darin, zu erfahren, wie es um die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler bestellt ist, in deren Klassen digital gestützter Unterricht praktiziert wird. Wird der Begriff „Medienkompetenz“ im alltäglichen Sprachgebrauch häufig auf die Fähigkeit zum Bedienen digitaler Endgeräte reduziert, so ist der Begriff in Wahrheit doch viel facettenreicher. Inwieweit diese unterschiedlichen Facetten in Schulklassen mit digital gestütztem Unterricht auch geschult werden, sollte daher durch eine Reihe empirischer Erhebungen erforscht werden.

Kooperation mit der Auguste-Viktoria-Schule in Itzehoe

Die geplante Stichprobe für die Studie bestand aus den Schülerinnen und Schülern des fünften Jahrgangs der Auguste-Viktoria-Schule (AVS) in Itzehoe, unter denen sich auch eine iPad-Klasse befindet. Dadurch war es möglich, die Studie im Kontrollgruppendesign durchzuführen und die iPad-Klasse mit den drei anderen fünften Klassen der Schule zu vergleichen, in denen weitestgehend ohne den Einsatz digitaler Endgeräte unterrichtet wird. Außerdem wurde den Studierenden die Möglichkeit geboten, selbst entwickelte, digitale Lernszenarien in der iPad-Klasse zu erproben. (Mehr Informationen zu diesem Teil des Projektkurses finden Sie in einem weiteren Blogartikel, der zeitnah erscheinen wird.)

 

Beispiel-Vokabelkarte einer Projekteinheit zur Wortschatzarbeit.

 

Für die Studierenden und die Schule  ergab sich durch den Projektkurs eine Synergie im besten Sinne: Während die Studierenden Erfahrungen bei der Planung einer empirischen Studie und der Planung von Lernszenarien in der iPad-Klasse sammeln konnten, kann die Auguste-Viktoria-Schule die Ergebnisse der Studie als Feedback für den Erfolg des Englischunterrichts und die fächerübergreifende Schulung der Medienkompetenz nutzen und die Ergebnisse als Ausgangspunkt für Optimierungen am Unterricht verwenden.

Planung und Vorbereitung der Studie im Projektkurs

Da mit Ausnahme einer groben zeitlichen Vorbesprechung mit den Klassenlehrkräften der iPad-Klasse, Anne Gruitrooy und Benjamin Frahm, alle weiteren Schritte zur Planung, Durchführung und Auswertung der Studie erst im Verlauf der Vorlesungszeit unternommen wurden, konnten die Studierenden den Fortschritt ihrer eigenen Arbeit in Echtzeit miterleben. Begonnen wurde die Arbeit an der Studie mit der Erstellung eines Fragenkatalogs für eine Online-Erhebung, die der Prüfung der verschiedenen Facetten von Medienkompetenz gemäß KMK (2016) dienen sollte. Zu diesem Zweck wurden von den Studierenden individuell im Rahmen der Sitzungsvor- und -nachbereitung Fragen verschiedener Antwortformate erstellt, aus denen dann innerhalb von zwei Seminarsitzungen ein vorläufiger Fragebogen erstellt wurde.

 

Englischlehrerin Anne Gruitrooy von der Auguste-Viktoria-Schule in Itzehoe. Foto: Ehrich (sh:z)

 

Da die Schulleitung der AVS darum gebeten hatte, das Forschungsvorhaben vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein genehmigen zu lassen, wurde anhand des vorläufigen Fragebogens eine solche Genehmigung beantragt. Die Ausformulierung und Zusammenstellung der dafür nötigen Dokumente wurde von Prof. Dr. Heinz übernommen. Da diese vor ihrer Tätigkeit in Kiel bereits eine landesweite Studie zum mobilen Fremdsprachenlernen in Bayern durchgeführt hatte, konnte für das Genehmigungsverfahren auf ihre Expertise und ihre Erfahrungswerte zurückgegriffen werden.

Die Dauer des Genehmigungsverfahrens wurde im Kurs ebenfalls produktiv genutzt. In einer Pilotierungsphase wurde der Fragebogen inhaltlich noch einmal genau geprüft und auch die technische Umsetzung wurde in Form eines Stresstests für das Online-Erhebungstool EvaSys kontrolliert. Darüber hinaus wurden die Klassenlehrkräfte der iPad-Klasse zu einer Seminarsitzung nach Kiel eingeladen, um den Studierenden durch ein Interview der Lehrkräfte die Möglichkeit zu geben, sich über die Rahmenbedingungen des Unterrichts in der iPad-Klasse zu informieren.

Nach erfolgter Genehmigung konnte im Zeitraum von Anfang bis Mitte Februar schließlich die Online-Erhebung stattfinden, welche anschließend in Teilen von den Studierenden im Rahmen ihrer Portfolio-Prüfungsleistung ausgewertet wurde. Aus Datenschutzgründen erhielten die Studierenden jedoch nur Auszüge aus den erhobenen Daten, während die vollständigen Rohdaten nur der Studienleitung zugänglich bleiben. Nach Ende des Wintersemesters wurde schließlich als letzte Erhebung im Rahmen der Studie erneut eine Serie von Interviews mit Kleingruppen von Schülerinnen und Schülern durchgeführt, um einzelne Ergebnisse der Online-Erhebung durch präzisere Nachfragen absichern und genauer begründen zu können.

Ergebnisse und Erkenntnisgewinn für die Studierenden

Die Studie lieferte mitunter sehr interessante und aufschlussreiche Ergebnisse. Besonders geschätzt wird der Unterricht mit dem iPad von den Schülerinnen und Schülern, weil durch den weitestgehenden Verzicht auf klassische Bücher und Hefte die Schultasche deutlich leichter und die digitale Heftführung vermeintlich ordentlicher wird. Aber der Einsatz des iPads findet nicht in allen Kompetenzbereichen ausschließlich Fürsprecher in den Reihen der Schülerinnen und Schüler. Besonders bei der Wortschatzarbeit (Vokabellernen) und dem Leseverstehen bevorzugen sie weiterhin Szenarien, die ohne das iPad auskommen. Im Bereich der Medienkompetenz offenbarten sich vor allem im Umgang mit Quellen aus dem Internet recht deutliche Unterschiede zwischen den vier untersuchten Klassen. Ein detaillierter Abschlussbericht zum Projekt mit den Ergebnissen der Studie wird in Kürze veröffentlicht.

„Both, the questionnaire and the student interview showed that learning with the help of mobile devices and the various possibilities of the internet exactly meets the pupils interests.“

Aus dem Fazit einer Studentin zum Projekt

Für die Studierenden zeigten die Ergebnisse der Studie, dass die Verwendung neuer Methoden und Arbeitsweisen, die sich beim Einsatz digitaler Endgeräte im Englischunterricht anbieten, nur dann gelingen kann, wenn die Medienkompetenz im digitalen Klassenzimmer stärker gewichtet wird, als es die Studierenden vielleicht noch in der eigenen Schulzeit erfahren haben. Wenn die Studierenden die gesammelten Erkenntnisse aus ihrer Studie in naher Zukunft auch an ihre zukünftigen Schulen tragen, darf man davon ausgehen, dass sie beste Voraussetzungen mitbringen, um den sich andeutenden Umbruch hin zum verstärkten Einsatz digitaler Medien im Unterricht nicht bloß miterleben, sondern auch aktiv mitgestalten zu können.

Dieses Vorhaben wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

 

Weiterführende Informationen

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