Wissensnomaden und Lernräume an der CAU

Lehr-/Lern-Projekt zur Erforschung fluider Lernumgebungen

Seminarräume, Foyers und Bibliotheken der Kieler Universität werden zu Forschungsgegenständen: Im medienpädogogischen Seminar „Wissensnomaden – Gestalten für fluide Lernumgebungen“ untersuchen Studierende nomadische Lern- und Arbeitspraktiken an der CAU. Mehr über das facettenreiche forschungsorientierte Vorhaben erfahren Sie bei der Projektvorstellung auf dem Campusfest „summa cum laude“ (22. Mai) – und in diesem Blogeintrag.

Text: Julia Albrecht & Elisa Ruhl (Projekt-Initiatorinnen)

Raum und Pädagogik

Wie aktuelle Schul- und Hochschulprojekte1 oder auch der Kongress 20162 der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) zeigen, ist das Zusammentreffen von Raum und Pädagogik ein vielfach diskutiertes, jedoch nicht einfach zu behandelndes Thema.

Während die meisten Diskurse auf der Idee eines Raums als Container aufbauen, dessen Form und physische Präsenz Einfluss auf das Lernverhalten von SchülerInnen und Studierenden nehmen, ist die Idee eines stetig durch die verschiedenen sozialen Akteure produzierten und veränderbaren Raum noch wenig beachtet.

Dem vorstrukturierenden Charakter von Architektur setzten wir mit unserem Seminar Wissensnomaden – Gestalten für fluide Lernumgebungen ein Konzept von Raum entgegen, das sich durch Eigensinn und Macht der NutzerInnen konstituiert. So sind Lernräume immer als eine Relation zwischen Architektur, der Nutzung von Studierenden und Lehrenden sowie vor dem Hintergrund institutioneller Regelhaftigkeiten einzuordnen. Somit ist das Gestalten von Lernräumen per se eingewoben in soziales Handeln. ArchitektInnen und PädagogInnen müssen daher zusammenarbeiten, wenn es um zukünftige Lernräume entgegen einer Vorstrukturierung gehen soll.

1 z.B. Montags Stiftungen 
2 DGfE-Konress 2016: Räume für Bildung. Räume der Bildung.

 Wissensnomaden – Erforschung fluider Lernumgebungen

Im Wintersemester 2014/15 führten Dipl.-Pädagogin Julia Albrecht und Raumstrategin/Designerin Elisa Ruhl im Rahmen des 2-Fächer-Bachelors of Arts in Education am Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) das Seminar Wissensnomaden – Gestalten für fluide Lernumgebungen durch.

Das Seminar wurde als Kooperationsprojekt zwischen Medienpädagogik und Raumstrategien (Muthesius Kunsthochschule Kiel) im Team Teaching mit Lehrenden beider Disziplinen und elf Studierenden der CAU realisiert und durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

1

Leibliche Raum-Erfahrungen: Interventionsworkshop an der Muthesius Kunsthochschule.

2

World Café zur Exploration bestehender und zukünftiger nomadischer Raumpraktiken von Studierenden.

Mithilfe räumlicher Interventionen forschten die Studierenden in Kleingruppen, in welcher Art und Weise Studierende nomadisch an der CAU arbeiten und wie diese Lern- und Arbeitspraktiken unterstützt werden könnten. Sie widmeten sich dabei Seminarräumen, Foyers, Heimarbeitsplätzen sowie Bibliotheken und erforschten dynamische Zusammenhängen zwischen Lernen und räumlichem Settings.

Didaktisches Modell

Das Seminar basierte auf dem Lehr-Lern-Modell Design als Untersuchung (Design as Inquiry). Durch das iterative und reflektierte Gestalten räumlicher Situation generierten die studentischen Arbeitsgruppen Wissen über lokale räumliche Praktiken.

Das Vorgehen ist ein ergebnisoffener, non-linearer Forschungsprozess, der sich durch eine Verortung des Untersuchungsgegenstandes, einer Exploration des Themas, der Entwicklung von vertiefenden Hypothesen und deren Materialisierung (z.B. über räumliche Interventionen, Protoypen oder Veränderung im sozialen Handeln) auszeichnet.

3

Anpassung des Prüfungssettings an die erarbeiteten räumlichen Erkenntnisse.

4

Übung, in der die Studierenden ihren Arbeitsfortschritt anhand ihrer Position an einer Linie darstellten.

Um Wissen über nomadische Lernräume zu generieren, sind räumliche Interventionen eine geeignete Form der Materialisierung, da sie Annahmen über das Verhältnis von Raum und Lernen praktisch und leiblich erfahrbar machen können. Annahmen über z.B. den Einfluss verschiedener Ressourcen, Regulationen oder dem Selbstbild von Studierenden können über konkrete Eingriffe in den Raum überprüft und hinterfragt werden.

Die Reaktionen von NutzerInnen der Interventionen können über Beobachtungen und weiterführende Analysen erhoben und in Erkenntnisse über nomadische Lernräume überführt werden.

Seminarablauf

In der Einführungsphase wurden Perspektiven auf und Diskurse über Lernraumgestaltung aus Pädagogik und Raumstrategien eingeführt. Erste gemeinsame Explorationen und praktische Übungen (Erkundung der Institutsräume, Selbstbeobachtung, World Café, Hands-On-Workshop an der Muthesius Kunsthochschule mit Studierenden der Raumstrategien) schafften eine gemeinsame Basis für dir Formulierung eigener Forschungsfragen. Fünf Arbeitsgruppen arbeiteten in den folgenden sechs Sitzungen an individuellen Themen und kombinierten Exploration, Intervention und Beobachtungen, die sie in wöchentlichen Feedbackgesprächen mit den Lehrenden besprechen und weiterentwickeln konnten.

Während der Interventionsphase gab es ein Treffen im Plenum in dem die Arbeitspläne und Fortschritte gemeinsam besprochen wurden. Eine Zwischenpräsentation in dieser Phase wurde wieder mit Studierenden der Muthesius Kunsthochschule im Pecha-Kucha-Format abgehalten um (Peer)Feedback zu ermöglichen.

In einer zweiten Zwischenpräsentation stellten die Studierenden Themen vor mit denen sie sich im Rahmen ihrer Forschung auseinandergesetzt hatten (z.B. Lerntypen, Krisenexperiment nach Garfinkel) oder alternativ Themen die sich aus ihrem Forschungsprozess ergaben (z.B. Forschungsethik).

Ein Dokumentationsworkshop zum Abschluss des Seminars half den Studierenden ihren Forschungsprozess für die mündliche Prüfung adäquat darzustellen.

Das Modul endete mit einer mündlichen Abschlussprüfung in der die Arbeitsgruppen ihren Forschungsprozess reflektierten und ihre Ergebnisse in Form von wissenschaftlichen Postern präsentierten.

Lessons Learned zum projekt- und forschungsorientierten Lernen*

Wir haben in dem Seminar viel über projekt- und forschungsorientiertes Lernen gemeinsam mit Studierenden gelernt und unsere Erfahrungen und Reflektion in Form von Lessons Learned zusammengefasst.

Anhand der Kategorien …

  1. Struktur   im ergebnisoffenen Arbeiten geben (pdf)
  2. Angemessene Form des Materialisieren wählen (pdf)
  3. Zum Kritischen Fragen ermutigen (pdf)
  4. Neues Vorgehen selbst leben (pdf)
  5. Integration fördern (pdf)
  6. Idee dahinter kommunizieren (pdf)

… stellen wir diese in Kartenform zur Verfügung. Die Karten enthalten eine Übersicht über mögliche Fallstricke in offen konzipierten Seminaren und bieten Übungen und Ideen zum Umgang damit an.

Ausblick

Das Seminar wird, mit einigen Modifizierungen, im Sommersemester 2015 erneut von Diplom-Pädagogik Julia Albrecht angeboten. Wir nutzen zudem das Campusfest summa cum laude der CAU, um das Seminarkonzept sowie daraus enstandenes Unterrichtsmaterial interessierten Personen präsentieren (22. Mai, 12-19 Uhr: Vorstellung von Faltflyer samt Lehrmaterial & Poster).

Zudem berichten wir in einem Artikel (für ein Herausgerberband, der 2015 erscheint*) über unsere Erfahrungen mit dem Seminarkonzept.

*Mieg, H. A. & Lehmann, J. (2015). Forschendes Lernen: Ein Praxishandbuch. Potsdam: FHP-Verlag.

Im Poster-Format

flyer 2 flyer 1

Weiterführende Literatur

Design als Untersuchung
Interventionen
  • Urban, A. (2013): Interventionen im public/private space: Die Situationistische Internationale und Dan Graham. Berlin: Dietrich Reimer.
Raum
  • Nugel, M. (2014). Erziehungswissenschaftliche Diskurse über Räume der Pädagogik. Springer Fachmedien Wiesbaden.

3 Gedanken zu „Wissensnomaden und Lernräume an der CAU

  1. Hallo Herr Tscheulin,

    die Studierendenprojekte haben bestehende Ressourcen bzw. Problemstellungen von Lehr-Lern-Settings vor allem einmal sichtbar gemacht, jedoch noch keine generischen Empfehlungen formuliert. 

    Von Interesse könnte für Sie allerdings sein, dass in unserer eigenen Forschungsarbeit im Rahmen des R&D Projekts IdeaGarden (http://idea-garden.org) gerade ein Analyseinstrument (SpaceMark) entwickelt wird, das neben der Analyse von Lern- und Arbeitsräumen auch Empfehlungen bzw. Anregungen für die Entwicklung von Räumen beinhaltet.

    SpaceMark dient PraktikerInnen dazu,  ihre Arbeits-und Lernräume anhand der Kategorien (1) flexible-stable, (2) open-exclusive, (3) supportive-permissive und (4) interconnected-independent zu analysieren.
    Für jede Kategorie stellt SpaceMark einen Fragenkatalog zur Verfügung. Eigene Lern- und Arbeitsräume können so analysiert, kommentiert und weiterentwickelt werden. 

    SpaceMark entstand aufgrund von Feldforschung und Interviews mit DesignerInnen und Designstudierenden für den Bereich der kollborativen Zusammenarbeit in kreativen Arbeitsfeldern. Es wurde jedoch mittlerweile generischer gestaltet und auch schon mit Medienpädagogikstudierenden und Sportwissenschaftlern formativ evaluiert. Zurzeit ist ein Prototyp von SpaceMark vorhanden, den wir Ihnen gerne zur Verfügung stellen können. 
    Bei Interesse freuen wir uns natürlich sehr über Ihr Feedback zur Weiterentwicklung des Prototypen. 

    Kontaktdaten: Julia Albrecht und Elisa Ruhl (albrecht bzw. ruhl@paedagogik.uni-kiel.de)

    Viele Grüße

    Julia Albrecht

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