Wo Literatur und Linguistik zusammentreffen

Ringvorlesung präsentiert Texte als Orte der interdisziplinären Begegnung

Premiere an der Uni Kiel: Die Ringvorlesung „Texte analysieren – Linguistik trifft Literaturwissenschaft“ setzt auf interdisziplinäre Tandemvorträge. Bei jeder Sitzung sprechen Wissenschaftler_innen aus beiden Fächern über einen literarischen Text und veranschaulichen dabei die unterschiedlichen fachlichen Zugänge, Methoden und Analysen. Mit dem neuen, inderdisziplinären Format kommen Prof. Dr. Michael Elmentaler (Germanistisches Seminar) und Prof. Dr. Bernd Auerochs (Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien) auch einem ausdrücklichen Wunsch ihrer Studierenden nach.

 Text: Mirjam Michel (Studentin/PerLe)

© Pixabay

Die Grundidee der Ringvorlesung ist, dass jeweils eine Literaturwissenschaftlerin oder Literaturwissenschaftler und eine Linguistin oder ein Linguist gemeinsam einen Text oder ein bestimmtes Thema auswählen und dieses im Vortrag aus ihrer jeweiligen Fachperspektive beleuchten. Anhand dieser Beispiele sollen die Lehrenden veranschaulichen, wie sie bei der Untersuchung des Textes methodisch vorgehen. „Wir versprechen uns davon, dass die Studierenden besser nachvollziehen können, was die spezifischen Zielsetzungen und Methoden sind, die in der Linguistik und der Literaturwissenschaft zum Einsatz kommen“, erklärt Prof. Elmentaler. Entstanden ist das Konzept der Vorlesung als Reaktion auf die Nachfrage der Studierenden nach mehr Interdisziplinarität. „Es gibt von den Studierenden manchmal so Äußerungen wie ‚Ich studiere das Fach Deutsch, aber das, was ich in der Literaturwissenschaft gelernt habe, kann ich in der Linguistik überhaupt nicht gebrauchen. Die gehen da ganz anders vor.‘ Das haben wir aufgegriffen und uns gedacht, wir bringen die beiden Institute mal zusammen. Das ist ja ungewöhnlich und speziell für Kiel, dass es zwei ganz verschiedene Institute sind, die gemeinsam ein Fach bestreiten.“

Eines dieser Tandems bestand aus Prof. Dr. Anne Breitbarth von der Vakgroep Taalkunde (‚Abteilung für Linguistik‘) der Universität Gent und Privatdozentin Dr. Ursula Kundert vom Germanistischen Seminar der Universität Kiel. Aus der Perspektive der germanistischen Mediävistik und der Sprachgeschichtsforschung haben sie mittelalterliche Psalmen untersucht. Kennengelernt hatten sich die beiden bereits über ein Publikationsprojekt zum Thema ‚Produktive Ästhetik der Psalmen im 15. Jahrhundert‘, zu dem Kundert Breitbarth eingeladen hatte. Für die Vorbereitung des Vortrags haben beide zunächst gesagt, was ihnen aus ihrer fachlichen Perspektive am interessantesten erscheint.  „Frau Kundert hat sich in meinem Entwurf-Artikel angeschaut, welche Konstruktionen ich besonders untersucht habe. Wir haben uns dann auf die Themen Peripherie, Wiederholung und Parallelismus geeinigt“, erzählt Breitbarth. Um sich gut abzustimmen, haben die beiden online in einem geteilten Ordner zusammen an der Folienpräsentation gearbeitet, lange telefoniert und sich vor dem Vortrag auch nochmal persönlich getroffen.

Loslassen, wo das Fachgebiet der anderen beginnt

Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede herauszuarbeiten, war ein längerer Prozess. „Wir haben zunächst ein bisschen Mühe gehabt, die Sprache der anderen zu verstehen. Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin, auch wenn ich mich im Studium damit beschäftigt habe. Meine Spezialität sind auch nicht mittelniederdeutsche Psalmen, sondern historische Syntax, unter anderem des Mittelniederdeutschen. Daher hat es eine Weile gedauert, bis wir eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Durch den Dialog sind wir darauf gekommen, wie wir darüber reden können“, sagt Breitbarth. Auch für Kundert war es eine spannende Herausforderung. „Die Schwierigkeit ist, dass es gewisse Fachpräferenzen für Fragen gibt und da mussten wir uns erstmal verständigen, welches Narrativ wir gemeinsam entwerfen wollen“, erklärt Kundert.

Unumgänglich sind Kommunikationsprobleme in der interdisziplinären wissenschaftlichen Arbeit aber nicht, wie Kundert weiß: „Wissenschaftler können definieren und Definitionen verstehen. Aus der Lehre wissen wir, wie wir eingängige Beispiele finden können, wenn jemand etwas nicht versteht. Das Wichtigste ist, dass jede signalisiert, wo sie sich kompetent fühlt, und loslässt, wo das Fachgebiet der anderen beginnt.“ Auch Auerochs hat in seiner Kooperation mit Prof. Jörg Killian aus der Sprachdidaktik eine gute Möglichkeit der Verständigung gefunden: „Wir haben festgestellt, dass es sinnvoll ist, sich auf das sprachliche Detail zu konzentrieren, weil da der Zusammenhang zwischen dem, was wir beide machen, am deutlichsten hervorspringt. Wenn ich anfangen würde über größere Kontexte zu sprechen, wäre die Differenz zu dem, was die Linguistik macht, mehr spürbar.“ Die beiden haben sich aus literaturwissenschaftlicher und sprachdidaktischer Sicht mit dem Roman „Jahrestage“ von Uwe Johnson beschäftigt, zu dem in Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit von Universität und Schulen ein Lesebuch mit Kommentaren entstanden ist.

Vorlesung auch via Stream oder als Aufzeichnung abrufbar

Gerade die Momente, in denen unterschiedliche wissenschaftliche Sichtweisen aufeinandertreffen, zeigen, dass Interdisziplinarität als Chance begriffen werden sollte. So beschreibt Breitbarth eindrücklich, wie aus den anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten und dem regen Austausch etwas Neues entstanden ist: „Ich habe die Psalmenübersetzung anfangs benutzt, um die Frage zu stellen ‚Können wir übersetzte Texte heranziehen, um etwas über das Mittelniederdeutsche zu lernen?‘ Frau Kundert hat hingegen gleich gesagt: ‚Natürlich, auch übersetzte Texte gehören zur mittelniederdeutschen Literatur‘. Als historische Sprachwissenschaftlerin habe ich da erstmal gesagt: ‚Also normalerweise arbeiten wir nicht so‘. Übersetzte Texte müssen wir Linguisten mit dicken Handschuhen anfassen, wenn wir etwas über die Syntax herausfinden möchten. Wir mussten dann erst einmal die Grundannahmen klären: Gibt es so etwas wie natürliche Sprache? Was gehört zum System des Mittelniederdeutschen?“

Auerochs und Elmentaler hoffen, dass die neu begonnene Diskussion um Texte und ihre Analyse auch in die Seminare hineingetragen wird. „Wir haben das Konzept, dass Dozierende auch mit ihrem Kurs die Ringvorlesung besuchen können, so dass viele von den Studierenden zu einem anderen Termin wiederkommen. Wir denken, dass es durch die breitgefächerte Themenaufstellung für viele Studierende interessant und erhellend sein wird“, sagt Elmentaler.

Um eine möglichst breite Öffentlichkeit anzusprechen und Studierenden Flexibilität zu bieten, wird die Ringvorlesung per Video aufgezeichnet. Wer seinen Lieblingsvortrag verpasst hat, kann sich das Ganze also im Nachhinein auch noch auf der Webseite www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de anschauen.

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