Zahnprophylaxe für geflüchtete Kinder

Studierende der Zahnmedizin besuchen Flüchtlingsunterkünfte

Vom Kieler Zahnprophylaxe-Projekt für geflüchtete Kinder profitieren alle Beteiligten: Studierende der Zahnmedizin haben Gelegenheit, einmal ganz junge Patient_innen zu behandeln, Kinder aus Flüchtlingsunterkünften lernen spielerisch etwas über Mundhygiene, und Lehrende haben Spaß an der lebendigen Abwechslung zur regulären, stark verschulten Ausbildung für Zahnmediziner_innen. Mit-Initiatorin Antje Geiken verrät im Interview mehr über das Vorhaben.

 

Frau Geiken, schildern Sie doch einmal die Grundidee hinter Ihrem Zahnprophylaxe-Projekt für Kinder in Kieler Flüchtlingseinrichtungen.

Antje Geiken: Die Idee ist, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zum einen sollen natürlich die Kinder in den Flüchtlingsunterkünften von unserem Projekt  profitieren. Zum anderen profitieren die Studierenden, die im Rahmen ihres Studiums sonst kaum in Kontakt zu Kindern kommen.

Unser Konzept ist eher langfristig angelegt, sodass die geflüchteten Kinder wirklich lernen können, was gut für ihre Zähne ist, was ihnen schadet, wie sie sich die Zähne ordentlich putzen – aber auch, was ein  Zahnarzt eigentlich macht. Viele der Kinder hatten noch nie zuvor in ihrem Leben Kontakt zu Zahnärzten. Wir möchten ihnen vermitteln, dass Zahnärzte nette Menschen sind, die einem helfen. Und dass Zahnpflege Spaß macht.

Für die Studierenden ist es deshalb besonders wichtig, den Umgang mit jungen Patienten zu üben, weil genau das nach dem Studium oft als erstes auf sie zukommt. Doch das Studium bereitet bislang kaum auf den Umgang mit Kindern vor, die man ganz anders betreuen muss – man muss viel mehr mit ihnen reden, ihnen vieles erklären und die Untersuchungen spielerischer angehen, um ihnen die Angst zu nehmen.

 

 

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Auf der einen Seite sagten Sie, dass man mit jungen Patienten viel sprechen müsse – andererseits besteht ja im Umgang mit geflüchteten Kindern eine Sprachbarriere. Wie gehen Sie damit um?

Geiken: Wir haben einen sehr motivierten Studenten aus Syrien, Herrn Massoud, der die meisten  arabischen Dialekte beherrscht. Das erleichtert die Kommunikation natürlich enorm – es ist immer jemand da, der übersetzen kann. Gleichzeitig ist das Schöne bei kleinen Kindern aber, dass vieles auch über Mimik und Gestik funktioniert.

 

Welche Einrichtungen besuchen Sie denn – und wie alt sind die Kinder, mit denen Sie dort in Kontakt kommen?

Geiken: Wir gehen in zwei verschiedene Flüchtlingsheime: in der Wik und auf dem MFG 5 Gelände. Das Alter ist unterschiedlich, die Jüngsten sind drei Jahre alt und die Ältesten etwa zehn oder elf.

 

Nun zur Projektgeschichte: Skizzieren Sie doch einmal den Verlauf – von der Idee bis zur Umsetzung des Projektes.

Geiken: Gern. Frau Vivian Serke aus der Fachschaft kam mit der Projektidee auf uns zu. Sie hatte von einem Bekannten erfahren, dass der Zahnprophylaxe-Bedarf speziell bei Kindern in Einrichtungen für Geflüchtete groß sei und dass es dafür an vielem fehle. Daraufhin ergriff Frau Serke die Initiative und besprach mit meinem Chef, dem Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Herrn Professor Dr. Christof Dörfer, was man von Seiten der Klinik unternehmen könne. Sie hatte Sorge das Projekt alleine nicht stemmen zu können.

Prof. Dörfer hat die Idee dann gemeinsam mit einem weiteren Oberarzt und mir aufgegriffen. Zunächst fingen wir auf dem MFG5 Gelände an, Kinder in der Zahnprophylaxe zu unterrichten – mittlerweile sind auch die Kollegen aus der Wik auf Frau Serke aus der Fachschaft zugekommen, und wir konnten das Projekt erweitern.

 

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…sodass sich das Vorhaben inzwischen als richtiges Lehrprojekt etabliert hat.

Geiken: Das stimmt. Wir haben zunächst ein Pilotprojekt durchgeführt und gemerkt, dass es nicht nur eine gute Sache ist, sondern auch noch funktioniert: Das Projekt ist gewünscht, die Kinder haben Lust darauf und auch die Reaktionen der Eltern fielen positiv aus. Es gibt Möglichkeiten, Lehrprojekte finanzieren zu lassen – und  wir hatten großes Glück, dass unser Vorhaben an der medizinischen Fakultät anerkannt wurde. Mit der Mittelzusage für ein Jahr wollen wir jetzt richtig durchstarten.

Beim letzten Termin in der Wik haben wir den Kindern eine kleine Einheit angeboten, in der wir erklärt haben, wie ein Zahn aufgebaut ist. Anschließend haben wir gemeinsam mit den Kindern aus Knete einen kleinen Zahn modelliert – das fanden die Kinder richtig toll! Aber natürlich gibt es etliche Materialien, die wir für Aktionen wie diese finanzieren müssen, deshalb sind wir unheimlich froh über die zusätzlichen Mittel, die uns nun zur Verfügung stehen. Zum Beispiel für Knetmasse, Zahnpasta, Zahnbürsten, Kuscheltiere, Unterrichtsunterlagen oder Tapferkeitsbroschen für das gründliche Zähneputzen.

 

Wie groß sind denn die Studierendengruppen, mit denen Sie dort vor Ort sind?

Geiken: Das ist sehr unterschiedlich, die Teilnahme war bisher freiwillig. Bislang sind wir einmal im Monat in die Einrichtungen gefahren. Wer mitkommen konnte, hing immer auch davon ab, wie stark die Studenten im Studium eingebunden waren. Das Zahnmedizin-Studium läuft sehr verschult ab, in einigen Phasen bleibt kaum Luft für etwas anderes. Zum Ende des Sommersemesters waren sechs Studierende dabei, es waren aber durchaus auch schon einmal zehn oder elf.

 

Wie fällt denn das Feedback der Kinder selbst zu dem Projekt aus?

Geiken: Den Kindern gefällt es sehr gut. Wir haben mittlerweile einen Wiedererkennungswert, die Kinder kommen zu uns, sobald wir in der Einrichtung sind, umarmen uns und freuen sich, dass wir wieder da sind. Sie erzählen dann auch stolz, wenn sie beim Zahnarzt waren, der ihnen beispielsweise eine Füllung gelegt hat.

Durch ihre Geschichte freuen sie sich auf menschliche Nähe, das merkt man. Sie freuen sich, wenn jemand kommt und sich um sie kümmert, mit ihnen spielt. Vielleicht freuen sie sich auch, den Kontakt zu Deutschen zu haben, vor allem aber freuen sie sich, einmal aktiv spielen zu können, kindlich sein zu dürfen, auch Dinge geschenkt zu bekommen. Man hat das Gefühl, dass es für die Geflüchteten wie Balsam ist.

 

Und was sagen die Studierenden?

Geiken: Die sind ebenfalls begeistert, gerade weil sie sonst im Rahmen des Studiums kaum Kontakt zu Kindern haben. Das macht ihnen viel Spaß – so ist zumindest mein Eindruck.

 

Gab es bei der Umsetzung des Projektes denn auch Hürden oder Widerstände?

Geiken: In der Wik läuft es sehr gut. Die Frau unseres Übersetzers arbeitet dort als Sozialpädagogin und betreut die Geflüchteten. Die Kinder erhalten, bevor wir kommen, eine persönliche Einladung. Auf dem MFG 5 Gelände war es anfangs schwieriger und unübersichtlicher für uns. Die Einrichtung ist einfach sehr viel größer.

Das Gesundheitsamt der Stadt Kiel, das unser Projekt befürwortet, unterstützt uns beispielsweise mit Zahnbürsten und hat uns sehr geholfen. Gerade am Anfang, als wir Probleme damit hatten, Gelder zu akquirieren, war das sehr hilfreich. Inzwischen haben wir auch am UKSH einen guten Ansprechpartner, der uns unterstützt und sogar die Pressearbeit sowie das Marketing für das Projekt organisiert.

 

Gibt es vielleicht etwas, das sie anderen interkulturellen Projekten, Projekten mit Kindern oder Projekten mit Geflüchteten mit auf den Weg geben können?

Geiken: Sobald es um bürokratische Prozesse geht, dauert einfach alles sehr lange. In unserem Fall zum Beispiel als wir uns Gelder genehmigen lassen wollten. Zunächst fühlte sich niemand so richtig zuständig, man wird hin und her geschoben – und braucht einfach Geduld und Hartnäckigkeit.

Im Umgang mit den geflüchteten Kindern ist es außerdem wichtig, geduldig zu sein und zu verstehen, was die Kinder bereits hinter sich haben; dass sie schon mehr Dinge in ihrem Leben gesehen haben als wir. Außerdem ist es sicher wichtig, dass man selbst Spaß an der Sache hat, Vertrauen zu schaffen. Und mit der Freude der Kinder kommt langsam auch das Verständnis für die Inhalte auf. In einer solchen Atmosphäre sind die Kinder motiviert und merken, dass sie uns wiederum eine Freude machen, wenn sie mit weißen, blankgeputzten Zähnen zu uns kommen.

 

Und nun zum Ausblick. Wie wird es für das Prophylaxe-Projekt weitergehen?

Geiken: Wir möchten es in dieser Form auf jeden Fall noch ein Jahr lang weiterführen, natürlich gern langfristiger. Aber nach einem Jahr, für das die Finanzierung nun steht, müssen wir wieder darauf schauen, inwiefern es weiterhin Bedarf gibt.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

2 Gedanken zu „Zahnprophylaxe für geflüchtete Kinder

  1. Zahnpflege ist ein unglaublich wichtiges Thema. Es kann nicht früh genug damit angefangen werden, die Bedeutung zu vermitteln.
    Vorallem vor dem Hintergrund, dass es einfache Methoden gibt die Zähne zu reinigen und das auch nachhaltig auf die gesamte Gesundheit wirkt.

    Daher: Hut ab und weiter so 🙂

    beste Grüße

  2. Vielen Dank für den tollen Beitrag. Gut zu wissen, dass man die geflüchteten Personen auch medizinisch betreut. Ich denke, dass die Prophylaxe und die damit entstehende Zahnpflege für die Zukunft wichtig sein kann.

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