Alle Artikel von Blogmoderatorin Antonia Stahl

Studierende machten sich für Wahlbeteiligung stark

Wie können junge Menschen motiviert werden, ein aktiver Teil der Gesellschaft zu werden und wählen zu gehen? Diese Frage stellte sich Dr. Christian Meyer-Heidemann, der Landesbeauftragte für politische Bildung, bereits im Jahr 2011. Eine seiner Antworten: Das Projekt „Jung und Wählerisch“, das seit 2012 rund 10.575 Schülerinnen und Schüler mit Studierenden zusammengebracht und einen Dialog über politische Teilhabe angestoßen hat. Vom 22. April bis zum 24. Mai 2019 waren studentische Projektteilnehmende in Berufsschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien in ganz Schleswig-Holstein unterwegs, um mit 1800 Schülerinnen und Schülern über die Europawahl zu sprechen – und haben dabei selbst viel gelernt. Ein Rückblick.

Text: Mirjam Michel, Studentin

 

 

Schon zum 7. Mal hat das Projekt in diesem jahr stattgefunden. Die Europawahl erschien vielen jedoch nicht wie irgendeine Wahl. Für viele war es die Schicksalswahl, die über Europas Zukunft entscheiden sollte. Auch für Stefan Mehrens, der zum dritten Mal als Teamer in dem Projekt aktiv war, war es eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres. Der 25-jährige hatte gerade sein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte beendet, seit 2016 engagiert er sich bei den Jungen Europäischen Föderalisten, einem überparteilichen pro-europäischen Verband: „Nach dem Brexit habe ich mir gedacht: ‚So kann es doch nicht weitergehen mit Europa!‘ Generell erleben wir in der Politik eine Entwicklung, die mir gegen den Strich geht. Jeder, der sich engagieren kann, sollte sich auch engagieren. Die Demokratie lebt von Menschen, die diese Demokratie gestalten. Und wenn die Mehrheit der Demokraten sich nicht engagiert, überlassen wir das Feld den Populisten und Nationalisten.“ Mehrens freut sich, dass er auch dieses Jahr wieder bei dem Projekt dabei sein konnte, um Schülerinnen und Schüler an das Thema ‚Politik‘ heranzuführen und sie zum Wählen zu motivieren.

Vorbereitung: Argumentationshilfen und methodische Tipps

Damit die Studierenden auf den Dialog mit den Schülerinnen und Schülern gut vorbereitet sind, finden vor jedem Projektdurchlauf Einführungsworkshops statt. Je nachdem, welche Wahl gerade stattfindet, erhalten die Studierenden dort inhaltlichen Input. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf dem thema EU-Politik. Im ersten Workshop erhielten die Studierenden zunächst einen Einblick in die Funktionsweise der EU und den Ablauf der EU-Parlamentswahl. Im Anschluss ging es um Argumentationen gegen EU-Skepsis und EU-Mythen. In Form einer Debatte übten die Studierenden, wie es sich anfühlt, für oder gegen die EU zu argumentieren. Wie reagiert mein Gegenüber? Wie kann ich argumentieren, ohne die Gegenseite persönlich anzugreifen, aber trotzdem bestimmt eine Position vertreten? Für Mehrens war das eine gute Übung, aber auch eine echte Herausforderung. „Es hat mich überrascht, wie einfach es ist, die Europäische Union und generell das politische Establishment durch den Kakao zu ziehen. Und wie schwierig es ist, als Demokrat mit sachlichen Argumenten dagegen anzugehen“, erzählt er.

Nach einer Kaffeepause ging es an die Wahlkampfthemen. Um auch Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworten und Impulse geben zu können, brauchten die Studierenden ein Überblickswissen über die Themen der Europawahl. Dazu erarbeiteten sie in Kleingruppen, welche Themenschwerpunkte die Parteien in ihren Wahlprogrammen setzten. Danach präsentierte jede Gruppe die jeweiligen Aspekte aus den Programmen an einer Pinnwand, sodass sich langsam ein Gesamtbild ergab. Welche Partei steht für welche Inhalte ein? Welche Ziele verfolgen die Parteien für Europa? Welche Wahlversprechen machten Sie?

Offen diskutieren statt missionieren

Betont wurde aber auch, dass die Studierenden parteipolitisch unabhängig bleiben sollen. Das Ziel des Projektes ist, Erstwählerinnen und Erstwähler davon zu überzeugen, wählen zu gehen, und nicht, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. „Es geht darum, dass die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, offen zu diskutieren und auch kritische Anmerkungen zu machen – und das ohne Leistungsbewertung. Mir ist wichtig, dass wir mit dem gesamten Projekt nicht in irgendeiner Weise missionieren“, erklärt Meyer-Heidemann.

Im zweiten Vorbereitungsworkshop ging es um die Lehr-/Lernmethoden. Dieser Teil war essenziell für einen reibungslosen Projekt-Ablauf an den Schulen, denn für einige Studierende war es eine völlig neue Erfahrung, vor einer Gruppe von Schülerinnen und Schüler zu stehen. Wieder fanden sich die Studierenden in Kleingruppen zusammen, um sich verschiedene Vermittlungsmethoden zu erarbeiten und diese anschließend einander vorzustellen. Dazu lagen Materialien mit Ideensammlungen zu verschiedenen Vermittlungsmethoden vor. Aber auch eigene Ideen konnten eingebracht werden. Im darauffolgenden Austausch hatten die Studierenden Gelegenheit, sich gegenseitig Tipps zu geben. Welche Methode hat sich in den letzten Jahren besonders bei den Schülerinnen und Schülern bewährt? Für welche Schülergruppe eignet sich welche Methode am besten? Welche Vor- und Nachteile bringen die verschiedenen Methoden mit sich?

Zu guter Letzt wurden die Studierenden auf die 70 Schulveranstaltungen verteilt. Jeweils drei Studierende, in wechselnden Teams, hielten bis zu 3 Workshops à 90 Minuten an einer Schule. Eine Person aus dem Team nahm nach Absprache Kontakt auf zu den zuständigen Lehrkräften auf, damit sich das Team optimal auf die jeweilige Klasse vorbereiten und den Input individuell anpassen konnte. „Das A und O ist, sich zu treffen und sich gut abzusprechen, wie man vorgehen will. Dann läuft es auch reibungslos“, verriet Katrin Schumacher. Die 26-Jährige studiert Wirtschaft/Politik und Englisch auf Lehramt und war zum zweiten Mal bei dem Projekt dabei. Für sie war es eine wertvolle Erfahrung, die ihr neue Einblicke in die Welt der Schule ermöglicht hat: „Es ist spannend in unterschiedlichen Konstellationen mit verschiedenen Persönlichkeiten zusammen zu arbeiten. Einige sind lebhafter als andere. Um sich als Lehrerpersönlichkeit zu finden, ist es interessant auch mal andere Leute in Action zu sehen, die teilweise nichts mit Lehramt zu tun haben. Die haben häufig einen anderen Blick darauf, wie wir den Schülerinnen und Schülern Politik vermitteln können. Von manchen habe ich gelernt, mehr aus mir rauszugehen und lockerer zu sein. Von anderen habe ich viel inhaltlich mitgenommen. Die waren sehr im Thema und hatten Expertenwissen.“

Positionen aushandeln und Demokratie lernen – jenseits der Benotung

Für Meyer-Heidemann ist das Projekt auch ein Versuch, unterschiedliche Lebenswelten zusammenzubringen. „Ich habe das Gefühl, dass es einigen Teamern, die sich sonst in gymnasialen Welten bewegt haben, gutgetan hat, auch mal in eine Flex-Klasse zu schauen. Das sind Schülerinnen und Schüler, die ohne Schulabschluss abgegangen sind und sich jetzt auf eine Berufsausbildung vorbereiten.“ Besonders der geringe Altersunterschied der Teamerinnen und Teamer wirke sich positiv im Projekt aus, so der Landesbeauftragte. „Für die Schülerinnen und Schüler ist es eine Chance, so dass sie weniger Hemmungen haben, Fragen zu stellen. Es ist also eine Win-Win-Situation.“

Im Anschluss an jeden Dialog mit den Schülerinnen und Schülern können diese den Studierenden noch ein Feedback geben in Form eines Fragenbogens oder auch direkt. Hier zeigte sich, dass viele begeistert waren von der interaktiven Herangehensweise der jungen Teamer. „Das Schöne in unseren Workshops ist, dass die Schülerinnen und Schüler in Bewegung kommen“, sagt Schumacher. Besonders beliebt bei den Teamern und den Schülerinnen und Schülern ist die Positionslinie. „Die Positionslinie bedeutet, dass sich die Schüler im Klassenraum allgemein zu einem EU-Thema, einer These oder einem Wahlgrundsatz innerhalb des Klassenraums positionieren sollen. Dass du dich als Teamer auch teilweise in andere Positionen reinversetzen musst, um die Debatte zu beleben, hat mir sehr viel Spaß gebracht“, erzählt Mehrens. Auch für Schumacher ist es ein persönlicher Favorit: „Ich mag die Positionslinie gern, weil du da räumlich und visuell ein Meinungsspektrum aufzeigst. Du schaffst einen Raum, in dem sich die Schülerinnen und Schüler bewegen können. Über die verschiedenen Positionen kommen sie ins Gespräch, können so miteinander aushandeln und ihre Position verändern. Auch im politischen Diskurs ändern wir unsere Meinung, wenn wir neue Argumentationsstränge, neue Aspekte zu einem Thema hören. Es zeigt, dass Nicht-Festgefahren-Sein von Politik“, erklärt Schumacher.

Sowohl Mehrens als auch Schumacher ziehen rückblickend ein positives Fazit aus dem Projekt. „Ich glaube, ich bin besser darin geworden, Diskussionen zu leiten. Es ist wichtig, die Schülerinnen und Schüler auch diskutieren zu lassen und nicht immer einzugreifen. Als Lehrkraft in der Schule hast du oft das Gefühl, dass du die ganze Zeit die Diskussion anleiten musst. Aber so sollte es nicht sein. Du solltest moderieren, aber die Schülerinnen und Schüler sollten im Mittelpunkt stehen und miteinander sprechen und nicht nur mit dir als Teamer oder Lehrperson. Ich habe auch gelernt, dass jede Schülergruppe anders ist. Auf jeder Gruppe musst du dich wieder neu einstellen“, sagt Schumacher. Auch Mehrens hat es gezeigt wie wichtig es ist, sich neben dem Studium zu engagieren: „Ich bin gerade im Bewerbungsprozess und merke, dass die Fähigkeiten aus dem Studium allein nicht reichen. Vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich sind ehrenamtliche Erfahrungen sehr nützlich, weil du dadurch zusätzliche Fähigkeiten erlernst. Außerdem zeigt es dir ehrenamtliches Engagement noch andere Anwendungsmöglichkeiten des Studiums auf. Als ich angefangen habe zu studieren, habe ich nicht daran gedacht in der politischen Bildung aktiv zu werden. Das ist jetzt aber der Bereich, in dem ich gerne aktiv bin, weil ich erkannt habe, dass es mir Spaß bringt. Ich merke auch, dass es mich persönlich weiterbringt, weil ich so etwas bewegen kann.“

Weitere Informationen zu „jung & wählerisch“ und anderen Projekten des Landesbeauftragten für politische Bildung gibt es unter

 

Auch interessant: Interview mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung.

 

 

Qualitative Forschung im Fokus

Laut Veranstaltungshomepage ist das Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung mit insgesamt circa 500 Beteiligten die größte Jahresveranstaltung zu qualitativen Forschungsmethoden im deutschsprachigen Raum. Im Juli 2019 hat die Tagung bereits zum 15. Mal stattgefunden. Ab sofort ist neben einer ausführlichen Veranstaltungsdokumentation mit Postern, Vorträgen und Powerpointpräsentationen auch ein liebevoll gestaltetes Video mit Veranstaltungsimpressionen online abrufbar. Speziell für Lehrende und Promovierende, aber auch für Studierende, die mit qualitativen Forschungsmethoden in Berührung kommen, lohnt es sich, einmal tiefer in diesen reichen Materialfundus einzutauchen.

Video

Neben dem Kurzfilm mit allgemeinen Veranstaltungsimpressionen stehen auf der Homepage zum Berliner Methodentreffen auch Videoaufzeichnungen ganzer Vorträge zur Verfügung:

 

Vortragstexte

Viele der Vorlesungs- und Vortragstexte sind dort ebenfalls abrufbar.

 

Postersession

Ein Grossteil der Beiträge aus der Postersession stehen zudem im PDF-Format zur Verfügung.

Übrigens: Das 16. Berliner Methodentreffen findet am 24. und 25. Juli 2020 statt. Weitere Informationen: 
www.berliner-methodentreffen.de/news/Termin_BMT16.html.

Wie in jedem Jahr wird es auch 2020 für alle Teilnehmenden wieder die Möglichkeit geben, eigene Daten mitzubringen und Methoden vor Ort in Workshops selbst auszuprobieren. Außerdem lädt die Veranstaltung dazu ein, Autor_innen, Verlage und Expert_innen der qualitativen Forschung persönlich kennenzulernen.

 

Winter School KlassifikatoR

Während der interdisziplinären Winter School KlassifikatoR erarbeiten sich die Teilnehmenden grundlegende Kenntnisse zu vier Varianten der Clusteranalyse. Der Kurs ist darauf ausgelegt, Studierende, Promovierende und Lehrende aller Archäologien, der Informatik, der Pädagogik und anderer Fächer zusammenzubringen. Das Besondere: Die Lehrenden werden zwar die notwendigen Informationen, jedoch kein Kursmaterial für die Teilnehmenden bereitstellen. Nach dem Motto „Lernen durch Lehren“ wird es stattdessen die Aufgabe der Kursteilnehmenden selbst sein, Lehr- und Lerninhalte in Form von Tutorials zu erstellen. Interessierte können sich noch bis zum 31. Dezember 2019 zu dem Kurs anmelden.

Klassifikationsmethoden spielen in vielen Disziplinen eine zentrale Rolle. Die Teilnehmenden der Winter School KlassifikatoR (09.03.2020 bis 12.03.2020) konzipieren neue E-Learning-Lehreinheiten für das Selbststudium im Bereich Archäoinformatik. Im heterogenen Umfeld werden dabei in Teamarbeit zunächst Kompetenzen innerhalb der Statistik, Didaktik und Archäoinformatik erworben, um anschließend in einer Synthesephase in der vorgegebenen Programmierumgebung ‚R‘ die erworbenen Fertigkeiten mit einem archäologischen Datensatz zusammen praktisch umzusetzen.

Dadurch, dass die Kursteilnehmenden das Kursmaterial selbst als Tutorial zusammenstellen, vertiefen sie die Inhalte und erlangen durch den Perspektivwechsel von Lernenden zu Lehrenden einen differenzierten Blick auf das Thema. Zugleich können die entstehenden Tutorials auch die zukünftige Lehre beeinflussen. Von diesem Experiment erwarten die Lehrenden Oliver Nakoinz (Kiel) und Sophie Schmidt (Köln) einen nachhaltigeren Lerneffekt als von traditionellen Ansätzen. Eigene Daten der Teilnehmer sind für Fallstudien willkommen.

Grundkenntnisse in R werden erwartet. Der Kurs wendet sich an Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Postdocs. Die Plätze sind begrenzt. Bewerbungen mit einem kurzen Motivationsschreiben und der ausdrücklichen Nennung von zwei Clusterverfahren, die thematisiert werden sollen, bitte bis zum 31.12.2019 an: mod@gshdl.uni-kiel.de.

Weitere Informationen unter https://gitlab.com/oliver.nakoinz/klassifikator#winter-school-klassifikator

Inklusion & Hochschule

Bundesweit gehört die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) zu den wenigen Universitäten mit einem eigenen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Dass dieser Plan inzwischen seit vier Jahren an der CAU umgesetzt wird, ist Anlass für einen Gastvortrag über die Förderung von Inklusion und deren Bedeutung für die Hochschulen in Deutschland – am Donnerstag, 28. November 2019.

Interessierte werden um eine verbindliche Voranmeldung gebeten.

 

 

Kontakt

Kathrin Houda
Referentin der Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten, Internationales und Diversität
Telefon: 0431/880-7544

www.diversitaet.uni-kiel.de

Offenheit als didaktisches Konzept in der Hochschullehre

Dass es sich bei Open Educational Resources (OER) um Lehr- und Lernmaterialien handelt, die im Internet frei zur Verfügung stehen, ist rasch erklärt. Doch freie Lizenzen sind im Zusammenhang mit OER nur ein wesentlicher Aspekt von vielen. In der fünften Kurzdokumentation der Serie „Impulse – Videos zu aktuellen Themen der Hochschullehre“ des Projekts erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) erfahren Sie, warum mit freien Bildungsmaterialien auch eine andere Lehrpraxis und eine besondere Haltung der Lehrperson einhergehen.

 

 

 

Dieses Video steht Ihnen über den Videoserver der CAU in drei
unterschiedlichen Qualitätsstufen zum Download  zur Verfügung:

OER-Video FullHD (1080p) | OER-Video HD (720p) | OER-Video (480p)

 

Weiterführende Informationen zum Thema OER

  • Zurzeit entsteht unter Federführung des zentralen eLearning Services der CAU eine große OER-Plattform für Unterrichts-, Lehr- und Lernmaterialien. Ihr Ansprechpartner für die Produktion und Veröffentlichung von Open Educational Resources an der CAU ist: Roman Adler; Kontakt: adler@rz.uni-kiel.de

 

Beispiele für OER-Projekte

„ABC-Learning“: Lehre gemeinsam gestalten

Das „Arena Blended Connected Learning Design“* – kurz ABC-Learning – ist ein praktischer Ansatz zur gemeinschaftlichen Entwicklung und Weiterentwicklung von Lehrveranstaltungen. In nur 90 Minuten gestalten Teilnehmende eines ABC-Gestaltungsprozesses einen Ablaufplan für eine Lehrveranstaltung.

ABC-Materialien (zum Download der Materialien s. rechts).

Schritt für Schritt legen die Teilnehmenden die wesentlichen On- und Offline-Lernaktivitäten für eine Lehrveranstaltung fest und bringen diese mit den Lernzielen der Veranstaltung in Einklang. Dieser Prozess profitiert von der Perspektivvielfalt der Gruppe, deren Mitglieder idealerweise aus unterschiedlichen Fachkulturen kommen und sowohl die Lehrenden- als auch die Lernendenperspektive mit einbringen können.

Damit ein Planungsprozess auf Basis ABC-Learning-Design-Konzeptes in der Kürze der vorgegebenen Zeit gelingt, ist es wichtig, dass die Teammitglieder im Prozess fokussiert bleiben, sich nicht in Diskussionen über Einzelaspekte verstricken. Ziel ist es ausdrücklich nicht, ein in allen Details perfekt ausgearbeitetes Lehr-Lern-Konzept für eine Veranstaltung zu erstellen. Stattdessen geht es darum, einen Ablaufplan zu entwerfen, der vor allem die wesentlichen Elemente der Seminar-, Workshop- oder Vorlesungsgestaltung enthält. Nach der kollaborativen Arbeitsphase können die Teilnehmenden die Impulse später detaillierter ausarbeiten, umsetzen und bei Bedarf auch in Einzelberatungen wieder aufgreifen.

Ablauf

Am Tag der Lehre des Projekts erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel fanden am 8. November 2019 ABC-Learning-Workshops zu vier unterschiedlichen Schwerpunkten statt:

  • Lehre mit Praxispartnern
  • interdisziplinäre Lehre
  • forschungsbasierte Lehre
  • studentisch angeleitete Lehre

 

Nach einer Vorstellungsrunde führte ein Kurzvortrag die Teilnehmenden ins jeweilige Thema ein und erklärte die ABC-Learning-Materialien (s. Sidebar rechts).

 

 

Anschließend erlebten die Workshop-Teilnehmenden einen ABC-Designprozess. Zu diesem Zweck fanden sie sich zunächst zu kleinen Gruppen á zwei bis vier Personen zusammen, um den Prozess – nach straffem Zeitplan – beispielhaft zu durchlaufen:

  • Schritt 1: Veranstaltungsüberblick (15 min)
    • Auswahl Lehrveranstaltung: Gruppe verständigt sich auf Lehrveranstaltung, die eines der Mitglieder aktuell tatsächlich plant und im Folgenden bearbeitet werden soll.
    • Rahmenbedingungen der LV stichpunktartig klären (z.B. Umfang/Zeiten usw.)
    • Lernziel der Veranstaltung wird benannt und schriftlich festgehalten
    • Lernformate in der geplanten Häufigkeit werden eingezeichnet
  • Schritt 2a: Lernformate festlegen (20 min)
    • Auswahl & Zuordnung der passenden Lernformatkarten (s. Sidebar/rechte Spalte) für die Lehrveranstaltung
    • Die Karten werden auf dem Ablaufplan ausgelegt dazu folgende Leitfragen beantwortet:
      • Was machen Ihre Studierenden im Idealfall?
      • Wozu sollen die Studierenden das tun?
  • Schritt 2b: Auswahl Lernaktivitäten (15 min)
    • Die Karten werden umgedreht und konkrete Lernaktivitäten ausgewählt und / oder weitere Aktivitäten auf den Karten ergänzt.
    • Leitfragen:
      • Womit erreichen Ihre Studierenden die Lernziele?
      • Welche Aktivitäten wollen Sie den Studierenden anbieten?
  • Schritt 3: Auswahl Prüfungsformat (2 min)
    • Prüfungsformat markieren, das/die vorab festgelegte Lernziel abfragen
  • Schritt 4: Abgleich „Veranstaltungsüberblick“ (5 min)
    • Der Ablaufplan wird mit dem anfänglichen „Veranstaltungsüberblick“ verglichen und ggf. angepasst
  • Schritt 5: Meine nächsten Schritte (5 min)
    • Was nimmt jede(r) für sich aus dem Prozess mit?
    • Was brauche ich um mit dem Ablaufplan weiter arbeiten zu können/ diesen umzusetzen?
    • Wer kann mich dabei unterstützen?

 

*Adapted from ABC workshop resources, ABC Learning Design, UCL. By Clive Young and Nataša Perović.
Available at http://blogs.ucl.ac.uk/abc-ld (Übersetzung in Anlehnung an Philipps-Universität Marburg)

 

 

 

 

Was heißt hier gute Lehre?

Alle wollen gute Lehre. Aber was genau ist damit eigentlich gemeint? Auf dem Campus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat die Studentin Mirjam Michel Kommiliton_innen zum Thema befragt – und überraschend vielfältige Antworten erhalten. In der vierten Folge unserer Serie „Was heißt hier gute Lehre?“ spricht sie mit einem Mathematik-Studenten.

Text & Bild: Mirjam Michel (Studentin/PerLe)

Mike Sebastian Parucha, 27 Jahre, Mathematik (M.Sc.).

 

 Was macht für dich gute Lehre aus?

Mike Sebastian Parucha: Für mich ist es gute Lehre, wenn ich verstehe worum es geht. Wichtig ist auch ein angenehmes Lernklima im Unterrichtssaal, nicht nur was die Beziehung zwischen den Dozierenden und den Studierenden angeht, sondern auch die Beziehung zwischen den Studierenden. Es sollte ruhig sein, solange der Dozent spricht oder etwas erklärt wird, sodass keine störenden Geräusche den Unterrichtsverlauf stören. Auch ein bisschen Spaß und Freunde seitens des Lehrenden und der Studierenden gehört für mich dazu.

 

Welche Lehrveranstaltung hat dir in diesem Semester oder allgemein besonders gefallen und warum?

Mike Sebastian Parucha: Mir hat die Vorlesung zur ‚Geometrie von Markov-Prozessen‘ im 5. Fachsemester gut gefallen. Das lag vor allem an der Art und Weise, wie der Dozent unterrichtet hat. Er ist den Stoff schnell durchgegangen, aber nicht zu schnell. Die Vorlesung war einfach gestaltet, aber nicht zu einfach. So hat er es geschafft, uns Studierende zum Nachdenken anzuregen. Mir war er auch besonders sympathisch, weil er noch jung war.

 

Was ist für dich eine gute Dozentin oder ein guter Dozent?

Mike Sebastian Parucha: Ein guter Dozent ist für mich einer, der gut vorbereitet ist, was den Stoff angeht. Gut finde ich zudem, wenn die Dozentin oder der Dozent auf die Fragen der Studierenden eingeht. Es ist super, wenn der Dozent den Stoff in der Zeit schafft, die er sich vorgenommen hat. Dies sollte aber nicht um jeden Preis geschehen. Wichtiger ist, dass die Studierenden verstehen, worum es geht.

Schreiben, Lesen und Recherche mit BEAT

Das Qualifizierungsprogramm für Tutor_innen, BEAT – BE A TUTOR, bietet zusätzliche Aufbauseminare zu den Themen wissenschaftliches Schreiben, Lesen und Recherchieren an. Diese Seminare richten sich an Studierende mit Lehraufgaben aus allen Fachbereichen – eine Anmeldung ist ab sofort möglich.

 

Grundlagen der Vermittlung wissenschaftlichen Schreibens

Termin: 30. Oktober 2019, 13.00 – 17.00 Uhr (4 AE)
Ort: Koboldstraße 4, Raum 3.11, 24105 Kiel
Dozent_in: Dr. Julia Müller / Dr. Lisa Jeschke
Anmeldung bis: Mo. 28. Oktober 2019 bei Julia Müller (jmueller@uv.uni-kiel.de)

 

Feedback-Methoden für peer-geleitete Schreibberatung

Termin: 20. November 2019, 13.00 – 17.00 Uhr (4 AE)
Ort: Koboldstraße 4, Raum 3.11, 24105 Kiel
Dozent_in: Fridrun Freise
Anmeldung bis: Mi. 13. November 2019 bei Melanie Greinert (m.greinert@uv.uni-kiel.de)

 

Lesen & Textreproduktion verstehen und vermitteln

Termin: 11. Dezember 2019, 13.00 Uhr – 17.00 Uhr (4 AE)
Ort: Koboldstraße 4, Raum 3.11, 24105 Kiel
Dozent_in: Dr. Melanie Greinert / Dr. Lisa Jeschke
Anmeldung bis: Mi., 4. Dezember 2019 bei Melanie Greinert (m.greinert@uv.uni-kiel.de)

 

Grundlagen der Literaturrecherche erarbeiten und lehren

Termin: 6. November 2019, 13.00 – 17.00 Uhr (4 AE)
Ort: Universitätsbibliothek Kiel, Leibnizstraße 9, 24118 Kiel, Seminarraum 2
Dozent_in: Andrea Fleischer / Dr. Melanie Greinert
Anmeldung bis: Mi. 30. Oktober 2019 bei Melanie Greinert (m.greinert@uv.uni-kiel.de)

 

Umgang mit der Literaturverwaltung

Termin: 4. Dezember 2019, 13.00 – 17.00 Uhr (4 AE)
Ort: Universitätsbibliothek Kiel, Leibnizstraße 9, 24118 Kiel, Seminarraum 2
Dozent_in: Oliver Weiner / Dr. Melanie Greinert
Anmeldung bis: Mi. 27. November 2019 bei Melanie Greinert (m.greinert@uv.uni-kiel.de)

 

 

Was heißt hier gute Lehre?

Alle wollen gute Lehre. Aber was genau soll das heißen? Auf dem Campus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat die Studentin Mirjam Michel Kommiliton_innen zum Thema befragt – und überraschend vielfältige Antworten erhalten. In der dritten Folge unserer Serie „Was heißt hier gute Lehre?“ spricht sie mit drei Studierenden der Psychologie.

Interview & Foto: Mirjam Michel (Studentin/PerLe)

Gianluca Lamberti, (23), 8. Semester, Melina Häckel, (24) 6. Semester, Max Klähn, (24), 8. Semester (v.l.n.r.), Studierende der Psychologie.

 

Was macht für Euch gute Lehre aus?

Melina: Vernünftige Didaktik. Gianluca und ich sind beide aus unserem Auslandssemester in Finnland verwöhnt. Dort gibt es eine gute Didaktik, so dass du selbst anfängst kritisch zu reflektieren, was dir beigebracht wurde, statt nur auswendig zu lernen. Du wirst auch dazu angehalten, mal zu überlegen, ob das Gelernte Sinn macht, und dem vielleicht auch zu widersprechen. Das ist für mich gute Lehre. Wichtig ist auch, dass sich die Lehrenden wirklich Mühe geben, den Stoff aufzubereiten, so dass er verständlich wird.

Gianluca: Und dass die Lehrperson selbst begeistert ist, von dem was sie oder er macht.

Max: Ich finde eine Verbindung aus Forschung, Praxis und Lehre gut. Wenn Lehrende Dinge erforschen, die sie in der Praxis einsetzen und darauf aufbauende Lehre machen, gerade in angewandten Fächern wie Psychologie oder Medizin. Für uns als Studierende ist es gut, wenn wir merken, dass Lehrende sowohl an der Universität als auch in anderen Bereichen arbeiten. Das zeigt, dass es nicht getrennte Systeme sind – nach dem Motto: Hier ist die Universität als eigener Subkosmos und da ist die Welt da draußen. Was in der Forschung untersucht wird, ist auch wichtig für die Arbeit in der Praxis und umgekehrt. Diese Verbindung sollte auch in Lehrveranstaltungen ersichtlich werden.

Melina: Es wäre toll, wenn wir im Studium mehr Zeit hätten zu lernen, etwas auch in der Praxis anzuwenden. Ich habe jetzt im 6. Semester zum ersten Mal etwas über therapeutische Gesprächsführung gelernt, was ich mir wesentlich früher gewünscht hätte. Im Grundstudium hatten wir sehr viele Basisfächer. Vieles brauchen wir nicht unbedingt für die Praxis. Es gibt vieles, wo wir nicht genau wissen, wie der Praxisbezug ist und was wir ohne Bedenken anwendenn können.

Max: Also ich finde die Grundlagen als Basis trotzdem wichtig.

Melina: Und ich glaube, es wäre gut, den Stoff zu reduzieren und noch einmal genau zu prüfen, was die Studierenden wirklich brauchen. Einige der Inhalte könnten daraufhin vielleicht optional angeboten werden statt verpflichtend.

Max: Ich finde es cool, wenn Begeisterung seitens der Dozentinnen und Dozenten da ist und du merkst die brennen für etwas. Du merkst auch in der Vorlesung den Unterschied, ob etwas abgehandelt werden muss oder ob die Dozentin oder der Dozent wirklich von dem Thema begeistert ist. Das kommt dann ganz anders rüber.

 

Welche Lehrveranstaltung hat Euch in diesem Semester oder allgemein besonders gefallen und warum?

Gianluca: Mir hat die Vorlesung in Klinischer Psychologie bei Anja Petersen sehr gut gefallen, weil sie eine sehr gute Professorin ist. Sie baut Themen interessant und studierendenfreundlich auf. Sie regt dazu an, weiterzudenken. Gleichzeitig geht sie sehr sensibel und auf eine sehr menschliche Art und Weise mit dem Thema um – es geht in der Vorlesung um psychische Störungen – statt uns nur wissenschaftliche Fakten zum Thema zu präsentieren, die wir auswendig lernen müssen.

Melina: Mir gefällt allgemein der Bereich Klinische Psychologie gut, weil die Dozentinnen und Dozenten dort sehr viel Ahnung von Lehre haben, weil sie nah dran sind. Zum Beispiel hatte ich ein Seminar zum Thema Störung von Emotionen bei Sandra Thiele. Das ist ein Seminar, wo wir durchgehen, welche Störungsgruppen es gibt. Wir behandeln auch, welche Interventionen bei diesen Störungen gut sind. Zusätzlich machen wir eine kleine Expositionstherapie, wo wir in Kleingruppen selbst eine therapeutische Gesprächsführung und eine Expositionstherapie durchführen, sowohl in der Rolle des Therapeuten als auch in der Rolle des Klienten. Das war meine Lieblingsveranstaltung. Die Dozentin hat es didaktisch sehr gut aufbereitet und sie hat das Thema gut rübergebracht. Obwohl sie sehr jung ist, ist sie sehr gut im Thema, sodass alle sie respektiert haben und nie jemand gestört hat. Durch ihre Art und ihr Alter war sie sehr nah dran an den Studierenden.

Max: Ich hatte auch mehrere Seminare bei ihr, zum Beispiel das Seminar Angststörung bei Kindern und Jugendlichen. Mir gefällt die Lehrform gut, die veranstaltung war wie ein interaktiver Frontalunterricht gestaltet. Ein Leitfaden wird vorgegeben, aber innerhalb dessen werden viele Fragen eingebaut, du kannst dich melden und du kannst mehr Fragen stellen als im Rahmen einer Vorlesung. Trotzdem ist die Veranstaltung strukturiert. Ähnlich ist es in dem Seminar von Simone Goebel. Ich habe bei ihr das Seminar zur Klinischen Neuropsychologie besucht, wo wir sowohl viele Grundlagen gelernt haben, was das Gehirn angeht, als auch angewandte Praxisbeispiele. Das Dritte, was mir als sehr positives Beispiel einfällt, ist das Seminar Aussagepsychologie bei Günter Köhnken. Er hat 30 Jahre Praxiserfahrung in Forschung, Lehre und Praxis. Er hat sehr viel geforscht zu Themen, die er praktisch auch angewendet hat. Zudem hat er Erfahrungen in vielen praktischen Bereichen und ist immer neben der Universität freiberuflich tätig gewesen.

 

Was ist für dich eine gute Dozentin oder ein guter Dozent?

Gianluca: Ich fand es immer positiv, wenn sowohl Theorie als auch Praxiserfahrung vorhanden waren. Du merkst den Unterschied zwischen Dozierenden, die die Unilaufbahn durchlebt haben und nur an der Uni geforscht haben und Lehrenden, die mal im Feld gearbeitet haben. Die Dozentinnen und Dozenten, die auch außerhalb geforscht haben, bringen häufig mehr Erfahrungen mit.

Melina: Mir fällt noch Julian Keil ein, aus dem Bereich Biologische Psychologie. Er ist zwar nur in der Forschung tätig, aber mit Leidenschaft und Begeisterung. Er ist sehr gut darin, eine Vorlesung zu strukturieren, immer mit Lernfragen am Anfang und mit einer Gliederung, die wir durcharbeiten. Ansonsten finde ich Franziska Klemens gut. Sie hat auch in skandinavischen Ländern studiert und hat dementsprechend den Lehrspirit von da zum Teil übernommen. Sie duzt alle Studierenden und alle Studierenden duzen sie, was ich in dem Rahmen völlig in Ordnung finde. Sie geht auch sehr auf Fragen ein. Du merkst, dass sie wirklich Lust hat, mit den Studierenden zu interagieren. Es ist für sie nicht nur ein Nebeneffekt vom Forschen an der Universität, wo du auch Lehre machen musst. Bei beiden merkst du, dass sie wirklich gerne lehren.

 

Ethik first

Ärzte und Ärztinnen sehen sich regelmäßig mit ethischen Problemen im Berufsalltag konfrontiert. Um Studierende für ethisch heikle Situationen zu schulen und ihnen den Eintritt in die Klinik zu erleichtern, gibt es das Projekt „Ethik First”. Die Mit-Initiatorinnen Dr. Annette Rogge und Laura Lunden erzählen, wie es zur Gründung kam und wie ihre Visionen für die Zukunft des Projekts aussehen.

Text: Rebecca Such (Studentin/PerLe)

Quelle: unsplash.com/Hush Naidoo

 

Mit der Famulatur, dem ärztlichen Praktikum, beginnt nach zwei Jahren Pauken im Hörsaal der Eintritt in die Klinik. Angehende Mediziner_innen kommen meistens mit hohen ethischen Ansprüchen aus dem Studium, die im Berufsalltag nun erstmals auf die Probe gestellt werden. Hinzu kommt, dass sie in der straffen Klinik-Hierarchie weit unten stehen und nicht die beste Position haben, um eingreifen zu können.

Laura Lunden, mittlerweile in ihrem Praktischen Jahr, erlebte so eine Situation während einer Famulatur in einem auswärtigen Krankenhaus: Eine Patientin mit Krebs im Endstadium wurde gegen eigenen Willen zu einer Operation überredet, vor der sie Angst hatte und deren Sinn sich mehreren Mitarbeiter_innen im Team nicht erschloss. „Aus meiner Sicht wurde im Wissen der Ärzte falsch gehandelt,“ erzählt Laura. Über Gründe, die Operation letztendlich durchzuführen, lässt sich nur spekulieren: Möglicherweise bestand die Angst vor juristischen Konsequenzen, die Operation war finanziell motiviert oder der Leitung bangte es bei dem Gedanken, mit der Patientin über das Unausweichliche zu sprechen. Dr. Annette Rogge, Oberärztin am UKSH, stieß als Berufsanfängerin und im Laufe ihrer Karriere auf ähnliche Probleme, was sie unter anderem zum Anlass nahm, im Wintersemester 2017/18 das Projekt „Ethik first“ zu gründen.

Monatlich treffen sich interessierte Studierende unter Rogges Leitung und besprechen in Kleingruppen Alltagssituationen aus der Klinik. „Große Fälle zum Beispiel aus der Transplantations- und Neonatalmedizin sind seltener Thema,“ so Rogge. „Wenn man ein Auge dafür hat, was ein ethisches Problem sein könnte, dann kommt das im Arztalltag schon mehrmals in der Woche und in allen Fachrichtungen vor,” ergänzt sie. Häufig handelt es sich um Fälle, bei der die Autonomie der Patient_innen verletzt oder die ärztliche Autorität fragwürdig eingesetzt wird. „Man muss sich bewusst sein, was für eine Rolle man als Arzt hat und ob die vorgeschlagene Diagnostik oder Therapie wirklich zum Patienten und seinen Lebensumständen passt,“ führt Rogge weiter aus. „Gerade wenn der Oberarzt im wehenden weißen Kittel über den Flur schreitet, ist das für die meisten Patienten sehr beeindruckend,” wirft Laura ein.

Neben den Fallbesprechungen sind auch aktuelle Nachrichten aus der Gesundheitspolitik Thema bei den Treffen. Gesetzesänderungen oder öffentliche Diskussionen zu Aspekten wie der Widerspruchslösung bei Organspenden beschäftigen auch die angehenden Ärzt_innen aus dem Projekt. Zum Start wurde „Ethik first“ von der Förderstiftung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein mit 5000 Euro unterstützt. Die finanzielle Förderung ermöglichte es bereits, externe Referent_innen einzuladen.

Die Medizinstudierenden nehmen auf freiwilliger Basis teil, die meisten Mitwirkenden stehen in ihrer Ausbildung an der Schwelle zum Klinikeintritt. Mittelfristig soll es auch für Studierende in niedrigeren Fachsemestern die Möglichkeit geben, sich zu moralischen Fragestellungen auszutauschen. „Das Projekt soll als Grundlage berufsbegleitend für soft skills dienen und gerne schon ab Studienbeginn eine Rolle spielen,“ wünscht sich Rogge.

Den Effekt des Projekts spürt Laura in ihrem neuen Berufsalltag: „Ich merke mittlerweile, dass es mir leichter fällt, Probleme anzusprechen und lasse mich nicht mehr so schnell verunsichern.” Der Austausch mit ihren Kommiliton_innen und Annette Rogge hat ihr Selbstbewusstsein gegeben: „Und darum geht es eigentlich bei ‚Ethik first’: für Situationen gestärkt werden, in die man im Klinikalltag ständig geht.