Ethik first

Medizinstudierende lernen, ethische Konflikte im Klinikalltag zu bewältigen

Ärzte und Ärztinnen sehen sich regelmäßig mit ethischen Problemen im Berufsalltag konfrontiert. Um Studierende für ethisch heikle Situationen zu schulen und ihnen den Eintritt in die Klinik zu erleichtern, gibt es das Projekt „Ethik First”. Die Mit-Initiatorinnen Dr. Annette Rogge und Laura Lunden erzählen, wie es zur Gründung kam und wie ihre Visionen für die Zukunft des Projekts aussehen.

Text: Rebecca Such (Studentin/PerLe)

Quelle: unsplash.com/Hush Naidoo

 

Mit der Famulatur, dem ärztlichen Praktikum, beginnt nach zwei Jahren Pauken im Hörsaal der Eintritt in die Klinik. Angehende Mediziner_innen kommen meistens mit hohen ethischen Ansprüchen aus dem Studium, die im Berufsalltag nun erstmals auf die Probe gestellt werden. Hinzu kommt, dass sie in der straffen Klinik-Hierarchie weit unten stehen und nicht die beste Position haben, um eingreifen zu können.

Laura Lunden, mittlerweile in ihrem Praktischen Jahr, erlebte so eine Situation während einer Famulatur in einem auswärtigen Krankenhaus: Eine Patientin mit Krebs im Endstadium wurde gegen eigenen Willen zu einer Operation überredet, vor der sie Angst hatte und deren Sinn sich mehreren Mitarbeiter_innen im Team nicht erschloss. „Aus meiner Sicht wurde im Wissen der Ärzte falsch gehandelt,“ erzählt Laura. Über Gründe, die Operation letztendlich durchzuführen, lässt sich nur spekulieren: Möglicherweise bestand die Angst vor juristischen Konsequenzen, die Operation war finanziell motiviert oder der Leitung bangte es bei dem Gedanken, mit der Patientin über das Unausweichliche zu sprechen. Dr. Annette Rogge, Oberärztin am UKSH, stieß als Berufsanfängerin und im Laufe ihrer Karriere auf ähnliche Probleme, was sie unter anderem zum Anlass nahm, im Wintersemester 2017/18 das Projekt „Ethik first“ zu gründen.

Monatlich treffen sich interessierte Studierende unter Rogges Leitung und besprechen in Kleingruppen Alltagssituationen aus der Klinik. „Große Fälle zum Beispiel aus der Transplantations- und Neonatalmedizin sind seltener Thema,“ so Rogge. „Wenn man ein Auge dafür hat, was ein ethisches Problem sein könnte, dann kommt das im Arztalltag schon mehrmals in der Woche und in allen Fachrichtungen vor,” ergänzt sie. Häufig handelt es sich um Fälle, bei der die Autonomie der Patient_innen verletzt oder die ärztliche Autorität fragwürdig eingesetzt wird. „Man muss sich bewusst sein, was für eine Rolle man als Arzt hat und ob die vorgeschlagene Diagnostik oder Therapie wirklich zum Patienten und seinen Lebensumständen passt,“ führt Rogge weiter aus. „Gerade wenn der Oberarzt im wehenden weißen Kittel über den Flur schreitet, ist das für die meisten Patienten sehr beeindruckend,” wirft Laura ein.

Neben den Fallbesprechungen sind auch aktuelle Nachrichten aus der Gesundheitspolitik Thema bei den Treffen. Gesetzesänderungen oder öffentliche Diskussionen zu Aspekten wie der Widerspruchslösung bei Organspenden beschäftigen auch die angehenden Ärzt_innen aus dem Projekt. Zum Start wurde „Ethik first“ von der Förderstiftung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein mit 5000 Euro unterstützt. Die finanzielle Förderung ermöglichte es bereits, externe Referent_innen einzuladen.

Die Medizinstudierenden nehmen auf freiwilliger Basis teil, die meisten Mitwirkenden stehen in ihrer Ausbildung an der Schwelle zum Klinikeintritt. Mittelfristig soll es auch für Studierende in niedrigeren Fachsemestern die Möglichkeit geben, sich zu moralischen Fragestellungen auszutauschen. „Das Projekt soll als Grundlage berufsbegleitend für soft skills dienen und gerne schon ab Studienbeginn eine Rolle spielen,“ wünscht sich Rogge.

Den Effekt des Projekts spürt Laura in ihrem neuen Berufsalltag: „Ich merke mittlerweile, dass es mir leichter fällt, Probleme anzusprechen und lasse mich nicht mehr so schnell verunsichern.” Der Austausch mit ihren Kommiliton_innen und Annette Rogge hat ihr Selbstbewusstsein gegeben: „Und darum geht es eigentlich bei ‚Ethik first’: für Situationen gestärkt werden, in die man im Klinikalltag ständig geht.

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