Interview: Kopfstand in Hörsaal

Christian Spannagel über Flipped Classroom

Der dunkle Lord der Mathematikdidaktik war zu Gast an der CAU. Im Interview verrät Professor Christian Spannagel, warum er ein Fan des Flipped Classroom ist – und wie er es schafft, dass seine Studierenden top vorbereitet zur "umgedrehten Vorlesung" erscheinen.

Für Geisteswissenschaftler ist das Konzept des Flipped Classroom nichts grundlegend Neues: Man liest im Vorfeld beispielsweise einen Text und diskutiert ihn anschließend im Seminar. In der Mathematik sieht das schon ganz anders aus. Können sie den klassischen Ablauf einer solchen „umgekehrten Vorlesung“ in Ihrem Fach einmal kurz skizzieren?
Professor Christian Spannagel: Klar. Die Studierenden bekommen Vorlesungsvideos, die ich früher aufgezeichnet habe. Damit bereiten sie sich auf die Präsenzveranstaltung vor. Die Studierenden schauen die Videos an, sie füllen dabei Work-Sheets aus, machen Quizze und so weiter – sie bereiten sich also aktiv auf die Plenumsveranstaltung vor. Dann kommen sie dorthin und es wird erst einmal eine Fragerunde abgehalten – das heißt, man klärt alle Fragen zu den Videos. Anschließend habe ich Aufgaben dabei, die die Studierenden in unterschiedlichen Phasen lösen sollen. Mal in Partnerarbeit, mal in Einzelarbeit. Dann machen wir wieder eine Plenumsbesprechung, dann spielen wir ein Hörsaal-Spiel – also die 90 Minuten, die muss ich phasenmäßig gestalten, vorbereiten und abwechslungsreiche Lerngelegenheiten schaffen.

Macht Sie das Lehren im Flipped Classroom eigentlich glücklich – und, wenn ja, warum?
Es macht mich jedenfalls glücklicher als früher. Weil man im Flipped Classroom mehr Zeit in der Präsenzphase hat, um mit den Studierenden gemeinsam zu arbeiten und zu erspüren, welche Gedankengänge sie haben, welche Fehler sie noch machen. Der „flipped classroom“ verschafft mir die Zeit, studierendenzentriertes Arbeiten in der Präsenzphase umzusetzen.

Was würden Sie als Herausforderungen für den Lehrenden bezeichnen?
Ein Flipped Classroom ist wesentlich schwieriger als einfach „nur“ eine Vorlesung zu halten. Eine Vorlesung – 90 Minuten Vortrag – kann ich mehr oder weniger gut vorbereiten, vielleicht hat man den Vortrag sogar schon ein paar Mal gehalten. Wenn ich jetzt aber eine studierenden-aktivierende Präsenzveranstaltung habe, wenn die Studierenden sich aktiv einbringen, gemeinsam Lösungen entwickeln und so weiter, dann kann natürlich alles Mögliche passieren. Es können Lösungen auftauchen, die ich vorher nicht erwartet hätte, die ich selbst nicht verstehe oder in denen Fehler stecken, die man selbst erst einmal finden muss. All das verlangt eine hohe Aufmerksamkeit und Expertise vom Dozenten. Auf der anderen Seite hat man im Flipped Classroom aber auch die Zeit und die Ruhe, sich darüber Gedanken zu machen. Beispielsweise, wenn man eine Methode anwendet wie das aktive Plenum, wo die Studierenden selbst an der Tafel Aufgaben lösen und ich als Dozent hinten sitze und das Ganze beobachte. Ich habe dann die Zeit, mich einzudenken, die Situation zu kontrollieren und zu versuchen, den Lösungsweg nachzuvollziehen. Das verschafft eigentlich sogar viel mehr Kontrolle als früher, wenn man 90 Minuten lang praktisch im Aufmerksamkeitsfokus aller stand.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach eine Maximalgröße für eine Vorlesung oder ein Seminar, mit der sich der Flipped Classroom gerade noch gut umsetzen lässt?
Die Methoden, die man anwendet, sind für die Zahl der Studierenden letztlich entscheidend. Ich hab´s mit hundert Studierenden gemacht, das ging ganz gut. Wenn´s mehr werden, ist es einfach schwieriger studierendenzentriert zu arbeiten.

Wird der Arbeitsaufwand aus Ihrer Sicht größer als bei einem klassischen Veranstaltungsformat?
Wenn man früher einfach seinen Ordner aus dem Schrank gegriffen hat, um eine Vorlesung zu halten, ist es mehr Aufwand. Weil man sich  von Woche zu Woche Aufgaben überlegen und flexibler auf die Probleme der Studierenden eingehen muss. Es ist natürlich aufwendig, das durchzuführen. Für jemanden, der auch früher seine Vorlesung intensiv vorbereitet hat, ist der Aufwand wahrscheinlich vergleichbar.

Und wie verhält es sich mit dem Aufwand für die Studierenden?
Für die ist es natürlich auch aufwendig, sie müssen die Vorlesung zu Hause wirklich vorbereiten. Jetzt kommen einige Studierende und sagen : ‚Oh, wir müssen hier viel mehr machen als sonst, das ist doch unangemessen!‘ Aber eigentlich, muss man sagen, ist die Zeit, die sie für den Flipped Classroom verwenden – gerade für die Heimarbeit – die angemessene Zeit. In der Regel machen die Studierenden vielleicht zu wenig zu Hause. Jetzt ist das ein Szenario, bei dem sie praktisch gezwungen werden, die Zeit zu Hause tatsächlich zu investieren, die sie auch investieren müssen. Insofern ist es ganz gut, dass die Studierenden einen höheren Lernaufwand haben als früher.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Übrigens: Auf seinem Blog beantwortet Christian Spannagel die häufigsten Fragen zum Thema Flipped Classroom im Videoformat.

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