»Graphic Knowledge: Comic, Forschung, Vermittlung«

Tagungsbericht der CLOSURE International Autumn Online School (CIAOS)

Was wissen Comics? Um diese Frage zu beantworten, kamen im vergangenen Oktober Comicforscher_innen, Studierende und Künstler_innen aus verschiedensten Zeitzonen im virtuellen Raum zusammen, um sich mit der Wissensvermittlung durch Comics auseinanderzusetzen. Bei der interdisziplinären Autumn School „Graphic Knowledge: Comic, Forschung, Vermittlung“ konnten die Teilnehmer_innen die Formen des Wissens erforschen, die in Text und Bild, in Panels und Sequenzen, in Cartoons und Symbolen angelegt sind. Ganz im Sinne des Kieler e-Journals Closure, dessen Redakteur_innen diesen Workshop organisiert haben, sollte der Comic als ein vielseitiges Ausdrucksmittel erarbeitet werden, das neue Perspektiven auf bekanntes Wissen ermöglicht.

    Text: Closure-Team

Zugleich war bei der Tagung zwischen 12. und 14. Oktober 2020 unser Ziel, dieses Wissen zur praktischen Anwendung zu bringen. Statt also nur über den Comic zu forschen, sollte die Autumn School die Forschung mit dem Comic ermöglichen. So konnten Teilnehmer_innen in eigenen Zeichnungen und Comicprojekten erproben, was sie bereits über den Comic gelernt haben – und wie sich das Wissen über ihre eigenen Forschungsprojekte verändert, wenn es als Comic umgesetzt wird.

Comic-Fragen

Zunächst galt es, einen Einstieg in die Welt des Comics zu finden. Dazu hatte Gerrit Lungershausen ein Pub-Quiz organisiert, in dem 15 Comicwissenschaftler_innen und Zeichner_innen per Video Fragen rund um die Geschichte, Form und Themen dieses Mediums stellten. Neben den spannenden Themenbereichen hatte diese Runde den Eneffekt, dass die Teilnehmer_innen einen Teil der Gemeinschaft von Comicschaffenden und -forschenden kennenlernen konnten. Im Sinne der zugrundeliegenden Frage nach Formen des Wissens konnten sie sich so als Teil einer Wissens- und Forschungsgemeinschaft verstehen.

 

 

Es folgte der erste Workshop, den Cord-Christian Casper zum Thema „Sequentiality and Multiperspectivity — ‘Unflattening’ Knowledge‘“ anleitete. Hier konnten sich die Teilnehmer_innen mit den Grundbausteinen des Comic-Mediums auseinandersetzen. Insbesondere ging es um die Frage, wie Comics eine eigene Form der Wissensvermittlung ermöglichen, indem sie Zeichen neu kombinieren oder Sequenzen knüpfen und auflösen. Auch hier musste sich die Theorie in der gemeinsamen Praxis bewähren: Die Teilnehmer_innen setzten Comics neu zusammen und stellten sich dabei die Frage, was die Einzelbilder im Innersten zusammenhält. Das nachzuvollziehen ist bisweilen gar nicht so leicht: „My brain is making a series of it. My brain is trying to make sense of it“, wie eine Teilnehmerin es ausdrückte.

Nach der ersten Projektphase wurde der erste Tag mit der Keynote des Gießener Kultursoziologen Jörn Ahrens abgeschlossen. In seinem Vortrag „Graphic Epistemology and the Condemned Medium in Jeff Lemire’s Gideon Falls“ zeigte Ahrens anhand von Formexperimenten in aktuellen Comics, welche besonderen Darstellungsweisen dieses Medium ermöglicht. Insbesondere weisen Comics auf die Künstlichkeit der dargestellten Welt hin – und ermöglichen so ein Erzählen und Denken, das nicht an ‚normale‘ Regeln von Raum, Zeit und Darstellung gebunden ist. Diese Möglichkeiten ergeben sich auch daraus, dass der Comic gesellschaftlich unterschätzt oder sogar abgelehnt wird – und dadurch unter dem Radar einer ‚offiziellen Kultur‘ ein ganz eigenes Wissen entwickeln kann. Am Beginn des zweiten Tages bot Jörn Ahrens den Teilnehmenden die Gelegenheit zu einer ausführlichen Diskussion dieses speziellen Comic-Wissens. Dabei ergab sich die Gelegenheit, Anknüpfungspunkte an eigene Projekte zu suchen, sodass sich dieser Einblick in aktuelle Fragen der Comicforschung als außerordentlich anregend für die weitere Workshop-Arbeit erwies.

In den nächsten Tagen konnte das Wissen über die Vermittlungsleistung des Comics aus der Perspektive dreier weiterer Perspektiven betrachtet werden.  In ihrem Workshop „The Limits of Knowledge: What Comics Cannot Teach Us about Illness and Disability“ führte die Nordamerikanistin Gesine Wegner die Teilnehmer_innen in das Forschungsfeld der Graphic Medicine ein: Wie werden Krankheit und Behinderung in aktuellen Comics zur Darstellung gebracht? Wie geht die Comiczeichner_in mit der Darstellung der Empfindungen und Gefühle des Charakters um? Das waren zentrale Fragen, die unsere Teilnehmer_innen an Beispielen in Gruppenarbeit diskutieren und vergleichend erarbeiteten.

 

 

Friederike Rückert vom Flensburger Institut für Ästhetisch-Kulturelle Bildung stellte in ihrem Workshop die Graphic Novel „Filmish- A Graphic Journey Trough Film“ vor – einen Comic, in dem die Geschichte des Kinos erzählt wird. Rückert erläuterte die Umsetzung des Filmischen in das zeichnerische Medium und offenbarte die narrativen Grenzen sowie Gemeinsamkeiten zwischen Kino-Sequenz und Comic-Strip. Gemeinsam erarbeiteten wir in diesem Workshop grundsätzliche Vermittlungsleistungen des Comics, die im Medienvergleich besonders deutlich werden.

In ihrem Workshop „Global History Knowledge in Comics“ nutzte die Kieler Historikerin Stephanie Zehnle zwei Comic-Adaptionen  eines Epos aus Mali, um die Verhandlung globaler Geschichte aufzuzeigen. In der Diskussion dieser Comics zeigte sich insbesondere die politische Dimension jeglichen Wissens. Den Teilnehmer_innen wurde vor Augen geführt, dass auch die Vermittlung durch den Comic Interessen folgt, Identitäten ausbildet und ganze Formen kollektiven Wissens mitgestaltet.

Projektarbeit

Kern der Autumn School war ein Praxisprojekt, in dem die erworbene Comic-Theorie zur Anwendung kommen sollte. In drei Phasen stellten sich die Teilnehmer_innen die Frage, wie sie ihre ganz eigenen Forschungsprojekte als Comics umsetzen könnten. Die Themenvielfalt war beeindruckend – von der Geographie zur Archäologie, einem anthropologischen Projekt zu indigener Kosmologie bis hin zur Vermittlung von medizinischem Wissen.

Die Arbeit an den eigenen Projekten war ein Highlight der Autumn School, die an den beiden Folgetagen auf der Grundlage des erworbenen Comic-Wissens fortgeführt wurde. Dabei war die Zusammenarbeit mit dem Kieler Comiczeichner Tim Eckhorst essentiell, der am zweiten Tag einen Workshop mit dem Titel Practical Workshop – Showing Knowledge, Drawing Knowledge durchführte. Eckhorst gelang es, trotz des virtuellen Formats ein Gefühl gemeinschaftlichen Experimentierens zu erzeugen.

 

 

Einige Besonderheiten des Comic-Mediums wurden besonders deutlich, als die Teilnehmer_innen unter seiner kundigen Anleitung eine ständig erweiterte Sequenz zeichneten. Auch diejenigen, die seit langer Zeit zum ersten Mal wieder einen Zeichenstift hielten, erstellten klare, aussagekräftige Sequenzen, die überraschende und oft komische Verbindungen zwischen scheinbar widersprüchlichen Objekten zutage förderten. Es zeigt sich: Wer einmal ein Flugzeug und einen Elefanten in einer Panelsequenz zusammengebracht hat, ist bestens für weitere Comic-Arbeit gerüstet.

Tim Eckhorsts Workshop zeigte anschaulich, wie der Comic Geschichten erzählt, Informationen vermittelt und Wissen schafft. Diese Fertigkeiten konnten die Teilnehmer_innen auch in einem weiteren Workshop mit Darren Fisher erproben, einem australischen Cartoonisten. In seinem Schritt-für-Schritt Comics Crash Kurs wurde insbesondere die Verbindung von Bild und Text erprobt – und der Moment der Entscheidung betont, in dem eine Comiczeichner_in auswählt, was im Panel Platz findet. Insbesondere ging es Fisher darum, dass Cartooning Ideen generiert: die Auswahl eines Bildausschnitts funktioniert als eine Art ‚zeichnendes Denken‘, das vertraute Ideen in neuem Licht erscheinen lässt.

Die Teilnehmer_innen konnten sich auf diese Weise mit Fragen auseinandersetzen, die Vero Mischitz in ihrem Arbeitsprozess tagtäglich begleiten. In ihrem Vortrag am Ende des ersten Tages ließ die Comic-Künstlerin uns an dem Entstehungsprozess ihrer Science Comics für das Helmholtz Institut teilhaben. Hier zeigte sich, dass gute Wissenschaftskommunikation im Comic nicht nur genaue Recherche benötigt, sondern auch ein kreatives Spiel mit Bildrhetorik, Metaphern und Bild-Text Kombinationen.

Gewappnet mit dem Wissen aus diesen Workshops konnten die Teilnehmer_innen ihre eigenen kurzen Comics erstellen, die zum Abschluss der Konferenz in einem virtuellen Gallery Walk gemeinsam mit Tim Eckhorst besprochen, kritisch begutachtet und gewürdigt wurden. Alle Comics der Autumn School Artists wiesen Elemente der Comic-Form auf, die wir zuvor erarbeitet hatten. Dabei war die Vielfalt der grafischen Forschungsvermittlung durch die Teilnehmer_innen besonders beeindruckend. Unter anderem konnten wir Comics als Landkarte, verwobene Panels oder hilfreiche Cartoon-Avatare begutachten, die wissenschaftliche Themengebiete in leicht verständliche, aber dennoch komplexe Formen umwandelten. Die Ergebnisse des Workshops stellten sich als eine verbindende, transdisziplinäre und interkulturelle Comicsprache dar, die Verständnisbarrieren überwinden und neue Ansätze herausfordern kann.

Insgesamt hat der Workshop das Prinzip des e-Journals CLOSURE, Comicforschung zugänglich zu machen, erfolgreich umgesetzt. Besonders hat uns gefreut, wie der Workshop während der weltweiten Pandemie Austausch und Gemeinschaft über Landes- und Disziplingrenzen hinweg ermöglicht hat. Der Comic hat sich hier als Verbindungsmedium erwiesen: Die Teilnehmer_innen haben nicht nur einen neuen Blick auf die Vermittlungsleistung in Panels gewonnen, sondern das Medium auch als Mittel eigenen Forschens neu entdeckt.

Dass wir diese Erfahrung des Austauschs, Zeichnens, Forschens und Diskutierens umsetzen konnten, ist der Unterstützung durch das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen – PerLe zu verdanken. Wir möchten uns ganz herzlich bei dem PerLe-Team, unseren Referent_innen und selbstverständlich den fantastischen Teilnehmer_innen bedanken!

 

 

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