Virtuelle Exkursionen in der Europäischen Ethnologie

Digitale Lehre im Sommersemester 2020

In vielen Fächern gehören Exkursionen zum Studienplan; aufgrund der aktuellen Beschränkungen können sie im Sommersemester 2020 jedoch nicht wie gewohnt stattfinden. In der Europäischen Ethnologie versucht Sven Reiß seinen Studierenden dennoch ein Angebot zu machen und hat Ende April die erste virtuelle Exkursion durchgeführt.

Text: Rebecca Such, Studentin

 

Igor Miske/Unsplash.com.

 

Im Fachbereich Ethnologie gehören Besuche von Museen und Ausstellungen zur gängigen Praxis. Sven Reiß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde, wollte dieses Semester ursprünglich eine Exkursion ins Museum für Hamburgische Geschichte anbieten. Stattdessen fand die Exkursion am 23. April 2020 jetzt virtuell statt und die Studierenden besuchten die Ausstellung Tattoo-Legenden – Christian Warlich auf St. Pauli online.

 

Wie sind sie auf die Idee gekommen, die Exkursion virtuell durchzuführen?

Sven Reiß: Bereits bei den Vorbereitungen der an sich noch klassisch analog geplanten Ausstellung, wurde ich auf das digitale Angebot des Museums aufmerksam. Nachdem klar war, dass die ursprünglich geplante Exkursion aufgrund der Pandemie vermutlich nicht stattfinden kann und ich erste Anfragen nach den Möglichkeiten einer Verschiebung erhielt, habe ich mich mit dem Kurator Dr. Ole Wittmann in Verbindung gesetzt. Wir haben diskutiert, ob er sich vorstellen könne, uns auch digital die Ausstellung über einen virtuellen Rundgang näherzubringen.

 

Als wie groß würden Sie den Arbeitsaufwand für die Vorbereitung der Online-Exkursion von Dozent_innenseite einschätzen? In welchem Verhältnis steht das zu einer regulären Exkursion?

Sven Reiß: Anfangs braucht eine virtuelle Exkursion mehr Zeit bei der Planung. Nur simpel eine der vielen derzeit angebotenen digitalen Ausstellungen mit Studierenden zu besuchen, wäre doch ein wenig zu dünn. Ich habe zusätzlich angefangen, nach geeigneten digitalen Kommunikationsmöglichkeiten zu schauen und ein digitales Rahmenprogramm zu schaffen.

 

Welche Tools nutzen Sie für die Online-Exkursion?

Sven Reiß: Neben der vom Museum angebotenen Möglichkeit des digitalen 3D-Rundgangs, nutze ich BigBlueButton in der CAU-Fassung für eine Videokonferenz, um auch wirklich mit den Studierenden in Diskussionen zu kommen. Sollte es da während der Exkursion zu unvorhergesehenen technischen Problemen kommen, habe ich zur Absicherung noch einen Konferenzraum über Jitsi eingerichtet, da man sich dort zur Not auch per Telefon zuschalten kann. Ansonsten werden die Studierenden in Kleingruppen nach dem Ausstellungsrundgang noch mit ihrem üblichen Browser zu einigen Fragestellungen auf ethnografische Erkundungen gehen und sich dazu in eingerichteten Kleingruppenräumen („Breakout-Rooms“) bei BigBlueButton austauschen können.

 

Denken Sie, dass Onlineexkursionen auch über diese Ausnahmesituation hinaus Zukunft (in ihrem Fachbereich) haben?

Sven Reiß: Für die Annäherung an ethnografische Erkundung digitaler Kulturen könnte ich mir ein solches Format durchaus vorstellen, ansonsten freue ich mich bereits jetzt, mit den Studierenden wieder analog in unsere Forschungsfelder vor der Haustür aufzubrechen. Gerade mehrtägige Exkursionen lassen sich durch ein digitales Format nicht ersetzen.

 

Welchen Mehrwert erhoffen Sie sich eventuell für Ihre Studierenden aus dem Format – abgesehen davon, dass die Exkursion nicht einfach ausfällt?

Sven Reiß: Tatsächlich ist zunächst einmal der letzte Punkt für mich entscheidend. Studierende benötigen Exkursionsangebote dieses Semester, um Ihr Studium in der geplanten Zeit abschließen zu können. Aber diese haben durchaus etwas zu bieten: Als empirischer Alltagskulturwissenschaftler erscheint mir ein großer Mehrwert in der Sensibilisierung darin, wo und wie stark die analoge Welt längst digital geworden ist – eng verwobener Teil des Alltagslebens, den wir vielleicht bei bisher üblichen Exkursionen weniger deutlich wahrnahmen. Also Perspektiverweiterung. Unbedingt.

 

 

Für Dozent_innen, die ein ähnliches Format planen, hat Sven Reiß einige Tipps parat. Nach der Exkursion, die am 23. April 2020 stattfand, hat er die Liste freundlicherweise ergänzt:
  • Einfach machen, ausprobieren und währenddessen lernen, wie es geht.
  • Es ist außerdem wichtig, sich nicht in technischer Perfektion verlieren – aus jeder Exkursion kann man lernen und Neues mitnehmen
  • Bei möglichen virtuellen Ausstellungsbesuchen ausreichend Zeiteinplanen – nicht nur wegen möglicher technischer Probleme, sondern auch, weil ohne andere Museumsbesucher_innen Kuratoren_innen mehr Zeit haben, mit uns in aller Ruhe vor den einzelnen Objekten zu verweilen, zu erzählen und zu diskutieren.
  • Wie bei einer analogen Exkursion sollte man bei der Planung Zeit für eher informelle Austauschmöglichkeiten ohne Dozent_innen, generelle Abwechslung und vor allem Pausen nicht vergessen.

 

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